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Bis zum letzten Meter... - Marathon laufen

Marathonläufer in der GruppeWer einen Marathon laufen will, sollte sicher und gut vorbereitet sein. 42,195 Kilometer. Ein Wahnsinn. Warum tun Mann und Frau sich das an? Wer jemals ins Ziel gekommen ist, der weiß es: Es ist wahrlich ein Glücksgefühl, einen Marathon geschafft zu haben. Und das kann (fast) jeder. Vorausgesetzt, er hat trainiert. Und das richtig. Denn gesund ist ein Marathon nicht.

Am Anfang steht die Legende. Die Legende eines Laufes, der mit dem Tod des erschöpften Läufers endet. Den Boten, der die Botschaft vom glorreichen Sieg der Athener gegen die Perser ins knapp 40 Kilometer entfernte Athen bringen sollte und danach zusammengebrochen und gestorben ist, hat es nie gegeben. Dennoch ist im Rückgriff auf diese Legende die Disziplin Marathon „erfunden“ worden. Am 10. April 1896 um 13.56 Uhr startete im Örtchen Marathon der erste offizielle Marathonlauf in der Geschichte des Sports. Anfangs waren es nur eine Handvoll Asketen, die nach Ansicht von einigen Funktionären eher in die Irrenanstalt als auf die Straße gehörten, doch aufzuhalten war der Marathon-Boom nicht.
 

Heute zählt ein Marathon zum Nonplusultra für jeden Läufer. Mehr als 10.000 Läufer nehmen jedes Jahr beim Wien-Marathon – Österreichs Laufhighlight – teil. Für jeden ist es das Größte, einfach nur anzukommen, den eigenen Körper an die Grenzen seiner Leistungsfähigkeit getrieben und das Glücksgefühl unglaublicher Mengen ausgeschütteter Endorphine erlebt zu haben. Beim Marathon ist jeder Sieger. Siegerin war Dr. Dagmar Rabensteiner schon oft. 16 Mal ist sie bereits Marathon gelaufen, 12 Halbmarathons und unzählige 10.000 Meter-Läufe hat die 40jährige Internistin und Sportmedizinerin bereits absolviert. Beim Berlin-Marathon 2003 hat sie mit einem österreichischen Damen-Marathonrekord ihre persönliche Karriere als Leistungssportlerin offiziell beendet. 2004 ist sie die offizielle Marathon-Ärztin des Wien-Marathons. „Wer einen Marathon laufen will, der sollte sich mindestens fünf, sechs Monate darauf vorbereiten“, so die Ärztin und Laufexpertin. Sportliche Menschen können mit einem individuellen Trainingsprogramm eine passable Zeit laufen, Anfänger sollten sich mindestens ein Jahr Vorbereitung gönnen, vor allem, um zuerst die nötige Grundkondition zu erlangen. 

Traut Euch!

„Traut Euch!“ Das ist das Credo der Spitzenläuferin. „Geht das Ziel an!“ Sie will allen, die mit einem Marathon liebäugeln, Mut machen. Aber als Ärztin gibt sie natürlich den Rat: Ohne Vorbereitung, ohne richtiges Training sollte keiner an den Start gehen. Deshalb empfiehlt sie jedem, sich am Anfang einer sportmedizinischen Untersuchung zu unterziehen. Hier soll abgeklärt werden, wie gesund, leistungsfähig und belastbar ein potentieller Marathonläufer ist. Anschließend wird ein individuellerTrainingsplan entwickelt. „Ich bin der Meinung, dass man auch mit einem Handicap, mit einer Krankheit laufen kann“, so die mutige Aussage der Ärztin.

Dennoch gibt es für sie Ausnahmen, Menschen, denen sie von einem Start abraten würde. Denn ein Marathon ist eine Belastung vorwiegend für das Herz-Kreislauf-System. „Und das ist das Gefährliche. Die muskuläre Belastung bringt einen nicht um.“ Eine Verengung der Herz-Kranzgefäße, eine durch einen Infekt hervorgerufene Herzmuskelentzündung, Stoffwechselerkrankung wie Diabetes, Fehlfunktion der Schilddrüse, Herzklappenfehler – das alles sind (im Vorfeld oft unerkannte) Erkrankungen, die bei einer Belastung, wie sie ein Marathon darstellt, zum Tod führen können. „Viele wissen gar nichts über ihre Erkrankungen. Bei einer Leistungsdiagnostik können solche Gefährdungspotentiale aber erkannt werden. Und ich bin froh über jeden, den ich aus medizinischer Sicht von einer Nicht-Teilnahme am Marathon überzeugen konnte. Aber gut geführt unter Anleitung kann auch jemand mit Diabetes oder sogar nach einem Herzinfarkt einen Marathon laufen“, so Rabensteiner. Generell appelliert sie an die Eigenverantwortung jedes einzelnen Läufers.
 

