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Übergewicht: Dickes Ende

Übergewicht : Dickes EndeMesser, Gabel, Frust und Couch – Fettleibigkeit als gefährlichste Epidemie. Das Schönheitsideal einer Model-Figur lässt viele vermeintlich Dicke mit ihrem Körpergewicht hadern. Noch viel mehr Menschen aber bilden sich ihre übermäßige Körperfülle nicht nur ein. Fettleibigkeit ist eine drohende Epidemie des 21. Jahrhunderts – und bei weitem die gefährlichste.

Weltweit hat die World Health Organization (WHO) höchste Prioritätsstufe für Vorbeugung und Behandlung der Fettleibigkeit ausgerufen. In den USA ist Adipositas schon jetzt Krankheits- und Todesursache Nr. 1. Im letzten Jahrzehnt ist auch in Österreich die Zahl der Übergewichtigen rasant gestiegen. 37 Prozent der Bevölkerung bringen zu viel Kilos auf die Waage, zehn Prozent davon sind fettleibig, also adipös. Fast die Hälfte aller Bluthochdruckerkrankungen, rund ein Drittel aller koronaren Herzerkrankungen und 85 Prozent aller Typ-2-Diabetes-Fälle sind einem erhöhten Körpergewicht anzulasten. Die meisten Übergewichtigen sind männlich.

Jedes fünfte Kind ist zu dick

Übergewichtig-adipös sind zunehmend auch schon Kinder. Genetische Veranlagung spielt dabei – wie auch bei den Erwachsenen – eine unterschiedlich bewertete Rolle. Je nach Studie liegt der genetisch bedingte Anteil zwischen 30 und 70 Prozent. Die „schweren Bröckerln” sind meist durch den familiären Speisezettel und Lebensstil belastet: Nahrungsüberfluss und Bewegungsmangel. Fettstoffwechselstörungen, Bluthochdruck, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Gelenks- und Wirbelsäulenschäden und sogar Typ-2-Diabetes unter den jungen Menschen sind die bitteren Konsequenzen. Dazu kommen seelischer Leidensdruck, sozialer Rückzug, Isolation und Depression. Kinder wie Erwachsene leiden gleichermaßen unter dem „dicken Ende” einer falschen, ungesunden Lebensweise.

Kultur & Mode

In der Geschichte der Menschheit gab es oft Epochen, in denen mollige Frauen das Idealbild darstellten. Rubens etwa malte die Frauen rund und üppig – entsprechend dem Schönheitsideal im 17. Jahrhundert. Dicksein war damals gleichgestellt mit „reich und wohlhabend”. Etwas schlankeres Auftreten kam erstmals in den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts in Mode. Als schön galt es in dieser Mangelzeit, gut proportioniert zu sein, eher mollig, aber keinesfalls dünn. In den 50er Jahren begann der Kampf mit dem Fett und erreichte Ende der 60er Jahre mit dem Fotomodell Twiggy seinen Höhepunkt. Die Geschichte zeigt, dass tendenziell das als Schönheitsideal gepriesen wird, was man gerade nur schwer erreichen kann. In Mangelzeiten galten dicke Menschen als gesund und attraktiv, in Zeiten des Nahrungsüberflusses eher die Dünnen. Eine medizinische Bewertung mit der Abschätzung der Risiken von Übergewicht setzte sich erst Mitte des vorigen Jahrhunderts durch.

Dicke sterben früher

Die Begleit- und Folgeerkrankungen von Übergewicht und Fettleibigkeit betreffen alle Organsysteme. Brust- und Gebärmutterhalskrebs, Prostata- und Dickdarmkrebs werden damit direkt in Zusammenhang gebracht, so der Ernährungsmediziner OA Dr. Thomas Schickmair,  Abteilung Interne IV, KH der Elisabethinen Linz. Bei einer Operation tragen übergewichtige Patienten ein erhöhtes Operations- und Narkoserisiko. Die Refluxkrankheit, akute und chronische Gallenblasenleiden, Störungen der Atemfunktion wie zum Beispiel die Schlafapnoe, Störungen der Blutgerinnung, Gicht, Beschwerden und irreparable Schäden am Bewegungsapparat zählen ebenfalls zu den Komplikationen eines zu hohen Körpergewichts. Unter den Gesamtausgaben des österreichischen Gesundheitssystems ist es damit ein wahrlich gewichtiger Kostenfaktor.

