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Hormon lässt Essen schmackhaft aussehen

Hormon lässt Essen schmackhaft aussehenGhrelin gilt als Hormon, das Hungergefühle auslöst. Das Hormon wird im Magen produziert und in die Blutbahnen abgegeben. Nach der Mahlzeit sinkt der Hormonspiegel wieder ab. Ghrelin signalisiert dem Gehirn „Es ist Zeit zu essen“, hat also eine appetitanregende Wirkung. „Menschen mit einem erhöhten Ghrelinspiegel essen mehr. Zudem nimmt die Fettverbrennung mit einem höheren Ghrelinspiegel ab“, sagt Ernährungswissenschaftlerin Mag. Marlies Gruber von forum. ernährung heute.  

Hormon lässt Nahrungsmittel schmackhaft aussehen

Ghrelin beeinflusst offenbar auch Hirnregionen, die den Menschen stärker auf Nahrungsmittelreize reagieren lassen. Einer Studie von Wissenschaftlern des Montreal Neurological Institute an der McGill University zufolge regt Ghrelin nicht nur das Hungergefühl an, sondern steigert die Wahrnehmung und das Erinnerungsvermögen bezogen auf Lebensmittel. Geht ein Hungriger in den Supermarkt, wirken die angebotenen Nahrungsmittel schmackhafter auf ihn als auf jemanden, der satt ist. Oft wird dem Einkäufer zu Hause erst klar, dass er zu viel gekauft hat.

 

Bisher war man davon ausgegangen, dass Hunger durch zwei verschiedene Mechanismen kontrolliert wird. Zum einen werde er durch einen hormonellen Prozess ausgelöst, bei dem das Gehirn beispielsweise durch Grehlin die Anweisung erhält, den Körper zur Nahrungsaufnahme anzuregen. So soll ein konstantes Körpergewicht und die Energieversorgung aufrechterhalten werden. Zum anderen gebe es den hedonistischen Aspekt — das Lustessen — das durch visuelle oder Geruchsreize ausgelöst wird. Die kanadischen Wissenschaftler meinen aber, dass diese beiden Mechanismen miteinander verbunden sind und dass das Hungerhormon Grehlin in beiden eine entscheidende Rolle spielt. Der Studie zufolge regt Grehlin bestimmte Hirnregionen dazu an, empfänglicher gegenüber visuellen Nahrungsreizen zu sein, wodurch der hedonistische Essdrang verstärkt werde.

Belohnungszentren werden aktiviert

Grehlin wirkt zudem auf die Belohnungszentren im menschlichen Gehirn. Um den Einfluss von Grehlin auf das Gehirn zu untersuchen, verabreichten die Forscher einem Teil ihrer Probanden das Hormon und zeigten beiden Gruppen Abbildungen von Lebensmitteln. Dabei wurde der Blutfluss im Gehirn mittels funktionaler Magnet-Resonanz-Tomographie beobachtet. Diejenigen, die einen höheren Grehlinspiegel hatten, zeigten auch eine höhere Aktivität in gewissen Hirnregionen. So sei beispielsweise der Blutfluss im Striatum, einer Gehirnregion, das Rezeptoren für den Neurotransmitter Dopamin – das Glückshormon – enthält, höher gewesen.

Gehirn reagiert auf Lebensmittelfotos

Zusätzlich zur Wirkung im Belohnungszentrum konnten die Wissenschaftler auch einen Einfluss auf die Erinnerungsfähigkeit der Probanden, denen das Hungerhormon verabreicht wurde, feststellen. Die Forscher untersuchten die Hirnfunktionen von 20 Testpersonen, während sie Essensbilder betrachteten. Zwölf Teilnehmern verabreichten sie vorher Ghrelin, die anderen bekamen ein Placebo. Im funktionalen Magnetresonanz-Tomografen konnten die Neurologen sehen: Die Reaktion der Hirnregionen auf die Bilder war stärker, wenn der Proband das Hormon erhalten hatte. Nicht nur ein oder zwei Hirnregionen hatten stärker reagiert, sondern das gesamte Netzwerk. Die Lebensmittel sahen nicht nur ansprechender aus, den Probanden mit dem zugeführten Hormon erschienen sie auch plastischer. Zudem erinnerten sie sich besser an die Essensbilder. Ob sich Grehlin allerdings generell auf das Erinnerungsvermögen auswirkt oder nur in Bezug auf Nahrungsmittel, bleibt ungeklärt.

Hormone und Schlafdauer

Übergewicht dürfte auch mit der Schlafdauer im Zusammenhang stehen. Und auch hier wieder sind Hormone mit im Spiel. Die am Hunger- und Sättigungsmechanismus beteiligten Hormone sind bei Schlafentzug nämlich fehlgesteuert. „Der Leptin-Spiegel sinkt, Ghrelin dagegen wird bei Schlafmangel vermehrt gebildet“, erklärt Gruber. Eine amerikanische Studie zeigt diesen Zusammenhang nicht nur auf, sondern belegt auch seine praktische Relevanz: Sie konnte zeigen, dass eine kurze Schlafdauer Hunger und Appetit ankurbelt. Auch Studien mit Kindern und Jugendlichen zeigten, dass die Kurzschläfer einen höheren Body-Mass-Index aufwiesen. Eine japanische Studie etwa mit 6- bis 7-Jährigen bestätigte einen signifikanten Zusammenhang zwischen Schlafmangel und Adipositas. Das Risiko, adipös zu sein, war für Kinder mit mehr als zehn Stunden Schlaf nur halb so hoch als für diejenigen, die neun bis zehn Stunden schliefen.

Therapie gegen Fettleibigkeit?

Seit einiger Zeit werden daher Grehlin blockierende Medikamente als mögliche Therapie gegen Fettleibigkeit diskutiert, um so den Appetit zu zügeln. Gelänge es Wissenschaftlern, den Einfluss von Ghrelin zu verringern, wäre das ein möglicher Therapieansatz gegen Übergewicht. Derartige Behandlungswege sehen Forscher jedoch als nicht ungefährlich an, denn Grehlin wirkt auch auf Hirnregionen ein, die mit dem Entstehen von Emotionen und Motivation verbunden sind. Ein Medikament, dass diese Funktionsweisen unterdrückt, könnte das Risiko von Nebenwirkungen auf den Gemütszustand und die Erinnerungsfähigkeit mit sich bringen.

 

Medikamente, die das Hunger-Hormon Ghrelin blockieren, können laut Studie einen ungewünschten Nebeneffekt haben: Depressionen und Ängste werden schlimmer, weil das Hormon seine lindernde Wirkung nicht mehr entfalten kann. Denn das „Hungerhormon“ Ghrelin stimuliert nicht nur den Appetit, sondern dürfte eben auch zentral an der Regulierung des Gefühlshaushalts beteiligt sein.

 

Dr. Thomas Hartl
September 2008

Foto: Bilderbox

Zuletzt aktualisiert am 11. Mai 2020