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Yoga: Achtung vor Überlastung

Yoga: Achtung vor ÜberlastungYoga-Übungen sind Teil eines spirituellen Systems Indien. Die Körperübungen – Asanas – stehen auch im Westen hoch im Kurs. Als Entspannungs-methoden werden sie kommerziell angeboten, Volkshochschulen veranstalten unzählige Kurse. Ein Artikel in der „New York Times“(NYT) weist darauf hin, dass Yoga-Übungen dem ungeübten Westler nicht immer zum Vorteil gereichen.

William J.Broad, Autor des im Februar 2012 erscheinenden englischsprachigen Buchs „The Science of Yoga: The Risks and Rewards“ (Die Wissenschaft des Yoga: Risiken und Erfolge) weist auf die Gefahren von Yoga-Übungen hin. Broad kennt aus eigener Erfahrung nicht nur die Heilkraft sondern auch die Gefahren von Yogaübung: Seine Rückenbeschwerden im Lendenbereich konnte er erfolgreich mit einer Auswahl an Yoga-Übungen in den Griff bekommen. Vor fünf Jahren allerdings während einer Übung, die als heilsam für viele Rückenbeschwerden gepriesen wurde, gab sein Rücken nach und das Bandscheibenproblem war akuter als je zuvor. „Und damit schwand auch mein – in der Rückschau naive – Glaube, das Yoga immer eine Quelle der Heilung und niemals des Schadens ist“, so Broad im NYT-Artikel.

Manche Übungen nicht zum generellen Gebrauch

Daraufhin suchte er einen bekannten Yoga-Lehrer in New York auf – Glenn Black – und erfuhr Ungewöhnliches: Der Schwerpunkt seiner Lehre lag nicht darauf, viele verschiedene Übungen durchzuführen, sondern vielmehr einige wenige, die aber dafür bewusst zu absolvieren. Und: Der Lehrer ist zur Überzeugung gekommen, dass die große Mehrheit der Leute Yoga überhaupt aufgeben sollten, weil es zu wahrscheinlich ist, dass sie sich bei den Übungen verletzen werden. Nicht nur Yoga-Schüler sondern auch bekannte Lehrer würden sich wegen physischer Schwächen unvermeidlich verletzen. Statt Yoga zu betreiben, sollten diese Menschen ein Set von Übungen machen, die den Bewegungsumfang der Gelenke steigern und die körperlichen Schwachstellen stärken. „Yoga ist für Menschen in guter körperlicher Verfassung gedacht. Oder es kann therapeutisch eingesetzt werden. Es kann kontroversiell betrachtet werden, aber es sollte wirklich nicht für den allgemeinen Gebrauch verwendet werden“, so Black. Alle Menschen mit dem gleichen Set von Asanas „über einen Kamm zu scheren“ würde niemandem gut tun.

Mit zu großen Ehrgeiz

Laut Black sei auch beim Yoga-Training das größte Problem der demographischen Wandel. Indische Yoga-Treibende sitzen typischerweise von Kindesbeinen an den ganzen Tag und bei allen Tätigkeiten mit gekreuzten Beinen – aus diesem Sitz haben sich dann die Körperübungen des Yoga – die Asanas – entwickelt. Nun geht der westliche urbane Mensch, nachdem er im Beruf den ganzen Tag sitzt, mehrmals wöchentlich in Studios oder den Yoga-Kurs, wo er immer schwierigere Übungen macht, ohne die dafür nötige Beweglichkeit zu haben. Viele betreiben Yoga als sanfte Alternative zu belastenden Sportarten oder um sich von Verletzungen zu rehabilitieren. Dabei lässt eine große Zahl an Lehrern des boomenden Yoga-Sektors – vier Millionen Yoga-Treibende in 2001, 20 Millionen in 2011 – das nötige Wissen vermissen, wenn sich ihre Studenten „Richtung Verletzung bewegen“, so Black.
Black hat Yoga-Lehrer gesehen, die ihre Dehnungsübungen so intensiv betrieben, dass ihre Achillessehne gerissen ist. Das sei ihrem Ego geschuldet, wobei es „bei Yoga doch genau darum gehe, das Ego los zu werden“. Er berichtet sogar von Lehrern, die ihren Unterricht nur mehr im Liegen halten konnten.
Dabei sei Yoga als Zaubermittel zur Erneuerung und Heilung beschrieben. Seine Möglichkeiten zu beruhigen, heilen, energetisieren und kräftigen werden gefeiert. Und viel davon sei wahr: Yoga kann den Blutdruck senken, Hormone, die als Antidepressivum wirken, mobilisieren, sogar das Sex-Leben verbessern. Aber falsch angewandt kann es auch zu Verletzungen führen.

