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Schnelle Schritte auch im Alter

Schnelle Schritte auch im AlterWer flott unterwegs ist, wird alt. Mittels Gehgeschwindigkeit lässt sich die Lebenserwartung gut abschätzen: Wer mit 65 Jahren noch schnellen Schrittes zuwege ist, hat gute Aussichten, über 90 oder gar 100 Jahre alt zu werden, sagen amerikanische Wissenschafter.

Sag mir, wie schnell du bist, und ich sage dir, wie alt du wirst - so ähnlich lassen sich die Ergebnisse einer Metaanalyse von US-Forschern aus Pittsburgh, nachzulesen im Journal of American Medical Association, zusammenfassen. Mit der relativ einfach zu ermittelnden Gehgeschwindigkeit haben Mediziner einen guten Parameter für die Vitalität und damit die Lebenserwartung älterer Patienten, berichten die Wissenschaftler auf Basis von neun Kohortenstudien mit insgesamt knapp 35.000 Teilnehmern. (Kohortenstudie beinhaltet eine definierte Patientengruppe, die über einen bestimmten Zeitraum beobachtet wird, um zu untersuchen, wie viele Personen eine gewisse Krankheit entwickeln).

Zwölf Jahre beobachtet

Die Probanden wurden zum Teil repräsentativ aus der älteren Bevölkerung ausgewählt. In allen Studien wurde zu Beginn die Gehgeschwindigkeit erfasst. Die Forscher um Dr. Stephanie Studenski beobachteten, wie lange die Teilnehmer lebten. Im Schnitt wurden dabei Daten über zwölf Jahre lang erhoben, etwa die Hälfte der Teilnehmer starb im Beobachtungszeitraum.

Plus für jüngste Probanten

Die Studienautoren fanden nun einen signifikanten Zusammenhang zwischen Gehgeschwindigkeit und Lebenserwartung über alle Altersgruppen hinweg. Die Unterschiede waren bei den jüngsten Teilnehmern (65 Jahre) am stärksten ausgeprägt - je nach Gehgeschwindigkeit und Geschlecht hatte diese Altersgruppe eine Lebenserwartung von acht zusätzlichen Jahren (immobile Männer, maximal 0,2 mm/s) bis 43 Jahren (fitte Frauen, mindestens 1,6 mm/s).

Frauen werden älter

65-jährige Frauen, die locker 1,6 mm/s (5,7 km/h) schaffen, dürfen – theoretisch - 108 Jahre alt werden, Männer im Schnitt dagegen mit zehn Jahren weniger. Aber: Je höher das Alter, umso geringer sind die Unterschiede bei der maximalen Lebenserwartung zwischen Männern und Frauen. Ab 85 Jahren haben sowohl die fittesten Männer als auch die vitalsten Frauen noch eine Lebenserwartung von etwa zwölf Jahren. 

Frauen sind zäher

Ein Unterschied bleibt allerdings bestehen: Immobilität geht bei Männern im hohen Alter viel stärker als bei Frauen mit einem raschen Tod einher. Im Alter von 95 Jahren dürfen die schnellsten Frauen mit 6,3 weiteren Jahren rechnen, immobile Frauen mit 3,6 - ein Unterschied von nur noch 2,7 Jahren. Bei Männern liegt der Unterschied zwischen den schnellsten und den immobilen bei 4,5 Jahren.

Fitte Männer leben viel länger

Aufschlussreich sind die Zahlen auch, wenn man die Überlebensraten über zehn Jahre betrachtet. Von den fitten 75-jährigen Männern, die 1,6 mm/s oder mehr schaffen, leben zehn Jahre später noch 87 Prozent, von den immobilen Männern nur noch 19 Prozent - bei den Frauen liegen die jeweiligen Raten zwischen 91 und 35 Prozent. Die Autoren gehen davon aus, dass die Gehgeschwindigkeit sowohl krankheitsbedingte Beeinträchtigungen als auch die körperliche Fitness subsumiert und deswegen die Lebenserwartung gut vorhersagt.

Belastbarkeit

Die Ganggeschwindigkeit ist ein wesentlicher Teil des so genannten „Frailty“ Syndrom, also um die altersbedingte Belastbarkeit festzustellen. „Die Ganggeschwindigkeit darf aber niemals isoliert, sondern muss immer im Kontext gesehen werden“, sagt Primar Dr. Peter Dovjak, Leiter der Akutgeriatrie am Landeskrankenhaus Gmunden.

Fünf Punkte-Beurteilung

Das Frailty-Syndrom ist zum wesentlichen Bestandteil der Definition des geriatrischen Patienten geworden. Fünf Punkte werden zur Diagnose der Frailty – also der erhöhten Empfindlichkeit gegenüber Gesundheitsbedrohungen - wie Infektionen, OP, akute Erkrankungen oder Medikamente herangezogen:

  • Gewichtsverlust im letzten halben Jahr (Fehl- oder Mangelernährung)
  • Kraftlosigkeit (Handkraftmessgerät) - Muskelschwund
  • Subjektives Gefühl der Erschöpfung
  • Verminderte Ganggeschwindigkeit (unter 1m/Sekunde)
  • Funktionsverlust im Alltag

Indikator für Behandlung

Die Geriatrie befasst sich mit Gesundheitsförderung, Prävention, Diagnostik, Therapie und Remobilisation zur Vermeidung von Pflegebedürftigkeit. Diese Komplexität der Bedürfnislagen älterer Menschen macht eine umfassende Diagnostik, Behandlung und Remobilisation mit einem ärztlich, pflegerisch und therapeutisch speziell geschultem Personal notwendig. Primar Dovjak: „Die Frailty ist ein wesentlicher Faktor zur Prognosestellung, aber auch Indikator, dass man für diese betroffenen Personen altersmedizinisch behandeln sollen.“ Das Syndrom ist als Warnhinweis - eine so genannte "red flag" (rote Flagge), die den Altersmediziner veranlasst, durch sorgfältige Untersuchung, Krankengeschichtserhebung und Tests herauszufinden, was dahinter steckt, um es entsprechend zu behandeln. Behandelbare Frailtyfaktoren wie Infektionen, Mangelernährung, Stoffwechselerkrankungen, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Tumorerkrankungen oder soziale Umstände sind korrigierbar und damit die Prognose für den alten Menschen verbesserbar.

Selbstständigkeit erhalten

Internationale Studien dokumentieren, dass es bei geriatrisch behandelten Patienten zu einer nachhaltigen und signifikanten Verbesserung der Selbstständigkeit und des seelischen Wohlbefindens kommt. Primar Dovjak: „Unsere Ergebnisse zeigen, dass bereits nach 16 Tagen eine Verbesserung der Beweglichkeit und Selbstständigkeit festzustellen ist. Durch die Behandlung im interdisziplinären geriatrischen Team können viele Patientinnen und Patienten, die vor der Aufnahme für ein Pflegeheim vorgemerkt waren, stattdessen ihr selbstständiges Leben zu Hause wieder aufnehmen.“

Elisabeth Dietz-Buchner

Jänner 2011

Foto: Bilderbox

Zuletzt aktualisiert am 11. Mai 2020