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Übergewicht: Fest und immer fester

Fest und immer festerGegen den Schwimmreifen hilft nur weniger essen und mehr Bewegung. Der Leberkäse ist des Mannes Feind. Und das Bier. Und die eigene Bequemlichkeit. Um die 50 ist der Schwimmreifen oft nicht mehr wegzuleugnen. Dumm nur, dass es schwieriger ist, ihn loszuwerden, als ihn anzufuttern. Besonders, weil der Körper dagegen arbeitet.

Nein, dieser Mann war nie dick und wird nie zu dick werden. Prof. Hans Holdhaus ist seit „Fit mach mit“-Tagen Österreichs Vorzeigeturner. Gertenschlank, sehnig, ein lebendes Mahnmal für alle nicht so Konsequenten. Wie schön, dass auch der Fitnessprofessor wenigstens mit 60 ans Gewicht denken muss. „Ich habe einen kleinen Schwimmreifen“, sagt er, „weil ich wegen Problemen mit meinem Bein zuletzt nicht genug machen konnte.“ Zwei Kilo zu viel, süß. Die meisten Männer, die zu Holdhaus zum kontrollierten Abspecken in das Institut für medizinische und sportwissenschaftliche Beratung nach Maria Enzersdorf kommen, haben 20 Kilo zu viel drauf. Das Rezept dagegen ist meist so einfach wie die Ursachen. Moderates Kraft- und Ausdauertraining soll das bekämpfen, was jahrzehntelang mehr gefuttert als verbraucht wurde. Denn über Nacht wächst kein Bauch, meint Holdhaus. „Den Bauchansatz legen Männer meist schon mit 30 bis 40. Nach der Sturm- und Drang-Phase mit Karriere, Familiengründung und Hausbau geht der Energieverbrauch langsam zurück, die meisten Männer essen aber weiter wie bisher.“ Mit 50 kommt oft das böse Erwachen.

Zahlenspiele

Übergewicht ist eine einfache Gleichung. Es ist das Missverhältnis zwischen Energieaufnahme und Energieverbrauch. Univ.- Doz. Dr. Peter Fasching, Hormon- und Stoffwechselexperte vom Geriatriezentrum Baumgarten, rechnet vor: „Ein Gramm Fett hat neun Kilokalorien. Wer drei Tage lang je 300 Kilokalorien weniger verbraucht, als er zu sich nimmt, lagert 100 Gramm Fett im Körper ein.“ Der moderne Mensch wird somit automatisch übergewichtig, wenn er nichts tut. Schuld ist der Fortschritt. Hat der Steinzeitmann auf der Jagd nach Beute bis zu 5000 Kilokalorien (kcal) pro Tag verbraucht, lag der Wert vor hundert Jahren nur mehr bei etwa 2800. Der durchschnittliche Kalorienverbrauch eines Mannes in mittleren Jahren liegt heute bei gerade mal 2000 kcal täglich, bei schwererer Arbeit um die 2400 kcal. Männer über 65 brauchen nur mehr rund 1900 kcal täglich. In unseren Köpfen sind aber noch immer etwa 2800 Kalorien als Nahrungsziel gespeichert. Die Folgen sind bekannt. Gut 15 Prozent der Österreicher gelten als deutlich übergewichtig. Mit allen negativen Folgen wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Bluthochdruck, Gelenksbeschwerden oder Diabetes. Die meisten Übergewichtigen sind zwischen 50 und 65 Jahre alt. Darunter ist der Bauch noch im Aufbau begriffen, darüber sterben die Dicken schneller weg als die Normalgewichtigen. Aber was ist normal für den Mann um die 50?

Was sagt das Maßband?