Selten ist Übergewicht krankheitsbedingt und beispielsweise durch eine Schilddrüsenunterfunktion oder andere Hormonstörungen ausgelöst. Eine Blutuntersuchung kann solche Ursachen aufspüren beziehungsweise ausschließen. Manche Medikamente, wie etwa Betablocker zur Bluthochdruckbehandlung, können eine Gewichtszunahme fördern. Unhaltbar ist die Ausrede von den „schweren Knochen” oder den „guten und schlechten Kostverwertern”. Die Wissenschaft hält die Neigung zum Fettansatz für ein entwicklungsgeschichtliches Erbe. Das Prinzip, Reserven in Form von Fettzellen für vermeintlich drohende schlechte Zeiten anzulegen, hat sich über viele Jahrtausende bewährt. Beim ständigen Nahrungsüberangebot unserer Zivilisation hat es jedoch fatale Auswirkungen.

Der Body-Mass-Index (BMI)

Der Body-Mass-Index „BMI“ laut WHO ist der international anerkannte Wert zur Beurteilung des Körpergewichts und gilt für erwachsene Frauen und Männer ab 20.


Übergewicht - Dickes Ende_Formel BMI

Der BMI gilt als wissenschaftlich präziser und aussagekräftiger als die früher gängige, mittlerweile überholte Broca-Formel (Körpergröße minus 100 = Normalgewicht plus/minus 10 – 15 Prozent). Allerdings muss auch der BMI individuell beurteilt werden. Sehr muskulöse Menschen wie zum Beispiel Athleten können auch ohne Fettüberschuss einen vergleichsweise höheren BMI. In höherem Alter ist der BMI weniger exakt, weil der alternde Organismus bei zugleich abnehmender Muskelmasse meist mehr Fettgewebe einbaut.

Zur Beurteilung des Körpergewichts wird beim Fettverteilungsmuster vom „Apfeltyp“ auch der Bauchumfang gemessen. Für Frauen liegt der Grenzwert bei 88 cm, für Männer bei 102 cm. Darüber besteht auch bei normalem BMI ein deutlichtes Gesundheitsrisiko. Als weniger problematisch gelten die Fettansammlungen beim Birnentyp – die ungeliebten „Reiterhosen“ und Speckröllchen an Hüften und Po.

ADIPOSITAS = eine die Gesundheit gefährdende Vermehrung des Körperfettes.

Zu viel, zu fett, zu faul

Der jüngste Österreichische Ernährungsbericht des Instituts für Ernährungswissenschaften stellt zwar einerseits verbesserte Ernährungsgewohnheiten innerhalb der letzten zehn Jahre fest – nämlich einen vermehrten Verzehr von Obst, Fisch, Brotgetreide und pflanzlichen Ölen. Gestiegen ist aber auch der Konsum von rotem Fleisch, etwa von Rind und Schwein, bei insgesamt zu hohem Fettkonsum vor allem tierischer Fette. Auf hohem Niveau stagnierend ist der Verbrauch von Zucker. Gemüse, vor allem Hülsenfrüchte, sind hingegen ein Stiefkind auf dem Esstisch – im Gegensatz zu alkoholischen Getränken, die nach Ansicht der Ernährungswissenschaftler allzu beliebt sind. Als Bewegungsmuffel liegen die Österreicher im europäischen Durchschnitt.

Ohne Fett geht es nicht

Fett ist eine lebenswichtige Substanz. Seine molekularen Bauelemente, die Fettsäuren, befinden sich in jeder Zellmembran. Fettgewebe dient als Stützstruktur für innere Organe, ist Wärmeisolator, Dämpfungsschicht und Energiereserve. Gefährlich aber sind die Fettpolster, die sich reichlich als Speichermasse in der Bauchgegend ansetzen – beim so genannten „Apfeltyp” sowohl sichtbar außen als auch innen zwischen den Darmschlingen. Die Fettdepots produzieren vermutlich hoch aktive Botenstoffe, die eine Art chronische Entzündungsreaktion im gesamten Organismus provozieren. Diese Entzündungen sind wahrscheinlich die Wegbereiter für Herz-Kreislauf-Erkrankungen sowie Diabetes-Typ 2. Insulin ist der „Türöffner” an der Zelle, um Zucker einzuschleusen. Wenn die Wirkung des Insulins an der entzündeten Zellwand verpufft, bleibt der Zucker im Blut – die „Zuckerkrankheit” entsteht. Außerdem hilft Insulins beim Auffüllen der Fettvorräte.

Fett ist mit 9,1 kcal/g die stärkste Energiequelle – Eiweiß und Kohlehydrate liefern nur jeweils 4,2 kcal/g. Die Fettverbrennung ist aber ein aufwändiger Prozess. Wenn Fett und Glukose – also Zucker – gleichzeitig im Blut zirkulieren, schnappt sich die stoffwechselaktive Zelle die Glukose als Treibstoff. Das Fett bleibt außen vor – als steter Nachschub für die Fettdepots.

