DRUCKEN

Dick durch Stress

Dick durch StressEntschleunigung bringt mehr als Diäten. Ananas-Diät oder Kohlsuppen-Kur, schlank durch Schlaf oder Hypnose – rechtzeitig vor dem Sommer sollen die überschüssigen Kilos verschwinden. Doch einseitige und radikale Diäten sind sinnlos. Wer schlank sein möchte, muss vielmehr Stress vermeiden.

Zugegeben: Es ist in Österreich nicht einfach, gutem Essen aus dem Weg zu gehen. Einem dick bestrichenen Nutella-Semmerl am Morgen folgt zu Mittag der schnelle Leberkäse. Am Nachmittag darf es gern eine üppige Torte mit Schlagobers sein, am Abend ein Schnitzel. Kein Wunder, dass viele Österreicher zu dick sind. Der Österreichische Ernährungsbericht 2012 (herausgegeben vom Gesundheitsministerium) stuft 40 Prozent der Erwachsenen zwischen 18 und 64 Jahren als übergewichtig ein (52 Prozent der Männer, 28 Prozent der Frauen). Sie essen zu fett, zu salzig und nehmen zu wenig Obst und Gemüse zu sich. Auch stärkehaltige Produkte (Brot, Reis, Nudeln, andere Getreideprodukte, Kartoffeln), Milch- und Milchprodukte sowie Hülsenfrüchte werden zu wenig verzehrt. Fleisch und Wurst hingegen finden sich überdurchschnittlich oft auf dem Speiseplan. Auch essen die Österreicher mehr Süßwaren und Knabbereien als empfohlen.

Nicht „artgerecht“

Übergewicht gilt in den Industriestaaten als einer der Hauptgründe für viele Erkrankungen – etwa Herzinfarkt, Schlaganfall, Diabetes, Arteriosklerose, Bluthochdruck. Zu diesem Thema gibt es unzähliche Bücher und Ratgeber. Die Entstehung von Übergewicht lässt sich allerdings ganz einfach erklären: Man nimmt mehr Kalorien auf, als man verbraucht. Von einer „nicht artgerechten Haltung des Menschen“ spricht Oberarzt Dr. Peter Grafinger von der Internen Abteilung im Allgemeinen Krankenhaus der Stadt Linz und nennt als Beispiel das beliebte Bauernfrühstück – eine deftige Mahlzeit aus Eiern, Kartoffeln, Zwiebeln und Speck. „Der Bauer, der früher schwer körperlich arbeitete, brauchte das. Aber sein Sohn, der heute als Sachbearbeiter im Büro tätig ist, hat gar keine so üppige Mahlzeit mehr nötig.“

Es sei denn, der Sohn joggt abends noch zehn Kilometer. Die meisten aber machen das nicht. Wer trotz mangelnder Bewegung schlank bleiben möchte, der hat dann nur noch eine Möglichkeit: nämlich die Hälfte des herrlichen Bauernfrühstücks stehenzulassen. Oder weniger Kekse und Kuchen zu essen. Oder nicht so viele Butterbrote zu sich zu nehmen. Die Liste lässt sich beliebig ergänzen, fast ein jeder hat sein Laster.

Und viele Menschen wissen in der Theorie auch: Wenn sie Hunger haben, dann wäre es besser, in Ruhe eine Karotte und einen Apfel zu verspeisen, als hurtig einen Nougatriegel hineinzustopfen. Dennoch funktioniert es in den allerwenigsten Fällen. Als zügellos, undiszipliniert oder willensschwach werden die Betroffenen oft von schlanken Menschen empfunden. Aber damit tut man diesen „Reinstopfern“ unrecht. Es ist der permanente Stress, der sie zu Vielessern werden lässt. Denn wenn ein Mensch gestresst ist, dann signalisiert ihm sein Gehirn: „Achtung, du brauchst jetzt besonders viel Kraft, um eine schwierige Situation zu bewältigen. Wenn du nicht isst, dann geht dir die Kraft aus, und du schaffst es nicht.“