Die vielleicht bekannteste Maßzahl zur Beurteilung, ob alles im grünen Bereich liegt oder schon Übergewicht oder gar Fettleibigkeit (Adipositas) vorliegt, ist der Body Mass Index (BMI). Er errechnet sich aus dem Körpergewicht in Kilo dividiert durch die Körpergröße in Meter zum Quadrat. Zum Ergebnis nur so viel: Bis 25 ist alles in Ordnung, bei mehr als 25 heißt es langsam aufpassen, bei mehr als 30 sollten alle Alarmglocken schrillen. Dazwischen herrscht Verwirrung. Denn ein gut trainierter, muskelstarker Mann kann einen höheren BMI haben als ein schwachbrüstiger Hänfling mit Hüftspeck. Nun kommt der Körperfettanteil ins Spiel. Hier liegt die Grenze bei etwa 20 Prozent. „Da schleppt ein 70-Kilo-Mann schon 14 Kilo reines Fett mit sich herum. Das sollte genug sein“, sagt der Sportwissenschaftler Prof. Holdhaus.

Zum Vergleich: Eine Karotte hat etwa vier Prozent Fettanteil, der Jahrhundertsprinter Carl Lewis rund sechs Prozent. „Das derzeit angesagteste Maß ist aber der Bauchumfang“, weiß der Stoffwechselexperte Fasching: „Bis 94 Zentimeter sind für den europäischen Mann normal, darüber steigt das Risiko für ein metabolisches Syndrom deutlich an.“ Zudem ist der Bauchumfang ein gutes Maß für die im Inneren des Bauches gespeicherten „bösen“ Fettzellen, die Zucker und Fette besonders aktiv aufnehmen und daher weit gefährlicher sind als der subkutane Schwimmreifen.

Muskeln sind gefragt

„Die meisten Männer werden bei uns im Laufe ihres Lebens immer dicker, bis sie im hohen Alter — falls sie dies erleben — wieder abzubauen beginnen“, formuliert es Dr. Fasching recht drastisch. Männer vom 20. bis zum 40. Lebensjahr nehmen im Schnitt etwa zehn Kilo zu, der Körperfettanteil steigt von 15 Prozent mit 20 Jahren bis auf 32 Prozent mit 80 Jahren. Deshalb muss etwas getan werden, idealerweise kontinuierliches Ausdauer- und Krafttraining. Wer seine Muskeln dreimal die Woche trainiert, verlangsamt den Abbau von Muskelmasse oder kehrt ihn gar um. Starke Muskeln erhöhen den Grundumsatz. Größerer Grundumsatz bei gleicher Energiezufuhr lässt das Fett schmelzen. Mehr ist an sich nicht nötig, um abzunehmen. Die derzeit stark beworbenen Testosteronpräparate, die die Symptome der „männlichen Wechseljahre“ wie eben Gewichtszunahme bekämpfen sollen, sind ohne genaue ärztliche Instruktionen mit Vorsicht zu genießen. „In 95 Prozent der Fälle ist Testosteronmangel keine Ausrede für die Gewichtszunahme bei Männern“, warnt Fasching. Die Testosteronsublimentation für Männer scheint zwar einen positiven Einfluss auf den Muskelstoffwechsel zu haben, gleichzeitig steigt aber das Risiko, an Prostatakarzinom zu erkranken.

Vernünftiger ist es allemal, die Ernährung umzustellen: „Ein bisschen mehr Eiweiß, weniger versteckte Fette und ein Bier pro Tag weniger bringen locker 300 kcal weniger. Aber das fällt schon manchmal schwer“, weiß Fasching. Der 42-Jährige hat „auch ständig einen Kampf mit dem Gewicht“ zu führen. Wie beruhigend!
 

Fritz Kalteis
Jänner 2013

Foto: Bilderbox, privat

 

Kommentar

Übergewicht: Fest und immer fester„Wer bereits übergewichtig ist, bewegt sich üblicherweise noch weniger. 30 Minuten stärkere körperliche Aktivität pro Tag wären deshalb das Wichtigste, um schlanker zu werden. Versuchen Sie, diese Zeit konsequent in ihren Tagesablauf einzubauen.“
Univ.-Doz. Prim. Dr. Peter Fasching
Hormon- und Stoffwechselexperte am Geriatriezentrum Baumgarten

Zuletzt aktualisiert am 11. Mai 2020