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Essverhalten bei Sportlern: Anorexia athletica

anorexia athletica„Ich hatte Bulimie.“ Mit dieser Aussage sorgte der Formel-1-Pilot David Coulthard vor einigen Monaten für Schlagzeilen. Er ist jedoch kein Einzelfall. Auch die österreichische Läuferin Steffi Graf bekannte sich zu ihrer Essstörung. Im Leistungssport treten Essstörungen schon seit einiger Zeit vermehrt auf, aber auch Breitensportler sind zunehmend davon betroffen.

Die wohltuende Wirkung von Sport auf Körper und Geist ist bekannt. Immer häufiger riskieren jedoch Sportler ihre Gesundheit, um eine bessere Leistung zu erreichen. Denn vielfach wird die einfache Formel angewandt: Weniger Kilogramm = mehr Leistung. Das ist bei vielen Sportarten auch richtig. „Durch ein verringertes Körpergewicht, sei es zum Beispiel im Skispringen, im Eiskunstlaufen oder beim Laufen, kommt es anfangs zu einer Steigerung der Leistungsfähigkeit, da das optimale Kraft-Leistungsverhältnis erreicht wurde“, erklärt die Sportpsychologin Mag. Andrea Engleder. Doch nimmt der Sportler weiter ab, fällt auch seine Leistung. Die zu geringe Energiezufuhr führt auf lange Zeit zu einer Schwächung und Leistungsverminderung. Weitere Folgen sind eine Beeinträchtigung bei Wachstum und Entwicklung der Sportler. Eine negative Energiebilanz hat aber auch Auswirkungen auf die Knochendichte und -bildung.

Sportbedingtes gezügeltes Essverhalten

In der Fachpresse wird für dieses Verhalten häufig der Begriff „Anorexia athletica“ verwendet. Engleder versteht darunter ein „gezügeltes, sportbedingtes Essverhalten. Es wird folglich weniger Energie zugenommen als der Sportler durch sein Training bedürfte. Dabei handelt es sich nicht um eine psychiatrische Krankheit, sondern um ein subklinisches Krankheitsbild.“ Das bedeutet, dass bereits einige Symptome einer „Anorexia nervosa“ (Magersucht) wie starker Gewichtsverlust, Fehlen der Menstruation oder übertriebene Angst vor einer Gewichtszunahme bestehen, der Body-Mass-Index jedoch häufig noch im unteren Normbereich ist. Das veränderte Essverhalten ist bei Spitzensportlern meist zeitlich auf Wettkämpfe beschränkt. Das Dünn-Sein dient nicht dem Selbstzweck, sondern für den Sport und eine verbesserte Leistungsfähigkeit. Nach der Trainingsphase oder der Sportlerkarriere wird dann die Ernährung wieder umgestellt. „Einige Sportler finden jedoch nicht mehr zurück in ein normales Leben, weil sie auch nach der Sportlaufbahn die Figur behalten wollen oder weil ihnen die regelmäßige Struktur des Alltags, die ihnen das Training gegeben hat, wegfällt“, so Engleder.

Risikosportarten

Eine besondere Gefahr geht von Sportarten aus, in denen es als fast selbstverständlich betrachtet wird, dass die Athleten eine gestörte Beziehung zum Essen haben. Dazu zählen insbesondere ästhetische Sportarten wie Gymnastik oder Ballett, gewichtsklassenabhängige Sportarten wie Boxen oder Ringen und Ausdauersportarten wie Triathlon oder Langlaufen. „Bei manchen Sportarten wird es so akzeptiert, wie beispielsweise die Tänzerin mit einer Essstörung“, sagt Engleder. Laut einer Studie des amerikanischen College für Sportmedizin haben im Eiskunstlauf und Turnen 60 Prozent der Sportler eine Essstörung. Kehren einige Athleten nach dem Leistungssport wieder zu einem gesunden Essverhalten zurück, so kann es für andere der Anfang einer lebensbedrohlichen Essstörung wie „Anorexia nervosa“ (Magersucht) oder „Bulimia nervosa“ (Ess-Brechsucht) sein.

Stress, Ängste und Leistungsdruck

Ursache für Essstörungen sind meist mehrere Faktoren. So stellen soziokulturelle, familiäre und interpsychische sowie biologische Gründe eine wichtige Rolle dar. Besonders im Sport kommt jedoch hinzu, dass die Beschäftigung mit dem Körper groß ist. Die Athleten sind durch die Anforderungen in der Schule und im Training einer erhöhten Belastung ausgesetzt und befinden sich oftmals in einem chronischen Stresszustand. Auch der Konkurrenzdruck in der Trainingsgruppe und die Ängste vor Wettkämpfen können einen großen psychischen Druck bei Leistungssportlern hervorrufen.

„Die Grenze zwischen ‚noch normal und schon krank’ ist verschwommen, und wird für sportliche Erfolge und Medaillen bisweilen auf Kosten der Gesundheit der Sportler überschritten. Sportliche Erfolge und Siege sind dem Sportler, Trainer und oft auch den Eltern wichtiger als die Gesundheit“, bestätigt auch Dr. Michaela Tappauf, wissenschaftliche Mitarbeiterin der Universitätsklinik für Kinder- und Jugendheilkunde in Graz. Der Sportler befindet sich auf einer Gratwanderung und schlittert oft unmerklich in eine ernst zu nehmende Essstörung.

Ansprechen, Aufklären, Handeln

Die Aufklärung der betroffenen Sportler – insbesondere der gefährdeten Risikogruppen – ist wichtig, aber auch die Bereitstellung von Informationen für Trainer und Eltern spielt in der Prävention von Essstörungen eine wichtige Rolle. Darüber hinaus ist die Zusammenarbeit mit Ernährungswissenschaftlerin entscheidend. Aber auch gezielte Reglements wie jene bei Schispringern, die bei einem zu niedrigen Körpergewicht kürzere Schi verpasst bekommen, was sich negativ auf die Sprungweite auswirkt, stellt eine gelungene Prävention dar. Sport soll die Gesundheit fördern, und nicht krank machen.


Eine Broschüre über „Anorexia athletica“ kann unter http://www.docs4you.at/Content.Node/Vorsorgemedizin/Ernaehrung/Broschuere_Anorexia_athletica.pdf geladen werden.


Mag. Birgit Koxeder
November 2007

Foto: Bilderbox

Zuletzt aktualisiert am 11. Mai 2020