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Vom Sport getrieben

Vom Sport getriebenSport ist gesund - sofern er in vernünftigem Rahmen betrieben wird. Sport unterstützt Körper und Psyche. Körperlich vermindert Bewegung das Risiko, an den gängigen Zivilisationskrankheiten zu erkranken. Auch die Psyche profitiert. Bewegung schafft einen Ausgleich zum gestressten Alltag und hellt die Stimmung auf. 

Suchtpotential im Sport

Sport trägt jedoch ein Suchtpotential in sich. Nicht nur Substanzen (Alkohol, Nikotin, Drogen) können süchtig machen, sondern auch Tätigkeiten (Einkaufen, Glücksspiele und Computerspiele, Sport). Dies umso eher, je belohnender eine Tätigkeit empfunden wird.
„Manche Menschen betreiben nicht mehr Sport, sie werden vom Sport getrieben. Man kann Sport also auch in süchtiger Weise betreiben, was allerdings viel seltener vorkommt als eine Suchtmittelabhängigkeit“, sagt Univ.-Prof. Dr. Hans Rittmannsberger, Leiter der Psychiatrie I an der Landesnervenklinik Wagner-Jauregg in Linz. 

Fließender Übergang

Der Übergang von normaler Sportausübung zur zwanghaften Ausübung ist fließend. „Die allermeisten Menschen, die täglich eine Stunde laufen, bewegen sich im gesunden und normalen Rahmen“, beruhigt Rittmannsberger. Freizeitsportler, die jedoch jeden Tag gleich mehrere Stunden Sport betreiben, sind gefährdet.
Ob man süchtig nach Bewegung ist, zeigt sich aber primär nicht am Umfang der Ausübung, sondern am psychischen Druck, dies zu tun. Je wichtiger der Sport ist, desto kritischer ist die Situation. Wer etwa sein tägliches mehrstündiges Laufpensum als Höhepunkt des Tages empfindet und alles andere diesen Stunden unterordnet, handelt zwanghaft. „Gefährdet ist man etwa dann, wenn einem das Laufen wichtiger wird als die Familie und die Arbeit. Oder wenn man negative Konsequenzen befürchten muss und dennoch läuft, etwa wenn man krank ist und sich selbst Schaden zufügt“, sagt Rittmannsberger. 

Die Gefahr erkennen

Die Gefahr einer Abhängigkeit von seinen täglichen Sportritualen bemerken die Betroffen oft nicht oder wollen es nicht wahrhaben. „Es ist ähnlich wie bei Alkoholabhängigen, die sich sagen: Aber ICH doch nicht“, erklärt Rittmannsberger. Sie bemerken oder wollen es nicht bemerken, dass die Bedeutung des Sports immer größer wird und dadurch ihre Probleme wachsen. Treten etwa durch übermäßiges Training bereits Verletzungen und Schmerzen auf, so werden diese nach Möglichkeit ignoriert. „Das Verlangen weiterzumachen, dominiert. Man will es einfach nicht wahrhaben, dass man sich kaputt macht“, sagt der Psychiater.
Dieser Verdrängungsmechanismus ist typisch für alle Arten von Abhängigkeiten. Bei Substanzabhängigkeiten führt die Sucht nicht selten in den Tod, beim Sport dagegen dürfte das letale Ende der absolute Ausnahmefall sein. Der kann etwa dadurch eintreten, wenn das Herz-Kreislaufsystem kollabiert. „In der Regel wird die Sportausübung aber durch Verletzungen, Abnützungserscheinungen und Schmerzen irgendwann einfach unmöglich und die Sache regelt sich dadurch von selbst“, sagt Rittmannsberger. 

Probleme in Familie und Job

Oft führt eine ausartende Sportausübung zu sozialen Problemen. Wer den Sport über Familie und Arbeit stellt, läuft Gefahr, beides zu verlieren. „Abhängige bekommen familiäre Probleme, die häufig in einer Trennung der Partner enden“, sagt Rittmannsberger. 

Beweg-Gründe

Häufig wird vom „Kick“ des Ausdauersports berichtet – auch „Runners' High“ genannt. Gemeint ist der Moment des Glücksgefühls, das sich einstellen kann, wenn der Körper Endorphine ausschüttet. „Dieser Kick ist aber nur selten der Grund, warum Sportler exzessiv trainieren. Zum einen, weil sich das Glücksgefühl immer später einstellt, je trainierter man ist, und zum anderen, weil meist andere Beweggründe vorliegen“, sagt Rittmannsberger. Beweggründe wie: Der Wunsch nach körperlichen Wohlbefinden, nach einem athletischen oder sehr schlanken Körper oder der Wunsch nach Anerkennung. „Auch hier steht der Leistungsgedanken oft im Vordergrund. Man überwindet sich, ist stolz auf sich und schielt auch nach Bestätigung anderer“, so der Psychiater.
Auch ein zwanghaftes Gesundheitsverhalten kann Ursache für exzessive Bewegung sein. „Manche betreiben Sport, weil sie Angst haben, sonst krank zu werden. Sie glauben, extrem gesund leben zu müssen und achten besonders auf eine gesunde Ernährung und auf Bewegung“. Manche versuchen auch ihren Problemen davonzulaufen. Wer Stress im Alltag hat, kann diesen durch Sport abbauen. „Das ist grundsätzlich positiv zu sehen. Sport wirkt ausgleichend auf die Psyche und ist eine Hilfe, mit Problemen fertig zu werden“, sagt Rittmannsberger. Die Verlagerung seiner Probleme auf die körperliche Ebene und deren Auflösung durch Sport kann jedoch nur begrenzt funktionieren. „Ich kann den Problemen aber auf Dauer nicht davon laufen. Diese müssen erkannt und an der Wurzel behandelt werden“, sagt der Psychiater.

Dr. Thomas Hartl

Oktober 2009

Foto: Bilderbox 

Zuletzt aktualisiert am 11. Mai 2020