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Diät: Für Kleinkinder unnütz

Diät: Für Kleinkinder unnützAus dem Supermarkt sind sie nicht wegzudenken: Bunte Lebensmittel, die durch ihre Aufmachung und ihre Versprechungen Kindern und Eltern sofort ins Auge fallen. Diese Produkte wollen „das Beste für das Kind“.

Dank eigens zugesetzter Vitamine, dem Verzicht auf bestimmte Zutaten oder Zusatzstoffe sollen die sogenannten Kleinkinderlebensmittel für Ein- bis Dreijährige besonders geeignet sein. Diese Kinderbreie, spezielle Getränke, Fruchtriegel oder Smoothies nehmen auf die speziellen ernährungsphysiologischen Erfordernissen von Kleinkindern spezielle Rücksicht, so die Werbung.

Verunsicherung durch Industrie

Die Lebensmittelindustrie verunsichert Eltern und Kinder und leistet falschen Ernährungsgewohnheiten Vorschub, lautet hingegen der Vorwurf des deutschen Verbraucherzentrale Bundesverbandes (vzbv). Bedenklich bewertet werden vor allem diätische Lebensmittel für Kleinkinder. „Eltern und Kinder werden von Anfang an entmündigt und auf Fertigprodukte geeicht“, kritisiert vzbv-Vorstand Gerd Billen.
An ältere Kinder würde sich die Industrie mit schriller Aufmachung und Geschenken wenden. „Kinderlebensmittel sind eine Konsumfalle“, meint Billen. Selbstverpflichtungen der Industrie für ein verantwortungsvolles Marketing laufen bislang weitgehend ins Leere.

Kleinkinder brauchen keine „Extrawurst“

Kleinkindnahrung fällt in Deutschland unter die Verordnung für diätische Lebensmittel. Im Kampf gegen Übergewicht und Fehlernährung fordert der vzbv eine Herausnahme von Kleinkinderlebensmitteln aus der speziellen Verordnung: „Kleinkinder brauchen keine Extrawurst. Alle Lebensmittel müssen auch für Kleinkinder unschädlich sein“, sagt Billen. Darüber hinaus fordert der vzbv das Ende von verkaufsfördernden Maßnahmen. Die geschäftliche Unerfahrenheit von Kindern würde ausgenutzt werden. Billen: „Spielzeug ist Spielzeug. Lebensmittel ist Lebensmittel.“

Kleinkinder gehören an den Familientisch

Deutsche Ernährungswissenschaftler, etwa vom Forschungsinstitut für Kinderernährung, raten, dass gesunde Kinder ab einem Jahr in die normale Familienkost eingebunden werden. Eine besondere Kost sei nicht erforderlich. „Allen Marketingaussagen zum Trotz sind spezielle Lebensmittel für Kleinkinder überflüssig und teuer“, sagt Billen. Dies gelte für „Kindermilch“ ebenso wie für Pudding oder besondere Frühstücksflakes. „Kinder sollen Obstgeschmack nicht durch Aromen, sondern durch echtes Obst kennenlernen“, meint Billen. Als Konsequenz sei die EU-Kommission am Zuge, Kleinkinderlebensmittel aus dem Geltungsbereich des Diätrechts herauszunehmen.

Das Lebensmittel selbst wird zur Nebensache

Auch wenn Riegel, Cornflakes oder Getränke nicht direkt mit einer Altersangabe beworben werden, können sie durch ihre Aufmachung besonders Kinder ansprechen. Empfehlenswert sind sie vielfach nicht. „Mit der extra Portion Zucker und Fett“, wäre oftmals die treffliche Werbeaussage, so der vzbv. Auf der Verpackung werben die Hersteller hingegen mit Aussagen wie „mit vielen Vitaminen“ oder „mit dem Besten aus der Milch“. Das Marketing scheint zu fruchten: Laut einer vom vzbv in Auftrag gegebenen, repräsentativen Umfrage gehen 40 Prozent der Verbraucher davon aus, dass Kinderprodukte im Zucker-, Fett- und Salzgehalt an die Bedürfnisse von Kindern angepasst sind. Sie irren: Bei der üblichen GDA-Kennzeichnung (Guideline Daily Amounts = Richtwert für die Tageszufuhr) wird auch bei Kinderlebensmitteln der tägliche Kalorienbedarf einer erwachsenden Frau zugrunde gelegt. Was dies für Kinder bedeutet, kann nur geschätzt werden.
Eine Nährwertampel hätte auf einen Blick Gegenteiliges verdeutlicht. Da die Politik jedoch auf Druck der Lebensmittelwirtschaft auf deren Einführung verzichtet hat, müssen sich die Verbraucher mit den vorhandenen Angaben behelfen.

Selbstverpflichtung der Lebensmittelwirtschaft greift nicht

Seit 2009 gilt die freiwillige Selbstverpflichtung der deutschen Wirtschaft, wonach Kinder durch Werbeaktivitäten nicht in unangemessener Weise angelockt werden sollen. Doch der tägliche Blick in die Supermarktregale zeigt, dass die Selbstverpflichtungserklärung ins Leere läuft: Comic-Helden auf der Packung, Sammelaufkleber, Spielzeugzugaben, Gutscheine und spezielle Internetseiten für Kinder – die Lebensmittelindustrie spielt mit den Wünschen und Träumen der Kinder, erklärt der zvbv. Billen fordert daher die Wirtschaft auf, auf Zugaben wie Aufkleber und Figuren zu verzichten: „Die Branche muss sich von der Ködertaktik verabschieden und ihren Versprechungen nachkommen.“ Statt ständig auf die Verantwortung der Eltern und Lehrer zu verweisen, müsse die Industrie ihre Marketingstrategien anpassen.

Politik gefordert

„Wenn die Wirtschaft es nicht schafft, muss die Bundesregierung für einen Verzicht der Werbung an Kinder sorgen. Wir brauchen einen klaren Rahmen, ein anständiges Monitoring und wirkungsvolle Sanktionen bei Fehlverhalten“, sagt Billen.

Jeder fünfte Euro fließt in die Werbung für Süßigkeiten

Im Jahr 2010 wurden in der BRD laut einer Studie des Marktforschungsinstituts Nielsen insgesamt 3,24 Milliarden Euro für Lebensmittelwerbung ausgegeben. Jeder fünfte Euro davon geht in die Werbung für Süßigkeiten. Auch gemessen am Umsatz sind die Werbeausgaben für Süßwaren wesentlich höher als für andere Lebensmittel. Interessant ist auch die steigende Tendenz der letzten Jahre. Verschiedene Studien belegen einen Zusammenhang zwischen Werbung und Ernährungspräferenzen.

Eine verbraucherpolitische Betrachtung des bundesdeutschen Verbraucherzentrale Bundesverbandes steht hier zum Download bereit.

Mag. Christian Boukal

Februar 2012

Foto: Bilderbox

Zuletzt aktualisiert am 11. Mai 2020