Permanenter Nachschub

Dick durch StressVor Jahrtausenden waren Menschen noch gezwungen, viel zu essen, wenn eben gerade viel Nahrung vorhanden war. Sie wussten ja nie, wann sie wieder ein Tier erlegen konnten. Heute verhungert in Österreich keiner mehr, es gibt ja an allen Ecken und Enden Lebensmittel. „Aber diese Programmierung ist gestressten Menschen nicht auszutreiben“, sagt Grafinger. Es kommt in Stresssituationen zum so genannten Dragee-Keksi-Effekt. „Wenn ich nur aufhören könnt“, sagt ein Keksesser in der bekannten Werbung. Er kann es angeblich nicht, genauso wie der gestresste Mensch, der permanent für Nachschub sorgen muss. „Comfort Eating“ nennt die Wissenschaft dies – „tröstendes Essen“.

Der deutsche Hirnforscher und Adipositas-Spezialist Professor Dr. Achim Peters von der Universität Lübeck sagt ganz klar: „Für Übergewicht ist das Gehirn zuständig.“ Er hat über das „egoistische Gehirn“ ein Buch geschrieben und erklärt das Phänomen so: „Das Gehirn braucht immer Energie, es ist auch das einzige Organ des Menschen, das beim Hungern nicht abnimmt.“ Im Idealfall holt es sich seine Energie aus den Körperspeichern von Leber, Muskeln und Fettgewebe und ist damit auch in Stresszeiten ausreichend versorgt. Doch bei vielen Menschen funktioniert das nicht. Das Gehirn kann sich nicht aus den körpereigenen Speichern versorgen. Also tritt sein Notfallplan in Kraft, denn das Gehirn will auf jeden Fall seine Energie, vorher gibt es keine Ruhe. Der Mensch hat dann zwei Möglichkeiten zu reagieren, wobei beide nicht erfreulich sind, weil es auf die Entscheidung „dick oder depressiv“ hinausläuft. Entweder er isst und isst, um das Gehirn zu befriedigen. Der unangenehme Nebeneffekt: Man wird immer dicker, da der Körper weit mehr Energie bekommt, als er benötigt, und diese sich dann als Fett ablagert. Der andere Typ, so Peters, zieht seine Energie aus den Depots, wenn das Gehirn immer mehr verlangt. Die Folge: Dieser Mensch zehrt sich geradezu aus, bekommt Depressionen, im schlimmeren Fall sogar Burnout. Bei seinen Forschungen hat Peters herausgefunden, dass die zweite Gruppe gesundheitlich noch schlechter dran ist als die Gruppe mit Übergewicht. „Dicke können mit dauerhaften Stresssituationen besser umgehen als Dünne“,sagt er.

Am besten wäre es natürlich, überhaupt Stress zu vermeiden. Dann nämlich schafft man es, zu essen aufzuhören, wenn man tatsächlich satt ist und nicht erst, wenn die Chipstüte leer ist.

Entschleunigung

„Dafür braucht es aber Mut“, sagt Grafinger. Man müsse innehalten, sich fragen, was einen so stresst, und dann ehrlich zugeben, dass man eigentlich gar nicht so viel leisten oder so viele Aufgaben auf einmal erfüllen könne. Pausen sollten ebenfalls eine wichtigere Rolle im Tagesablauf spielen. Wer einmal am Tag eine halbe Stunde spazieren geht, der macht einen guten Anfang. Er schafft auch mehr als jemand, der teure Fitness-Kleidung kauft, um im Fitnessstudio zu glänzen – es dann aber vor lauter Stress gar nicht hinschafft und wieder zur Frust-Schokolade greift. Auch Peters erklärt: „Entschleunigung ist die Lösung.“ Denn gesundheitsgefährdend ist nicht jener Stress, den jeder mal an einem „schlechten Tag“ durchlebt: Erst ist der Chef schlecht gelaunt, dann zerreißt das Milchpackerl im Einkaufssackerl und beim Auto angekommen findet man auch noch einen Strafzettel vor. Von „toxischem Stress“ spricht man, wenn eine psychische Belastung über Monate oder Jahre anhält: durch Mobbing im Büro, Arbeitslosigkeit, permanente Überlastung oder eine schwierige Beziehung. Sich aus solchen Mustern zu befreien, kann Jahre dauern, oft gelingt es nur mithilfe einer Therapie. Doch der Lohn kann sich in vielen Fällen sehenlassen: ein schlanker Körper.