Baustein Fettsäure:

Aus Triglyzeriden bestehen nicht nur die meisten Nahrungsfette, sondern auch die Fettspeicher im Körper. Fettsäuren als Bausteine der Fette sind kettenförmige Verbindungen aus Kohlenstoff, Sauerstoff und Wasserstoff. Bei Vorliegen einer oder mehrerer Doppelverbindungen in der Molekühlkette spricht man von einfach oder mehrfach ungesättigten Fettsäuren.

Molekülketten ohne Doppelverbindung bilden gesättigte Fettsäuren. Letztere wandern nach der Aufnahme sofort in die Energie verbrauchenden Zellen oder in die Fettdepots und erhöhen die Blutfettwerte.

Ungesättigte Fettsäuren dienen hauptsächlich dem Aufbau der Zellstruktur und der Erhaltung von Zell und Organfunktion. Mehrfach ungesättigte Fettsäuren werden auch als essentiell bezeichnet, weil sie der Körper nicht selbst herstellen kann. Wichtig bei der Ernährung ist die optimale Zusammensetzung der Fettsäureanteile, wie etwas bei Oliven- und Rapsöl. Auf Cholesterin aus der Nahrung kann der Körper weitgehend verzichten - er kann es selbst produzieren.

Der Glykämische Index (GI)

Mittels des so genannten Glykämischen Index (GI) wird die Wirkung von Lebensmitteln auf Blutzuckerspiegel und Insulinausschüttung nach einer Mahlzeit bewertet. Pommes frites, Süßigkeiten, Kartoffeln und Weißbrot sind Nahrungsmittel mit hohem GI, die zu hohen Blutzucker und Insulinspitzen nach der Mahlzeit führen. Hülsenfrüchte, Äpfel und bissfest gekochte Spaghetti stehen hingegen auf der Liste mit niedrigem GI, die für niedrigere Blutzuckerwerte und längeres Sättigungsgefühl sorgen. Die geringere Insulinausschüttung nach dem Essen scheint auch langfristig eine Reduktion der Fettdepots zu unterstützen. Maßgeblich für den GI eines Lebensmittels ist aber auch seine jeweilige Kombination mit anderen Zutaten.

Kalorien zählen

Der Tageskalorienbedarf hängt ab von Geschlecht, Alter, Gewicht und körperlicher Aktivität. Eine 50-jährige Friseurin mit 70 kg Körpergewicht ohne regelmäßigen Sport kommt täglich mit durchschnittlich zirka 2230 kcal aus, ein gleichaltriger, 80 kg schwerer Mann mit vergleichbarem Lebensstil braucht rund ein Drittel mehr. 60 bis 70 Prozent der Nahrungsenergie investiert der Organismus in den so genannten Grundumsatz, also die Aufrechterhaltung lebenswichtiger Funktionen wie Atmung, Herzschlag, Stoffwechsel und Gehirntätigkeit. Der Rest wird für die Regulation des Wärmehaushalts und körperliche Bewegung eingesetzt. Zehn Kilogramm Gewichtsverlust bedeuten 100 bis 200 kcal weniger Energiebedarf pro Tag. Kurzfristige Radikaldiäten ohne Bewegungsprogramm schwächen die Muskeln, weil der Körper zum Ausgleich der Energiezufuhr lieber darauf zugreift als auf die Fettdepots. Muskelmasse geschwunden, Grundumsatz gesenkt – das ist das Startkommando für den gefürchteten Jo-Jo-Effekt. Täglich nur 100 kcal zu viel – eine Semmel pro Tag – genügen, um das Gewicht langsam, aber stetig wieder hochzutreiben.

Birnentyp/Apfeltyp:

Übergewicht - Dickes Ende_ Apfel_BirneBeide Formen tragen ein erhöhtes Risiko für Schäden am Bewegungsapparat und Gallenblasenerkrankungen.
Der Apfeltyp hat zusätzlich ein erhöhtes Risiko für die Entstehung von Gefäßschäden (Atherosklerose).


Birnentyp:
Hüftbetonte Fettverteilung vor allem bei übergewichtigen jüngeren Frauen

Apfeltyp:
Bauchbetonte Fettverteilung bei übergewichtigen Männern jedes Alters und älteren Frauen.

