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Zöliakie: Die Gefahr aus dem Korn

ZöliakieErfahrene Zöliakie-Patienten wissen: Der Griff ins Frühstückskörberl ist für sie tabu. Ebenso wie sämtliche anderen mehlhaltigen Speisen. Denn das im Weizenmehl enthaltene Kleber-Eiweiß Gliadin (Gluten) und ähnliche Eiweißkörper in Roggen, Gerste, Dinkel, Grünkern, Kamut (alte Weizensorte) und Hafer führen bei ihnen zu einer Schädigung der Dünndarmschleimhaut mit langfristig oft gravierenden Folgen.

Enorme Dunkelziffer

Zöliakie ist eine chronische Erkrankung. Es handelt sich um die häufigste chronische gastrointestinale Erkrankung. Und das Tückische: Viele Menschen wissen von ihrer Erkrankung nichts. Sie gehört wahrscheinlich zu den häufigsten nicht diagnostizierten Krankheiten.„Vor Jahren hieß es noch, dass nur jeder Tausendste an Zöliakie leidet, heute nimmt man zehnmal soviel Fälle an. Die Tendenz ist weiter steigend“, sagt Gabriele Ecklmayr, Diätologin an der Landes-Frauen und Kinderklinik sowie Leiterin der Oberösterreichischen Zöliakie-Selbsthilfegruppe.

Jahrelang im Ungewissen

Die typischen Symptome wie Durchfall, Blähungen und Hautjuckenwerden oft nicht als Hinweis auf eine mögliche Gluten-Unverträglichkeit erkannt. Rund zehn Jahre dauert es im Durchschnitt, bis bei einem Erwachsenen Zöliakie diagnostiziert wird. Das bedeutet viele Jahre lang Ungewissheit, Leid und hohe Kosten für das Gesundheitssystem. Erst in den letzten Jahren steigt in der Bevölkerung das Wissen um diese Disposition und auch Mediziner werden zunehmend auf diese Möglichkeit sensibilisiert.

Vielfältige Folgeerscheinungen

Die Zöliakie ist keine Allergie auf Nahrungsbestandteile, sondern es handelt sich um eine echte Unverträglichkeitsreaktion auf Gluten.Wird Gluten aufgenommen, wird die Funktion des Dünndarms beeinträchtigt, die Aufnahme von Nahrungsstoffen wird gestört. Durch die Zufuhr von Gluten bilden sich die Darmzotten zurück und stellen ihre Funktion ein. Die aufgenommenen Lebensmittel werden so nicht mehr assimiliert, sondern mit dem Stuhlgang ausgeschieden.

  
Die Auswirkungen einer nicht behandelten Zölikaie sind breit gefächert: Eisenmangelanämie, Bauchschmerzen, Müdigkeit, Leistungsschwäche, Hauterkrankungen, Osteoporose, vielfältige Verdauungsstörungen, Durchfall und Mangelernährung können auftreten.

Bei Verdacht zur Untersuchung

Bei Erwachsenen ist das Erscheinungsbild nicht so massiv wie bei Kindern. Hat man erst einmal die Kindheit überstanden, so leben viele mit der Krankheit ohne erkennbare Beschwerden. „Die Dunkelziffer ist enorm“, sagt Ecklmayr. Sie rät bei Verdacht auf Zöliakie zu einer gezielten ärztlichen Untersuchung. „Je mehr Menschen sich speziell auf Zöliakie untersuchen lassen, desto deutlicher zeigt sich ihre weite Verbreitung.“

Die Zöliakie darf niemals nur auf Grund eines positiven Antikörperbefundes angenommen werden. