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Süchtig nach Sport

Frau im FitnesscenterExtreme körperliche Bewegung gefährdet die Gesundheit. Sport ist gesund – so lernen wir es von klein auf. Doch es gibt Menschen, die davon nicht genug bekommen können, die regelrecht süchtig nach Bewegung sind. Das schadet nicht nur dem Körper, sondern auch der Psyche.

Es begann mit einer Wette im Mai. „Wetten, dass ich es schaffe, bis zur Bikinisaison sieben Kilogramm abzunehmen?“, sagte Christine P. eines Tages zu ihrem Mann. „Dann musst du die Schokolade weglassen“, antwortete der. „Klar“, meinte die Linzerin, „und ich werde auch Sport treiben.“ Zunächst holte die Webdesignerin ihre alten Joggingschuhe aus dem Keller und begann jeden Tag zu laufen. Erst war es mühsam, doch bald schon stellte sich Erfolg ein. Christine P. fühlte sich fitter und straffer, schließlich purzelten auch die ersten Kilos.

Ein gutes Gefühl, und Christine P. wollte mehr davon. Sie schrieb sich ins Fitnessstudio ein, belegte dort gleich einen Aerobic-Kurs und strampelte beim Spinning wie wild am Fahrrad. Ihre sieben Kilos hatte sie bald verloren, doch ans Aufhören oder Zurückschalten dachte sie nicht. Im Gegenteil: Nach dem Joggen machte sie am Wohnzimmer-Boden mit Gymnastik weiter, bis zur völligen Erschöpfung. Dass es ein Fehler sein könnte, verdrängte sie. Denn die Zeit, in der sie Sport trieb, war frei von negativen Gedanken: vom Job, der ihr keinen Spaß mehr machte. Vom Wunschkind, das sich nicht einstellen wollte. „Kritisch wird es, wenn sich das gesamte Denken nur mehr um die Fragen, dreht, wann kann ich wieder Sport treiben und andere Interessen dadurch verdrängt werden“, beschreibt Prof. Dr. Jürgen Beckmann, Leiter des Instituts für Sportpsychologie an der Technischen Universität München, die Gefahren von Sportsucht. Medizin und Psychologie beschäftigen sich mit diesem Phänomen seit rund 15 Jahren, mittlerweile aber ist es als Sucht klassifiziert. Experten konnten zunächst beobachten, dass bei Sportsüchtigen oft das Joggen die „Einstiegsdroge“ ist. Auch der körperlich sehr fordernde Triathlon ist eine Sportart, die von Sportsüchtigen immer wieder betrieben wird. Vielfach wird heute jedoch in Fitnessstudios der Grundstein für Sportsucht gelegt. „Hier werden vor allem Frauen zu sogenannten ‚permanent residents‘, die einen Kurs nach dem anderen belegen. Wir finden hierbei auch einen starken Zusammenhang mit Essstörungen“, sagt Beckmann.

Wie bei anderen Abhängigkeiten (Alkohol, Heroin) denkt der Sportsüchtige nur noch an die Bewegung. Sport macht in vielen Fällen gar keinen Spaß mehr, aber er kann den Drang nach Sport einfach nicht unterdrücken. Beckmann: „Beim Entzug zeigen sich ähnliche physiologische Muster wie beim Entzug von Heroinabhängigen.“ Forscher haben diesen Zustand bei Mäusen, die im Laufrad trainiert werden, beobachtet: Können sie sich nicht mehr bewegen, treten Entzugserscheinungen auf. Auch körperliche Schäden sind beim Sportsüchtigen unvermeidlich: Das Immunsystem, Knochen und Gelenke werden angegriffen, es kann zu völligen Erschöpfungszuständen und auch zum Abbau von Muskelmasse kommen.


Den Ängsten davonlaufen

Denn im Gegensatz zu Hochleistungssportlern planen Sportsüchtige keine Pausen und Phasen der Regeneration ein, nicht einmal wenn sie krank oder verletzt sind. Sie haben auch kein klar definiertes Leistungsziel, sondern wollen im wahrsten Sinne des Wortes ihren Ängsten und Minderwertigkeitskomplexen davonlaufen oder davonradeln. Professor Beckmann: „Die hohe Akzeptanz des Sportbetreibens führt dazu, dass Sportsucht von Freunden und Bekannten noch schwerer zu erkennen ist als etwa eine Alkoholkrankheit.“ Wie aber findet man aus diesem Teufelskreis wieder heraus? „Der tatsächlich Sportsüchtige braucht professionelle Hilfe. Am besten wird der Entzug in einer auf Verhaltenssucht spezialisierten psychosomatischen Klinik durchgeführt“, sagt Beckmann. Dort geht es nicht allein darum, exzessive körperliche Betätigung einzudämmen. Die oder der Betroffene muss sich vor allem auch damit auseinandersetzen, warum Sport für ihn zur Droge geworden ist, welche Probleme dadurch verdrängt werden sollten.

Birgit Baumann
Mai 2009

Foto: Bilderbox, privat


Kommentar

Süchtig nach Sport„Vernünftiger Sport – etwa drei bis vier Mal in der Woche 30 bis 60 Minuten zu joggen – ist natürlich grundsätzlich zu begrüßen. Menschen mit psychischen Problemen sehen in übertriebenem Sport eine gesellschaftlich akzeptierte Gelegenheit, diesen zu entkommen.“
Prof. Dr. Jürgen Beckmann
Leiter des Instituts für Sportpsychologie, Technische Universität München

Zuletzt aktualisiert am 11. Mai 2020