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Stevia gegen Zucker

Stevia gegen ZuckerWie natürlich ist der neue Süßstoff Stevia tatsächlich und wer braucht ihn? Der Verein für Konsumenteninformation (VKI) hat für sein aktuelles Magazin „Konsument“ Stevia-Produkte untersucht, ob in den Produkten tatsächlich drin ist, was draufsteht.

Die Steviapflanze (Stevia rebaudiana Bertoni) stammt ursprünglich aus dem Grenzgebiet zwischen Paraguay und Bolivien; andere Namen sind Süßblatt oder Honigkraut, so Konsument. Der wilde Strauch wird zwischen 30 und 60 Zentimeter hoch, gezüchtet erreicht er eine Höhe von bis zu einem Meter. In moderatem Klima kann er mehrmals jährlich geerntet werden und wird bis zu sechs Jahren alt.
Die geschmacklich wirksamen Stoffe – die Steviolglykoside – finden sich in den Blättern der Pflanze. Die zwei wichtigsten Verbindungen sind hier Steviosid (lakritzartiger und bitterer Beigeschmack) und Rebaudiosid A (angenehm süß), berichtet Konsument. Ausreichender Niederschlag, Sonnenstunden und Bodenbeschaffenheit entscheiden über den Ertrag. Rund 80 bis 90 Prozent der weltweiten Anbauflächen befinden sich derzeit in China, von wo der Großteil der Steviolglykoside in die EU importiert wird.

Der Zucker schlägt zurück

Nach heftigen Auseinandersetzungen sind seit Dezember 2011 Steviolglykoside in der EU als Zusatzstoff E 960 in Lebensmitteln erlaubt. Die Zuckerindustrie zeigt sich wenig erfreut über die Konkurrenz zu Zucker und Süßstoff. Mit Plakatkampagnen versuchte sie gegenzusteuern: „Lust auf Eistee mit Stevia-Glycosiden E 960? Nicht alles, was süß ist, ist so natürlich wie Wiener Zucker“, zitiert Konsument ein Sujet, über das auch der österreichische Werberat wenig begeistert war.

Kalorienlos, Kariesfrei – natürlich

Als Alternative zur Kalorienbombe Zucker, die noch dazu sicher keine Karies verursacht, verspricht sie süßen Genuss ohne Reue. Doch auch die wirksamen Stoffe werden chemisch aus den Blättern der Stevia gelöst und werden nach industrieller Behandlung an den Verbraucher gebracht. Diese Produkte dann aber als natürlich oder leicht anzusehen, stellte sich in den Untersuchungen des Konsument als Trugschluss dar. Nicht zuletzt wegen der Zusatzstoffe, die schon manchmal aus Frucht- oder Milchzucker bestanden.

Keine Blätter, nur industriell gewonnene Wirkstoffe zugelassen

Stevia gegen ZuckerVon der EU zugelassen sind nur die als Süßungsmittel wirksamen Stoffe der Pflanze. Diese Stevioglykoside müssen jedoch durch einen aufwendigen Prozess aus den Blättern von Stevia gelöst werden. Und so sieht dieser industrielle Vorgang im Detail laut Konsument aus: „Versetzen der getrockneten Steviablätter mit Wasser oder Alkohol, Ausfällen der herausgelösten Stoffe mit Salzen, Entfärben mit speziellen Harzen. Darauf folgen Entsalzung und Kristallisation aus alkoholischer Lösung, bis der eigentliche Süßstoff, die Steviolglykoside, in einem Reinheitsgrad von mindestens 95 Prozent vorliegt (bezogen auf die Trockensubstanz des Endprodukts).“ Konsument: „Das bedeutet, dass das Steviablatt vom Süßstoff ungefähr genauso weit weg ist wie die Zuckerrübe vom Haushaltszucker. Ja, auch beim herkömmlichen Zucker kommen Natur und Natürlichkeit nur in der Werbung vor.“
Darüber hinaus finden sich bei Stevia-Produkten in Pulver- oder Tablettenform noch Konservierungsmittel oder Stabilisatoren.

Zucker, Insulin, Diabetes

Steviaglykoside werden ohne Einsatz von Insulin im menschlichen Körper umgesetzt und erhöhen im Gegensatz zum „Wiener Zucker“ den Blutzuckerspiegel nicht. Deshalb sind sie nur für Menschen mit Diabetes-Typ-1, die Insulin zuführen müssen, eine echte Alternative.

Überraschende Zusätze: Zucker

Um die gewöhnungsbedürftige Süße von Stevia dem Konsument schmackhaft zu machen, greift die Industrie zu bewährten Mitteln, so Konsument: Zucker.
Genauer: In zwölf von 36 untersuchten Proben steckten weitere Süßungsmittel. Am häufigsten fanden die Tester den Zuckeralkohol Erythrit. In zehn Proben waren allerdings herkömmlicher Zucker versteckt: In den meisten Fällen in Form von Fruktose (Fruchtzucker), Laktose (Milchzucker), Apfelsaft oder Apfelsüße. In einem Stevia-Produkt im Pulverform (für Kaffeesüßung) fanden die Tester von Konsument eine Mischung aus Malz- und Traubenzucker, der Anteil an Steviaglykosiden betrug drei (3) Prozent.