Richtig trainieren

Aber nicht nur die körperlichen Voraussetzungen sollten gegeben sein. Auch das Training muss stimmen. Rabensteiner: „Das Training ist gesund, der Marathon an sich nicht.“ Für sportliche Menschen rät sie mindestens sechs Monate vor einem 42-Kilometer-Lauf einen Check. Danach sollte strukturiert trainiert werden. Das Prinzip dabei: Nicht immer gleichmäßig, sondern mit einer möglichst richtigen Verteilung der Intensität. Grundsätzlich unterscheidet sie drei Arten: Lange, ruhige Dauerläufe (für den Fettstoffwechsel); mittlere bis schnelle Dauerläufe (um die Herz-Kreislauf-Funktion zu verbessern); und Tempo-Dauerläufe (im Marathon-Renn-Tempo). In einer Vier-Wochen-Einheit sollten zirka 70 Prozent der Läufe im aeroben Bereich sein, 20 Prozent im mittleren Dauerlauf und 10 Prozent im Marathon-Renntempo. Wenn der Marathon näher kommt, erhöht sich letzteres. „Wer unökonomisch läuft, für den ist ein Absturz programmiert, der bekommt Überlastungserscheinungen noch bevor er an den Start geht. Daher: Mach das Richtige zum richtigen Zeitpunkt.“ Das Training sollte grundsätzlich mit einem Pulsmesser erfolgen. Häufigkeit, Dauer und Intensität sind im individuellen Trainingsplan enthalten und die einzigen Parameter. Je nach Grundausdauer kann die Sportärztin die exakte Marathonzeit voraussagen „plus minus 5 bis 10 Minuten.“ Doch: „Setzen Sie sich realistische Ziele.“
 

Der Tag der Tage

Für den großen Lauf-Tag rät die Spezialistin: ein leicht verdauliches kohlehydratreiches Frühstück, bis eine halbe Stunde vor dem Start ein Sportgetränk mit komplexen Kohlehydraten (Sechs-Prozent-Mischung), während des Laufs viel Trinken und wer zu den Bananen-Stückchen greift, sollte lieber die braunen nehmen, weil diese für den Kalium-Haushalt besser sind. „Alle diese Dinge sollten aber schon während des Trainings ausprobiert werden. Manche vertragen kein Essen oder nur Wasser.“ Auch für das wichtigste „Sportgerät“ – die Schuhe – gilt: keine neuen Schuhe beim Marathon tragen, sondern die „eingelaufenen“, auch keine neuen Socken und wer schon vom Training her weiß, wo es Blasen gibt: Zehen einzeln mit Leukoplast abpicken. Wer sich an die Grundregeln hält, der hat auch einen schönen, erhebenden Moment – nach 42,195 Kilometern ins Ziel einzulaufen. Für alle, die das Wagnis zum ersten Mal eingehen wollen: Nach dem Wien-Marathon gibt es die nächsten Möglichkeiten im September in Berlin und im November in New York. Diesen berühmtesten Marathon der Neuzeit wird Dr. Dagmar Rabensteiner vielleicht als Hobbyläuferin mitlaufen. Bis zum letzten Meter...

Mag. Lisa Ahammer
April 2009


Foto: Bilderbox 

Kommentar

Bis zum letzten Meter...- Marathon laufen„Ich will jedem Mut machen, das Abenteuer Marathon anzugehen. Traut euch! Wichtig ist aber, dass man nur mit einem sicheren und guten Training an den Start geht. Damit das Laufen auch zum Erlebnis wird.“
Dr. Dagmar Rabensteiner
Fachärztin für Innere Medizin, Sportmedizinerin, Wien

Zuletzt aktualisiert am 11. Mai 2020