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Virtuelle Fitnesstrainer: Von der Couch zum Coach

Virtueller Fitnesstrainer_472322_web_R_by_Alexander Klaus_pixelio.de_151x131Was virtuelle Fitnesstrainer wirklich können. Das Fitnesscenter im eigenen Wohnzimmer – mit einer Vielzahl von virtuellen Programmen kann man sich auch zu Hause bewegen. Auch wenn es eigenartig anmutet, so allein zu Hause vor dem TV-Gerät mit einem virtuellen Coach seine Turnübungen zu machen: Der virtuelle Coach kann das Fitnesscenter durchaus ersetzen.

Maya ist Trainerin. Nicht irgendeine, sondern eine ganz persönliche Fitnesstrainerin. Sie hilft, erklärt, motiviert, korrigiert, schimpft. Sie ist allgegenwärtig, wenn auch nicht echt: Maya ist eine virtuelle Trainerin der Nintendo Wii „Mein Fitness-Coach“. Das ist nur eines der Produkte, die es im virtuellen Fitness-Sektor gibt. Mittlerweile hat der japanische Hersteller Nintendo immer wieder neue Updates der Spiele auf den Markt gebracht und ist mit 76 Millionen ausgelieferten Wiis der absolute Marktführer – auch wenn Microsoft mit „Kinect“ für die Xbox 360 in Sachen Bewegungssteuerung auf dem europäischen Markt gerade startet und am Milliarden-Kuchen mitnaschen möchte.

Aber zurück zu den Trainingsprogrammen: Ob mit Pulsmesser, Hantel, Gymnastikball, Stepbank oder Balance Board; ob für Tanzfans, Fitness-Freaks oder Abnehmwillige; ob für Anfänger oder Fortgeschrittene – in einem Programm kann zwischen mehreren hundert Übungen, Dutzenden Trainingsumgebungen und verschiedenen Musikrichtungen gewählt werden.

Nach Erstellung eines individuellen Profils, der Entscheidung, ob man lieber abnehmen möchte oder doch die Ausdauer verstärken, der Angabe von Dauer des Trainings, Häufigkeit und Ziel geht’s los. „Und eins und zwei und drei …“ Maya lässt einen nie aus den Augen, protokolliert das Training, gibt Fitness-Ratschläge und motiviert, auch wenn sie manchmal nicht bemerkt, wie man die Übungen ausführt. „Prima – schöne Muskeln!“ Dabei hat man doch gerade schlappgemacht … So weit, so gut. Aber was ist aus sportmedizinischer Sicht von diesen virtuellen Coachs zu halten?

Jede Bewegung zählt

"Für jeden Gesunden ist diese Form, sich zu bewegen, geeignet. Als Ersatz für ein Fitnesscenter sind diese Spiele durchaus zu begrüßen“, sagt Univ.-Prof. Dr. Paul Haber. Der Mediziner hat selbst schon einige ausprobiert. Zum Spaß, wie er sagt, nicht fürs tägliche Training. „Computerprogramme mit Trainingsinhalten gibt es schon lange, das Besondere an der Wii ist, dass durch Sensoren die Bewegung erfasst wird. Dadurch können grobe Fehler erkannt und korrigiert werden.“ Natürlich, so räumt der Mediziner ein, könne man sich auch bei virtuellen Übungen verletzen. „Die Gefahr, dass man vielleicht umkippt, ist natürlich größer, als wenn man nur auf der Couch sitzt. Viel gefährlicher ist jedoch der Bewegungsmangel, unter dem viele Menschen leiden!“ Daher ist für ihn alles recht, was zur Bewegung motiviert und animiert. Auch wenn es sich um einen „Ausbund an Künstlichkeit“handelt, wie Haber virtuelle Fitnessprogramme bezeichnet. Sein Credo: „Was auch immer die Menschen in Bewegung bringt, ist nützlich.“

Mehr Disziplin

Etwas kritischer sieht das Univ.-Prof. Dr. Michael Kolb vom Zentrum für Sportwissenschaften an der Universität Wien. Es gebe noch kaum empirische Untersuchungen über die Wirksamkeit derartiger Fitness-Konsolen. „Es gibt nur Hinweise, dass bei manchen Spielen die Bewegungsabläufe nicht optimal sind beziehungsweise die Intensität für eine gesundheitsfördernde Wirkung nicht ausreicht.“ Kolb stellt auch die Frage der Nutzung in den Raum: Nach anfänglicher Begeisterung greifen die Menschen immer seltener danach. Darin stimmt ihm Paul Haber zu. Fitness vor dem Fernseher zu absolvieren verlangt – auch wenn es komisch klingt – mehr Disziplin, als regelmäßig ins Fitnesscenter zu gehen. „Sich gemeinsam abzustrampeln hat auch eine soziale Funktion“, so Haber. Er sieht im Gegensatz zu Kolb bei aller Künstlichkeit von virtuellen Coachs den Effekt verglichen mit Bewegungen mit ähnlichem Anstrengungsgrad in der Realität durchaus gegeben. Das heißt so viel wie: Ob ohne Spielkonsole oder mit – wer sich bewegt, senkt sein Risiko, an einer Herz-Kreislauf-Erkrankung zu sterben. Haber: „Der größte Effekt ist dann gegeben, wenn jemand vorher absolut nichts getan hat und jetzt ein bisschen etwas tut. Durch einfache Bewegungen verringert sich das Risiko um 40 Prozent.“ Dass die Spielprogramme Vorerkrankungen nicht berücksichtigen, stört Professor Haber nicht sonderlich. „Wer unsicher ist, kann sich untersuchen und beispielsweise auf eine bestimmte Pulsfrequenz einstellen lassen. Bei manchen Krankheiten wie Altersdiabetes oder auch nach einem Herzinfarkt soll man sogar lebenslang trainieren. Und wenn dazu der Fernseher dienlich ist – warum nicht?“ Dabei spricht er Personen jeden Alters an – vom Kind bis zum Senior. Erstere verbringen ohnehin mehrere Stunden täglich vor dem Bildschirm. „Wenn sie sich davon täglich eine Dreiviertelstunde mit der Wii bewegen, dann bin ich mehr als zufrieden“, so Paul Haber. Aber auch vor Senioren macht der virtuelle Spieltrieb nicht halt und ist für den Mediziner begrüßenswert. Manche Spiele fallen bei näherer Betrachtung sogar in den Bereich „Bewegung“: Kegeln zum Beispiel. In Wien werden wöchentlich virtuelle Bowling-Veranstaltungen für Pensionisten angeboten – als gesundheitsfördernde Maßnahme. Zwar ohne Trainerin Maya, aber mit viel Spaß und Effekt.

Mag. Lisa Ahammer
April 2011

Foto: © Alexander Klaus / pixelio.de, privat

Kommentar

Virtueller Coach„Videospiele mit virtuellen Trainern sind durchaus eine gute Sache und eigentlich für jeden geeignet. Möglicherweise bedarf es mehr Disziplin, die Übungen auch regelmäßig durchzuführen, aber jede Bewegung ist besser als keine!“
Univ.-Prof. Dr. Paul Haber
Leiter der Abteilung Sport und Leistungs-medizin, Klinik für Innere Medizin IV, Universität Wien

Zuletzt aktualisiert am 11. Mai 2020