Zutatenliste genau studieren

Ein Blick auf die Zutatenliste lohnt sich also allemal. Überall wo Stevia draufsteht, kann eben auch Zucker oder ein anderes Süßungsmittel enthalten sein. Was weiter bedeutet, dass Produkte mit Stevia wesentlich mehr Kalorien enthalten können, als vermutet. Am genauen Studium der Zutatenliste führt daher kein Weg vorbei, so Konsument.

Kennzeichnungspflicht

Stevia gegen ZuckerDamit es hier zu keinen Täuschungen kommt gibt es seit Juni 2012 eine Leitlinie mit Begriffslisten des österreichischen Gesundheitsministeriums „über die täuschungsfreie Kennzeichnung von Lebensmitteln, die mit dem Zusatzstoff Steviolglykoside (E 960) gesüßt sind“. Korrekt wäre die Bezeichnung „gesüßt mit Steviolglykosiden“ oder „mit Steviolglykosiden aus pflanzlicher Quelle“, aber auch „mit Süßstoff Steviolglykoside aus Stevia“, um nur einige Beispiele zu nennen. Blumige Formulierungen wie etwa „mit Stevia“ oder „natürlich gesüßt“ entsprechen dagegen nicht den Vorgaben, so Konsument.

Noch Nachholbedarf

Die meisten geprüften Produkte entsprachen dieser Leitlinie nicht, so die Tester des Konsument. Allerdings wurden die Produkte während einer Phase gekauft, als die aktuellen Bestimmungen gerade publiziert wurden – die Produzenten waren meist gerade dabei die Verpackungskennzeichnungen umzustellen. Die Schonfrist für die „Umetikettierung“ reicht noch bis 2013.

Steviapflanze: ohne Zulassung

Anders als die Steviolglykoside ist die Steviapflanze selbst in der EU nach wie vor nicht zugelassen. Trotzdem findet man sie in diversen Blumenfachgeschäften. Mit dem Hinweis „nicht zum Verzehr geeignet“ sichern sich die Händler ab, stellt Konsument fest.
Vielen Konsumenten ist allerdings schleierhaft, warum es Beschränkungen für eine Pflanze gibt, die in anderen Ländern seit langer Zeit traditionell verwendet wird. Dazu hält der Konsument fest:

  • Niemand weiß genau, inwieweit sich heutige Züchtungen in Sachen Inhaltsstoffe von den Wildpflanzen unterscheiden.
  • Die Ernährungsgewohnheiten und der Lebensstil in fernen Ländern sind garantiert andere als bei uns, wo Limonaden in Großpackungen aus dem Kühlschrank kommen und süße Snacks tägliche Begleiter sind.
  • Selbst in Paraguay waren bis 2005 die Blätter der Steviapflanze nicht als Lebens-, sondern nur als Arzneimittel zugelassen.

Für Diabetiker geeignet?

Die Deutsche Diabetes-Hilfe kann Stevia-Produkte nur bedingt empfehlen. Nach Ansicht der Experten sind Getränke und Lebensmittel, die mit Steviolglykosiden gesüßt werden, nicht automatisch gesünder. Wie bei Produkten mit herkömmlichen Süßstoffen darf bei Konsumenten nicht der Eindruck entstehen, dass derartige Lebensmittel unbedenklich konsumiert werden können, hält Konsument fest.
Menschen mit Diabetes mellitus sollten ohnehin nur wenig Süßigkeiten konsumieren, egal ob sie mit Zucker, Süßstoff oder Stevia zubereitet sind. Grundsätzlich soll das Verlangen nach Süßem langfristig gesenkt werden.

Zusammenfassung des Konsument

  • Gut. Anders als Zucker liefert Stevia kaum Kalorien, schont die Zähne und beeinflusst den Blutzuckerspiegel nicht.
  • Nicht übertreiben. Mit Stevia gesüßte Produkte sparsam verzehren. Bislang weiß niemand, welche Auswirkungen eine chronische Überdosierung des Süßstoffs bewirkt. Studien dazu fehlen noch.
  • Mehr drin. Wo Stevia draufsteht, können auch andere Süßungsmittel oder sogar Zucker drin sein. Die Auslobungen auf den Produkten suggerieren häufig Natürlichkeit, die nicht den Tatsachen entspricht. Daher immer genau auf die Zutatenliste achten.
  • Kein Ersatz. Anders als Zucker hat Stevia keine konservierenden Eigenschaften. Zum Einkochen ist es daher nur bedingt geeignet. Beim Backen bräunt es nicht, und es fehlt ihm auch das für Teige nötige Volumen.

Mag. Christian Boukal
September 2012


Foto: Paraguay Post Office (Correo Paraguayo)/Wikipedia, Sten Porse/Wikipedia, Yoky/Wikipedia

Zuletzt aktualisiert am 11. Mai 2020