Wer ist eigentlich dick?

Ich bin zu dick. Das stellen viele Frauen und Männer allwöchentlich beim Blick in den Spiegel fest. Dem einen ist der Bauch zu groß, der anderen der Allerwerteste zu üppig. Doch diese Empfindungen sind sehr subjektiv und so mancher hat bloß in der Umkleidekabine ein ästhetisches Problem mit seiner Figur. Gesundheitsschädigendes Übergewicht lässt sich hingegen nicht immer mit einem Blick in den Spiegel erkennen, dafür gibt es einige objektive Kriterien. Lange Zeit galt der 1832 vom belgischen Mathematiker Adolphe Quetelet entwickelte Body-Maß-Index (BMI) als verlässliche Methode zur Berechnung. Dieser wird so eingesetzt: Man nimmt sein Körpergewicht und dividiert es durch die Körpergröße in Metern zum Quadrat. Bei einer Person, die 70 Kilogramm wiegt und 1,70 Meter groß ist, lautet die Formel also: 70 kg : 1,7 m2, der BMI beträgt 24,2. In welche Kategorie man fällt, zeigt ein Blick in die von der Weltgesundheitsorganisation WHO erstellte Tabelle:


BMIKategorie
weniger als 18,5Untergewicht
18,5 bis 24,9
Normalgewicht
25 bis 29,9
Übergewicht
30 bis 34,9
starkes Übergewicht (Adipositas Grad I)
35 bis 39,9
Adipositas Grad II
ab 40
Adipositas Grad III



Doch der BMI sagt nichts über das Verhältnis zwischen Muskelmasse und Körperfett aus. So gesehen hätten Bodybuilder, obwohl sie hauptsächlich Muskelmasse vorweisen, allesamt schweres Übergewicht. Daher gibt es noch einen anderen Index, den Waist-to-hip Ratio (WHR), der das Verhältnis zwischen Taillen- und Hüftumfang angibt. Denn beim Körper gilt: Fett ist nicht gleich Fett. Gefährlich ist vor allem der Speck, der am Bauch sitzt und zwischen den Organen wuchert. Menschen mit viel Bauchfett haben ein deutlich höheres Risiko, an Herz-Kreislauf-Erkrankungen zu sterben. Besonders betroffen davon sind Männer, die häufiger als Frauen selbstgezüchtete Schwimmreifen um den Bauch tragen. Den Frauen zum Trost: Viele von ihnen leiden unter ihren dicken Oberschenkeln und ihrem üppigen Popo – der typischen Birnenform also. Doch diese Fettdepots sind weniger gefährlich als am Bauch. Nach der Menopause legen allerdings auch Frauen verstärkt um den Bauch zu. Als kritisch gilt bei Männern ein größerer Bauchumfang als 102 Zentimeter, bei Frauen mehr als 88 Zentimeter. Um seinen WHR zu bestimmen, misst man mit einem Maßband zunächst die Taille ungefähr in der Höhe des Nabels (Bauch dabei aber nicht einziehen!). Danach ist der Hüftumfang an der breitesten Stelle dran. Der Taillenumfang geteilt durch den Hüftumfang ergibt den Wert. 0,7 bei Frauen ist optimal, bei Männern 0,9. Übergewicht am Bauch hingegen liegt vor, wenn Frauen auf einen Wert von mehr als 0,85 kommen, Männer über 1,0.

