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Qigong: Training für die Lebenskraft

 QigongWeiche, fließende Bewegungen, im Stehen oder Sitzen. Ruhe. Entspannung. Qigong ist neben Tai Chi eine der bekanntesten und beliebtesten Entspannungstechniken. Qigong ist aber mehr. Qigong ist eine Lebensphilosophie. Und keine Glaubensfrage. Denn mit Esoterik hat Qigong nichts zu tun.

Qigong ist eine über Jahrtausende gewachsene Methode aus China zur Pflege und Kultivierung von Körper und Geist. Überlieferungen auf Jadestäbchen gehen bis 2000 vor Christi zurück. Qigong setzt sich aus den Wörtern „Qi“ und „Gong“ zusammen. Qi – das ist die alles durchströmende Lebensenergie, die Lebenskraft. Jeder Mensch hat eine bestimmte Grundmenge an Qi, das ererbte Qi, die sich im Laufe der Jahre verbraucht. Qi kann aber auch durch Übungen erworben werden. „Gong“ bedeutet soviel wie „intensive Auseinandersetzung und Übung“. Qigong heißt daher soviel wie „Übung fürs Qi“, „Training der Lebensenergie“, also Übungen, um das Qi im Körper zum Fließen zu bringen mit dem Ziel, die Gesundheit zu erhalten. Qigong ist eigentlich nur ein Überbegriff für die verschiedenen Übungen und Bewegungsabläufe. Denn DAS Qigong gibt es nicht. Und es gibt auch keinen einheitlichen Stil, sondern es gibt eine ganze Bandbreite, sowohl was Abläufe, als auch Ziele betrifft und man könnte Qigong vielleicht allgemein umschreiben mit Atem-, Meditations- und Körperübungen. „Als Theorie hinter Qigong steckt die traditionelle chinesische Medizin. Daneben gibt es buddhistische, taoistische und philosophische Einflüsse. Die Basis all dessen ist aber, dass der Mensch ganzheitlich gesehen wird, als Körper-Geist-Seele Einheit“, sagt Mag. Franz Redl, Vorstand des Vereins Shambala in Wien, der für Tai Chi und Qigong Pionierarbeit in Österreich geleistet hat. Bestimmte Übungen schaffen einen Zustand der Ruhe und Entspannung. Auf dieser Basis können ungleich verteilte Energien in Einklang gebracht und Abwehrkräfte stimuliert werden.

Qigong ist Leben

„Qigong ist prinzipiell für jeden, egal welchen Alters. Man muß nichts wissen darüber, man muß nicht an etwas bestimmtes glauben, man muss sich auch nicht mit den chinesischen Traditionen und Religionen auskennen und vor allem: es hat nichts mit Esoterik zu tun“, will Redl klarstellen. „Es ist eine Lebensphilosophie, nämlich dass ich selbst die Verantwortung für mein Leben und für meine Gesundheit übernehme.“ Aber: Es ist nichts für rastlose, motorische Menschen, die mit den ruhigen, manchmal auch meditativ anmutenden Übungen nicht viel anfangen können.

Wenn sich zwei Menschen bei zwei verschiedenen Qigong-Kursen einschreiben, lernen sie vielleicht zwei völlig unterschiedliche Übungsabläufe. Redl: „Das liegt daran, dass die Übungen in Ruhe, ohne körperliche Bewegung im Liegen, Sitzen oder Stehen durchgeführt werden oder auch in Bewegung.“ Und es hängt von den einzelnen Lehrern ab, welche Stile sie modifiziert haben und weitergeben. „Die Erfahrung zeigt, dass die meisten Menschen schon nach der ersten Übungseinheit ein leichtes Kribbeln oder ein Wärmegefühl spüren”, so Redl aus der Praxis. Wer dieses ‚Qi-Gefühl’ spürt weiß, dass er auf körperlicher und geistiger Ebene in Richtung Entspannung geht.“

Eine medizinische Erklärung für den Erfolg von Qigong findet sich in der Psychoneuroimmunologie, einem noch jungen Fach in der Medizin. Vereinfacht gesagt geht man davon aus, dass zwischen Immun-, Nerven- und Hormonsystem ein hochkompliziertes Zusammenspiel herrscht und unsere Selbstheilungskräfte bewusst gesteuert werden können. Univ. Prof. Dr. Harald Aschauer von der Universitätsklink für Psychiatrie am AKH Wien hat sich mit Psychoneuroimmunologie beschäftigt: „Bei Spannung und auch Entspannung werden Hormone, die vom Gehirn gesteuert werden, aktiv und unser Immunsystem reagiert darauf. Ein gutes Beispiel ist Biofeedback, wo man tatsächlich messen kann, wie sich bei Entspannungstechniken die Hormone verändern. Bei Stress wird vermehrt das Hormon Cortisol gemessen, kommt der Körper in Entspannung, vermindert sich das Hormon.“ Anders ausgedrückt heißt das, dass wir also durch Entspannungsübungen Vorgänge im Körper bewusst steuern und ins Positive lenken und unser Immunsystem bewusst stärken können.

