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Süßes Kraut als Alternative zum Zucker

Süßes Kraut: Stevia als Alternative zum ZuckerImmer mehr Menschen schwören auf Stevia. Denn der Süßstoff, der aus der gleichnamigen südamerikanischen Pflanze gewonnen wird, hat fast keine Kalorien. Noch ist das Mittel in Österreich nicht zugelassen. Es könnte aber bald dazu kommen.

Es klingt wie ein Märchen. Den Tee kräftig süßen, Kuchen schlemmen ohne Ende – und trotzdem nicht dick werden. Möglich ist es. Das „Wundermittel“ heißt Stevia, eine Pflanze, die ihren Ursprung in Südamerika hat. Der Süßstoff aus diesem Honig- oder Süßkraut ist bis zu 300-mal süßer als Rübenzucker, hat aber kaum Kalorien. Das tut nicht nur der Figur gut, sondern auch den Zähnen. Bei so vielen positiven Eigenschaften müsste eigentlich jeder, dem gesunde Ernährung ein Anliegen ist, freudig zu Stevia greifen. Doch dies ist in Österreich, wie auch sonst in der EU, zurzeit nur auf Umwegen möglich. Denn sowohl die Pflanze selbst als auch der daraus gewonnene Süßstoff Steviosid fallen laut dem EU-Lebensmittelrecht in die Kategorie „Novel Food“, also der neuartigen Lebensmittel. Damit sind Lebensmittel gemeint, die vor Inkrafttreten der entsprechenden Verordnung am 15. Mai 1997 im EU-Raum in „nicht nennenswertem Umfang“ verzehrt wurden. Das bedeutet: Bevor diese Lebensmittel in Umlauf gebracht werden, müssen sie zuerst einem Genehmigungsverfahren unterzogen werden.

„Das Novel-Food-Zulassungsverfahren für die Pflanze ist hochkomplex, die Datenlage über gesundheitliche Auswirkungen für den Menschen ist noch immer nicht eindeutig“, sagt DI Klaus Riediger, Experte für Novel Food bei der Österreichischen Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit (AGES). Mit einer baldigen Zulassung rechnet er nicht.

Anders schaut es bei den Süßstoffen aus, die aus der Stevia-Pflanze gewonnen werden. Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) hat im April 2010 bekannt gegeben, die aus Stevia gewonnenen Süßungsmittel seien gesundheitlich unbedenklich, wenn eine Tagesdosis von vier Milligramm pro Kilogramm Körpergewicht nicht überschritten wird. „Die Behörde hat nun die Information, dass die bewerteten Süßstoffe aus Stevia nicht genotoxisch oder krebserregend sind“, erklärt Bernhard Kuhn, Experte für Zusatzstoffe bei der AGES. Dennoch: Die Zulassung steht noch aus. Dahinter vermutet so mancher übrigens den Einfluss der konventionellen Zuckerindustrie oder der Zahnärzte, die um ihre Geschäfte fürchten. Denn es ist abzusehen, dass man mit Stevia gute Geschäfte machen wird können. Obwohl die Menschen immer mehr Wert auf gesunde Ernährung legen, nimmt der Zuckerkonsum nicht ab. Der Trend zu Lebensmitteln aus der Natur könnte auch Stevia zu einem Boom verhelfen – als Konkurrenz zu synthetisch hergestellten Süßungsmitteln.

„Badezusatz“

Süßes Kraut_Stevia als Alternative zum Zucker_182Obwohl Stevia und deren Süßstoffe in Österreich noch nicht offiziell zugelassen sind, kann man sie in Reformhäusern schon kaufen oder auch im Internet bestellen. Allerdings darf das Mittel nicht als Lebensmittel angepriesen werden, sondern etwa als „Badezusatz“. Es ist auch nicht erlaubt, dem Konsumenten zu suggerieren, dass er ein „Lebensmittel“ erwirbt – sei es durch begleitende Produktinformation oder entsprechende Positionierung im Verkaufsregal (neben anderen Süßstoffen). Also zugreifen? Oder lieber doch auf das grüne Licht der EU warten? Das ist die Frage, die sich so mancher stellt. Die AGES-Experten sind sich diesbezüglich einig: „Wer Stevia verwendet, muss sich darüber im Klaren sein, dass es dafür noch keine Genehmigung gibt.“ Dr. Susanne Till vom Institut für Ernährungswissenschaften der Universität Wien weist auf die Ursprünge der Pflanze in Paraguay hin: „Die Indios süßen damit seit Jahrhunderten ohne Probleme ihren Matetee. Vom Kuchenbacken mit Stevia ist dort allerdings keine Rede.“

Neueste Entwicklungen

Stevia könnte schon Ende des Jahres in der EU als Lebensmittelzusatz zugelassen werden. Die Mitgliedsländer segneten am 5. Juli 2011 einen entsprechenden Vorschlag der EU-Kommission in Brüssel ab, berichtete der ORF-online.
Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) hatte den Süßstoff – bis zu einer bestimmten Tagesdosis – im vergangenen Jahr als unbedenklich eingestuft. Stevia war lange im Verdacht gestanden, krebserregend und erbgutschädigend zu sein.
Nachdem sich nun der Ständige Ausschuss für die Lebensmittelkette und Tiergesundheit, in dem Vertreter aller 27 EU-Mitgliedsstaaten sitzen, für die Zulassung von Stevia ausgesprochen hat, muss noch das Europaparlament zustimmen.

Im November 2011 hat die EU-Kommission die Verarbeitung des natürlichen Stevia-Süßstoffs in Lebensmitteln und Getränken erlaubt. Die Verordnung tritt am 2. Dezember 2011 in Kraft.

Birgit Baumann
Juli 2011


Foto: shutterstock, privat


Süßstoff der Indios

In Paraguay kennt man Stevia schon seit Jahrhunderten. Vor allem die Indios nutzten die Extrakte der Pflanze als Süßstoff für Tee und Medizin. 1888 untersuchte der Schweizer Botaniker Moisés Santiago Bertoni, der nach Paraguay ausgewandert war, die krautige Pflanze aus der Familie der Korbblütler zum ersten Mal wissenschaftlich, der korrekte Name in der Langfassung lautet auch Stevia rebaudiana Bertoni. Erst im 20. Jahrhundert wurde Stevia auch außerhalb Südamerikas verwendet. 1973 erfolgte die Zulassung in Japan. Mittlerweile wird Stevia auch in China, Indien, Kambodscha, Malaysia, Indonesien, Kenia, Kolumbien und den Nachbarländern Paraguays angebaut. In der Schweiz, Australien und den USA sind Süßstoffe aus Stevia zugelassen. Frankreich hat 2009 als erster EU-Staat eine auf zwei Jahre begrenzte Zulassung des Süßstoffes genehmigt.

Kommentar

Süßes Kraut: Kommentarbild DI Kuhn„Man kann sich Stevia-Produkte natürlich auch in Österreich beschaffen, sei es über das Internet oder im Reformhaus. Wer dies tut, sollte dabei jedoch bedenken: Eine Datenlage, die völlige Sicherheit garantiert, gibt es derzeit noch nicht.“
DI Bernhard Kuhn
Österreichische Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit (AGES), Institut für Lebensmitteluntersuchung, Linz


Zuletzt aktualisiert am 11. Mai 2020