Bewegung muss sein

Nur regelmäßige Aktivität bringt den Körper dazu, endlich seine Fettzellen anzuzapfen. Extreme Richtlinie mancher Sportgurus: 60 Minuten, für ehemalige Adipöse sogar bis zu 90 Minuten täglich flottes Gehen, Nordic Walken oder Joggen bei 65 Prozent der Belastungsgrenze. Im Alltagsleben der meisten Berufstätigen ist das nicht durchführbar, so Schickmair. Er rät zu einem realistischen, aber umso konsequenter verfolgten 20-Minuten-Programm fünfmal pro Woche, das nach Möglichkeit langsam und schrittweise auf insgesamt fünf Wochenstunden gesteigert werden sollte.

Bauchfett:

Wird Fett nicht durch entsprechende Bewegung verbraucht, wird es im Bauch als Überschuss zwischengespeichert. Gefährlich sind die Fettpolster, die sich reichlich als Speichermasse in der Bauchgegend, sowohl sichtbar außen als auch innen zwischen den Darmschlingen, ansetzen.

Zunehmen dauert – Abnehmen auch

Ob Krautsuppe, Ananaskur, Pulvermix- oder Nulldiät: Die meisten der unzähligen Diätvorschläge sind sinnlos und zum Scheitern verurteilt, weil sie keine langfristige Ernährungsumstellung erzielen. Je einseitiger eine Diät, umso kürzer die Durchhalte-Chancen. „Das ist wenigstens eine selbststeuernde Schadensbegrenzung”, meint Schickmair. Denn durch einseitige Ernährung drohen Verdauungsstörungen, Stoffwechselentgleisungen und psychische Probleme. Ausgewogen und alltagstauglich soll ein Ernährungsplan zur Gewichtsabnahme sein. Ein Kilo pro Woche weniger, das ist das Maximum für ein dauerhaft zielführendes und gesundes Abspeckprogramm. Statt Selbstkasteiung lieber lustvoll genießen – sogar ein Stück Schokolade ist bei Heißhunger nach Süßem als Ausnahme genehmigt. Schokolade enthält eine Vorstufe des Glückshormons Serotonin, das Sättigung signalisiert. Hauptsache, die Energiebilanz stimmt.

Hilfreich beim Abnehmen kann – nach Rücksprache mit dem Arzt – tägliches 11- bis 14-stündiges Fasten sein, wobei in dieser Zeit außer Mineralwasser oder Tee nichts konsumiert werden darf. Das bewirkt eine Art Kurzurlaub für den Stoffwechsel, in dem die Zellen vermutlich wieder besser auf Insulin anzusprechen lernen. Praktikabel ist dieses Fastenprinzip zum Beispiel durch ein sehr frühes Abendmahl und ein spätes Frühstück – die Fastenperiode wird dabei großteils verschlafen.

Neue Essrituale lernen

Stress und Überforderung im Beruf, Frust und Spannungen in der Partnerschaft, Kummer, Depression, Erschöpfung, Langeweile – es gibt viele Gründe, warum Menschen ihren Kühlschrank plündern und Trost im Essen suchen. Ein Teufelskreis, denn mit steigendem Gewicht sinken Selbstwertgefühl, Bejahung der eigenen sexuellen Attraktivität und Lebensfreude. Abnehmen heißt auch Bedürfnisse wahrzunehmen, Stress anders zu managen, Entspannung zu üben. Das ist nicht leicht, aber was man sich einmal angewöhnt hat, kann man sich auch wieder abgewöhnen. Es zahlt sich aus. Zehn Kilo weniger – schon das reduziert unabhängig vom „Startgewicht” abnorme Blutfettwerte, Bluthochdruck, Diabetes- und Krebsrisiko, erleichtert dem Herz-Kreislauf-System die Arbeit, entlastet den Bewegungsapparat, erhöht die Lebenserwartung, schenkt ein positives Körpergefühl, Selbstbewusstsein und neue Lebenslust. Nie ist es zu spät, Leibesfülle loszuwerden, statt wertvolle Lebensjahre durch Übergewicht zu verschenken.

Klaus Stecher
Jänner 2013


Bilder: Bilderbox; deSign of Life; privat

Kommentar

Übergewicht : Dickes Ende"Gesundes Körperbewusstsein kann sich jeder leisten. Es heißt, dass man zur Jause einen Apfel isst statt einer Leberkäsesemmel, dass man die Treppe nimmt anstelle des Lifts, dass man auch die knappe Freizeit aktiv verbringt”.
Oberarzt Dr. Thomas Schickmair
Abteilung Interne IV, KH der Elisabethinen Linz

Zuletzt aktualisiert am 13. November 2020