Studien in Deutschland zeigen, dass Menschen, die ein Semester lang regelmäßig Qigong geübt haben, sich dynamischer, ausgeglichener, optimistischer, kraftvoller und leistungsbereiter fühlen. Sie seien gelassener, haben gelernt, ihre Kräfte zu regenerieren und überstehen Stress-Zeiten gesünder als früher. Voraussetzung ist aber, so Redl, dass nicht nur einmal wöchentlich geübt wird, sondern dass – wenn geht – täglich Qigong gemacht wird.

Medizinisches Qigong

Wer sich für Qigong entscheidet, hat einen von drei Gründen im Hinterkopf: die gesundheitsvorbeugende und -erhaltende Komponente, die medidative oder die medizinische. Die traditionelle Chinesische Medizin (TCM) geht von der Existenz des Qi aus und erklärt die Entstehung von Krankheiten durch einen Mangel, einen Überschuss oder eine Stagnation des Qi. Qigong wird daher begleitend zu Therapien bei Krankheiten eingesetzt. Was bei uns fast undenkbar wäre, hat in China eine lange Tradition. Dort wird beispielsweise Krebspatienten zusätzlich zur Behandlung zwei bis drei Stunden täglich Qigong verordnet. Und was bei uns unter dem Begriff „medizinisches Qigong“ fungiert, läuft in die gleiche Richtung. „Qigong kann bei chronischen Erkrankungen, Bluthochdruck, Problemen mit Nieren, Magen und Darm oder der Wirbelsäule hilfreich eingesetzt werden“, so Redl. Belegt wird das durch eine österreichweite Studie, die der Verein Shambala in Zusammenarbeit mit dem Fonds Gesundes Österreich durchgeführt hat. Sowohl die Häufigkeit von mäßigen bis starken Beschwerden verringerten sich im Laufe eines Qigong-Semesters um 30 Prozent als auch die Medikamenteneinnahme hatte sich bei 28 Prozent der Qigong-Schüler reduziert. Gleichzeitig verbesserte sich das Allgemeinbefinden, die Lebensfreude, die Gelassenheit und Ruhe im Alltag bei mehr als 65 Prozent. „Medizinisches Qigong ist quasi eine Neuerfindung aus China. Aus traditionellen alten Formen wurden neue Übungsserien entwickelt, die auf bestimmte Körperteile abzielen“, so Redl. Zu behaupten, dass Qigong alle Krankheiten heilt, wäre aber – so der Experte – eine absolute Übertreibung.

Qi:
Die alles durchdringende Lebensenergie. Reichlich und harmonisch fließendes Qi ist eine Voraussetzung für Gesundheit und Wohlbefinden.

Qigong: Überbegriff für verschiedene Methoden, um Qi zu aktivieren, Blockaden aufzulösen, Selbstregenerationskräfte anzuregen und die geistigen und körperlichen Fähigkeiten zu fördern.

Tai Chi: Eine hochentwickelte Art des Qigong.

Tai Chi Quan: Kampfkunst, die dieselben Prinzipien wie Qigong hat. Komplexe Bewegungsabläufe mit Selbstverteidigungsaspekt. Auch mit Partner möglich (nicht so beim Qigong).

Mag. Lisa Ahammer

Februar 2014
Foto: © Michael Raag / pixelio.de, privat

Kommentar

 Kommentarbild: Qigong„Nervensystem und Abwehrsystem sind über Nervenfasern und Hormone untrennbar miteinander verbunden. Dadurch kann das Nervensystem Abwehrreaktionen des Körpers unterdrücken oder verstärken. Es gibt also die reelle Wahrscheinlichkeit, viele Krankheiten (auch Krebserkrankungen, Autoimmunerkrankungen und Allergien) durch Techniken aus der Verhaltensforschung (autogenes Training, Biofeedback, Qigong etc.) positiv zu beeinflussen.”
Univ.-Prof. Dr. Harald Aschauer
Universitätsklinik für Psychiatrie, AKh Wien

Zuletzt aktualisiert am 13. November 2020