DRUCKEN

Pilze sammeln: Irren ist tödlich

Pilze sammeln Irren ist tödlichWer Pilze sammelt, sollte die giftigsten gut kennen. Mit Weidenkorb und Schwammerlmesser bewaffnet die Wälder durchstreifen und die Eroberungen zu Hause selbst zubereiten – für Pilzfreunde gibt es kaum etwas Schöneres. Doch immer wieder enden Pilzmahlzeiten in einer Katastrophe. Nicht nur Neulingen, sondern auch Pilzkennern passieren fatale Verwechslungen. Im Extremfall ist die Pilzvergiftung tödlich.

Gerade Pilzsammler mit jahrelanger Erfahrung missachten irgendwann den wichtigsten Grundsatz: dass ausnahmslos nur Pilze gesammelt werden dürfen, die man hundertprozentig kennt. Dr. Karl Hruby, Leiter der Vergiftungsinformationszentrale in Wien, spricht aus Erfahrung: „Diese Gruppe von Pilzsammlern neigt zu Experimenten und zum Ausreizen dessen, was sie sich zutrauen. Und das geht nicht immer gut aus.“ Weil die Hobbysammler die gefährlichsten der gefährlichen Pilze gut kennen, kommen sie meist ohne bleibende Schäden davon. Aber auch Brechdurchfälle, Schweißausbrüche, Herzrasen oder vorübergehende geistige Verwirrtheit sind unangenehm genug. Ginge es nach dem Vergiftungsexperten Karl Hruby, dann sollte man überhaupt auf das Pilzsammeln verzichten und nur unzweifelhafte Exemplare im Handel erwerben. Hruby: „Das würde uns viele Sorgen ersparen. Aber ich weiß natürlich, dass das nicht geht.“

In Mitteleuropa gibt es rund 6.000 Pilzarten, die größere Fruchtkörper ausbilden. Unter Experten gelten davon rund 200 Arten als Speisepilze, etwa ebenso viele werden als giftig klassifiziert. Der große Rest der Nicht-Speisepilze ist ungenießbar bis verdächtig. Die absolut tödlich gefährlichen lassen sich an einer Hand abzählen. Und die sollte wirklich jeder, der Pilze sammeln will, im Schlaf kennen: Die Killerpilze schlechthin sind die Knollenblätterpilze, allen voran der Grüne Knollenblätterpilz (Amanita phalloides), der Weiße oder Frühlings-Knollenblätterpilz (Amanita verna) sowie der Spitzkegelige Knollenblätterpilz (Amanita virosa). Sie enthalten Amanitine.

Lange Latenzzeit

Diese Gifte greifen in den Eiweißstoffwechsel der Zellen ein und bringen erst die Darmtätigkeit zum Erliegen, um dann die Leberzellen anzugreifen und zu zerstören. Die tödliche Dosis beträgt bei Erwachsenen zwischen 30 und 50 Gramm Frischpilze, bei Kindern zwischen 5 und 10 Gramm.