Schon lange bekannt

Erste Berichte über „Yoga-Verletzungen“ erschienen schon vor Jahrzehnten, hält Broad fest. Sie erschienen in so renomierten Journalen wie „Neurology“, „The British Medical Journal” und „The Journal of the American Medical Association”. Die Spanne der Verletzungen reichte von kleinen Beschwerden bis zu dauerhaften Behinderungen. So beschreibt Broad einen Fall, bei dem ein Student sehr lange aufrecht auf seinen Fersen gesessen ist und dadurch die Blut- und Sauerstoffversorgung in seinen Beinen und deren Nerven abgeschnitten hatte. Er hatte darauf hin Schwierigkeiten zu gehen, zu laufen und Stiegen zu steigen. Nachdem er diese eine spezielle Übung abgesetzt hatte, besserten sich die Beschwerden aber rasch.
1972 wurde im „British Medical Journal“ ein Bericht veröffentlicht, der dem „Schulterstand“ ein besonders schlechtes Zeugnis ausstellte. Im Besonderen gefährlich sei der „Schulterstand“, weil dabei das gesamte Körpergewicht auf den Schultern ruht, während das Kinn möglichst weit zum Brustbein gebeugt wird. Dabei kommt es zu einer Beugung in der Halswirbelsäule von fast 90 Grad. Broad: „Normalerweise kann der Nacken 75 Grad überstreckt, 40 Grad gebeugt und seitlich 45 Grad bewegt werden, und um die eigene Achse kann er etwa 50 Grad gedreht werden.“ Ein geübter Yoga-Adept kann seinen Nacken mit Leichtigkeit 90 Grad beugen. In seinem Artikel für die NYT beschreibt Broad Fälle von Bandscheibenschäden bis hin zu Schlaganfällen, die auf diese Übung zurückgeführt werden können, weil unter anderem die versorgenden Wirbelarterien verengt oder geschädigt werden. Auch wenn die Mehrheit der Patienten ihre eingeschränkten Funktionen wieder erlangen, besteht in einigen Fällen Kopfweh, Schwindel und Schwierigkeiten bei der Ausführung feiner Bewegungen über Jahre hinweg. Erschwerend sei in diesen Fällen, dass die Ursache für solche Schlaganfälle nicht oder spät entdeckt würden.
Wissenschaftler schlossen aus solchen Fällen, dass gesunde Menschen sehr wohl ihre Wirbelarterien durch Nackenbewegungen, die das physiologische Bewegungsausmaß übersteigen, schädigen können.

Schulter- und Kopfstand: Besonders gefährlich

Besondere Aufmerksamkeit soll dem bereits erwähnten Schulter- aber auch dem Kopfstand geschenkt werden. Diese Übungen hält mancher Yoga-Lehrer für den generellen Gebrauch für ungeeignet: Nerven, die vom Nacken in die Arme führen, können gequetscht und degenerative Arthritis in der Halswirbelsäule ausgelöst werden.
Broad zitiert noch einmal Glenn Black, der sich nach einem Leben voll Yoga wegen Spinalstenosen (Verengung des Wirbelkanals) operieren lassen hatte müssen: „Asanas sind kein Allheilmittel. Tatsächlich werden Probleme auftauchen, wenn die Körperübungen mit Über-Ehrgeiz und Besessenheit ausgeführt werden.“

Ohne Übertreibung gehts auch

Dem Artikel der NYT kann auch der Tiroler Mediziner Johannes Gänzer eine gewisse Berechtigung nicht absprechen. Der leitende Oberarzt der Internen Abteilung des LKh Hall/T. hat sich in verschiedenen Vorträgen mit Yoga aus medizinischer Sicht beschäftigt. In einem Interview in der Tageszeitung „der Standard“ gibt er zu bedenken, dass Yoga zu einem Massensport geworden ist. „Immer mehr Leute gehen über ihre eigenen Grenzen hinaus, machen sehr komplizierte, zum Teil auch gefährliche Übungen wie schwierige Asanas und erhöhen damit das Risiko, sich zu verletzen.“
In Summe helfe Yoga allerdings mehr als es schade. Als Teil eines spirituellen Systems muss das Hauptaugenmerk ja nicht für jeden auf die Körperübungen gelegt werden. Auch aus den mehr spirituellen Aspekten des Yoga – Meditation und Entspannung – kann gesundheitlicher Nutzen gezogen werden. Gänzer: „Yoga beeinflusst das vegetative Nervensystem positiv, indem es den Sympathikus hinunterreguliert und den Parasympathikus aktiviert. Das hat Auswirkungen auf den Blutdruck und nachfolgende Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Auch dafür sind vor allem die Entspannungs- und Atemübungen verantwortlich.“
Dem interessierten Laien empfiehlt Gänzer Yoga zu machen und den Schwerpunkt auf die meditativen Elemente zu legen: „Letztendlich ist immer die Frage, wie man Yoga betreibt. Mit moderaten kleinen Schritten sind zwei Drittel aller Übungen für die meisten Menschen gefahrlos machbar. Möglichst schnell im Handstand verkehrt die Füße nach hinten zu bringen, sollte aber auf keinen Fall das Ziel sein.“

Mag. Christian Boukal
Jänner 2012


Foto: Bilderbox

Zuletzt aktualisiert am 11. Mai 2020