Schwere Last für kleine Seelen

Sehr süß, denken wir, wenn uns ein rundes Baby mit Pausbäckchen anstrahlt und mit kleinen Wurstfingern nach seinem Teddybären greift. Der Babyspeck ist wichtig, damit das kleine Wesen in seiner ersten Lebenszeit auch genug Energie speichern kann. Doch wenn größere Kinder immer noch rund und drall sind, dann kann dies ihre Gesundheit gefährden. „Für die Gelenke ist Übergewicht in der Wachstumsphase eine Belastung. Dicke Kinder sind auch früher anfällig für Diabetes”, sagt die Ernährungswissenschafterin und Gesundheitspsychologin Dr. Ingrid Kiefer, die auch an der Erstellung des Österreichischen Ernährungsberichts 2012 mitgearbeitet hat. Laut diesem sind 24 Prozent der 7- bis 14-Jährigen übergewichtig oder adipös (fettleibig). Übergewicht in dieser Altersklasse ist im Vergleich zum Ernährungsbericht 2008 von 11 auf 17 Prozent gestiegen. Der Grund, warum Kinder übergewichtig sind, ist der Gleiche wie bei Erwachsenen: Ihre Energiebilanz stimmt nicht. Sie essen entweder zu viel oder bewegen sich zu wenig – oder beides. Die seelische Belastung, die für dicke Kinder oft noch größer ist als für übergewichtige Erwachsene, ist nicht das einzige Problem. „Aus übergewichtigen Kindern werden meist übergewichtige Erwachsene”, sagt Kiefer. Weit verbreitet, aber unwahr ist der Glaube, dass vor allem Schokolade Kinder dick macht. So enthalten auch Limonaden sehr viel Zucker. Für Kiefer macht es ohnehin keinen Sinn, den Kleinen ein oder mehrere spezielle Lebensmittel extra zu verbieten: „Wichtig sind auch für Kinder eine gesunde und ausgewogene Ernährung und viel Bewegung.”

Von der Rubensfigur zur Fitnesswelle

Dick durch StressFit und knackig auszusehen, ist für die meisten das Schönheitsideal schlechthin. Studien zeigen auch, dass es schlanke Menschen in vielen Lebensbereichen leichter haben: Übergewichtige werden oft schlechter bezahlt und haben schlechtere Karriere-Chancen, da in vielen Köpfen immer noch das Vorurteil sitzt, dass dicke Menschen automatisch faul sind. Vor 400 Jahren hingegen war Dicksein noch ein Schönheitsideal, davon zeugen nicht nur die von Peter Paul Rubens gemalten barocken Frauen. Auch Fürsten, Geistliche oder wohlhabende Bürger hatten kein Problem, sich mit dickem Bauch porträtieren zu lassen. Schließlich konnten sie so zeigen, dass sie über Geld verfügen und sich genug zu essen leisten können. Die wohlbeleibte Rubensfrau war Garantin für Gesundheit und somit heiße Kandidatin für die Fortpflanzung. In einigen Kulturen ist das auch heute noch so. In Europa jedoch setzte im 18. Jahrhundert mit dem Korsett die Gegenbewegung ein. Frauen sollten keinen dicken Bauch mehr haben, sondern die Form einer Sanduhr. Der Preis für dieses Schönheitsideal war oft hoch: Durch jahrelanges Einschnüren der Körpermitte wurden Organe gequetscht und Knochen verformt. Anfang des 20. Jahrhunderts rebellierte die Frauenbewegung dann aber gegen das Korsett. Den beginnenden Schlankheitswahn der Sechziger- und Siebzigerjahre symbolisiert noch heute das englische Model Twiggy. Jane Fonda brachte in den Achtzigerjahren die Aerobic-Welle von den USA auch nach Europa, als ideales Erscheinungsbild gilt seither für Frauen und Männer ein schlanker und durchtrainierter Körper. Um dieses Ziel zu erreichen lassen sich immer mehr Menschen Fett absaugen.



Birgit Baumann
Juni 2013


Bilder: shutterstock; privat



Kommentar

Kommentarbild_Dick durch Stress Dr. Grafinger„Es ist sinnlos, immer wieder neue Diäten zu machen, wenn man gesund abnehmen möchte. Viel wichtiger ist es, sein Leben entspannter zu gestalten und den negativen Dauerstress zu verbannen. Dies kann gelingen, wenn man bewusst zurücktritt und sich eingesteht: Ich kann nicht permanent und ohne Pause Leistung erbringen.“
OA Dr. Peter Grafinger
Interne Abteilung, AKH LInz

Zuletzt aktualisiert am 13. November 2020