Fatal ist, dass die ersten Symptome bei einer Amanitin-Vergiftung typischerweise erst sechs bis zwölf Stunden, in einzelnen Fällen gar erst zwei Tage nach der Mahlzeit auftreten. Plötzlich einsetzende Übelkeit, Brechdurchfall und kolikartige Leibschmerzen sind nach einer Pilzmahlzeit Alarmsignale, die Lebensgefahr anzeigen. Nach einer Phase der scheinbaren Besserung werden Leber und Nieren angegriffen und zerstört. Ohne Behandlung tritt etwa vier bis sieben Tage nach der Mahlzeit der Tod ein. Toxikologe Karl Hruby: „Vor allem die lange Latenzzeit und ein Durchfall, bei dem man das Gefühl hat auszurinnen und nicht mehr vom WC wegkommt, legen eine Amanitinvergiftung nahe. Wer es schon kurz nach dem Essen mit Magen- und Darmbeschwerden zu tun bekommt, kann vergleichsweise eher beruhigt sein.“ Mit einer stationären Aufnahme im Spital und der richtigen Therapie gibt es für die Opfer von Knollenblätterpilzen immerhin reale Überlebenschancen. Vor 50 Jahren starben rund 50 Prozent der Patienten, während heute mehr als 90 Prozent überleben. Neben der modernen Intensivmedizin ist vor allem der aus der Mariendistel gewonnene Wirkstoff Silibinin für die verbesserte Prognose verantwortlich. Er verhindert ein Kollabieren der Leber und hilft bei der Regeneration des Organs. Als letztes Mittel bleibt eine Lebertransplantation. Das alles lässt sich einfach vermeiden, indem man die Knollenblätterpilze erkennt: Im Gegensatz zu Champignons oder Riesenschirmlingen (Parasol) haben alle Knollenblätterpilze auf der Hutunterseite weiße Lamellen. An der Stielbasis zeigt sich über der namensgebenden Knolle eine kelchartige scheidige Hülle. Dr. Karl Hruby: „Vor allem im Jugendstadium sind die Merkmale nicht immer ganz klar erkennbar. Deshalb sollte man beim geringsten Zweifel die Finger davon lassen.“ Tödlich verlaufen kann auch eine Vergiftung mit Orellanin, einem Nierengift, das vor allem im Orangefuchsigen Raukopf (Cortinarius orellanus) und im Spitzbuckligen Raukopf (Cortinarius rubellus) vorkommt.

19 Todesopfer

Nach einer beschwerdefreien Latenzzeit von 2 bis 17 (!) Tagen zeigen Kopf- und Nierenschmerzen einen bereits eingetretenen Nierenschaden an. In schweren Fällen helfen nur Dialyse und Nierentransplantation. In Polen ist es in den 50er-Jahren des vorigen Jahrhunderts zu einer Massenvergiftung mit 135 Erkrankten und 19 Todesopfern gekommen.

Nur sehr selten tödlich enden Vergiftungen mit dem klassischen Giftpilz aus dem Märchenbuch. Der Fliegenpilz (Amanita muscaria) und sein enger Verwandter, der Pantherpilz (Amanita pantherina), können aber durch ihre Toxine Ibotensäure und Muscimol zu sehr unangenehmen Folgen führen. Nach einer viertel bis zwei Stunden treten etwa Schwindel, Rauschzustände, Halluzinationen, Herzrasen und erhöhter Speichelfluss auf. Vergiftungsexperte Karl Hruby: „Wie auch bei Experimenten mit anderen psychisch aktiven Pilzen besteht keine unmittelbare Lebensgefahr. Es ist aber schon zu tödlichen Unfällen im Pilz-Rausch gekommen.“

Zum Thema Rausch passt das Coprinus-Syndrom ganz gut. Das im Faltentintling (Coprinus atramentarius) enthaltene Coprin bewirkt im Stile von Antabus-Tabletten eine Alkoholunverträglichkeit. Schon kleine Mengen Alkohol führen unter anderem zu Schwindel, Übelkeit und Bauchschmerzen. Die Wirkung des Pilzes setzt schon während der Mahlzeit ein und dauert bis zu vier Tage.

Heinz Macher

September 2010

Foto: Bilderbox


Kommentar

Kommentarbild Pilze sammeln: Irren ist tödlich Dr. Hruby„Wenn die Beschwerden erst sechs bis zwölf Stunden nach einer Pilzmahlzeit auftreten, kann es sich um eine lebensbedrohende Vergiftung mit Knollenblätterpilzen handeln. Dann muss die ganze medizinische Kunst aufgeboten werden, um das Leben des Patienten zu retten.“
Dr. Karl Hruby
Leiter der Vergiftungsinformationszentrale, Wien

Zuletzt aktualisiert am 11. Mai 2020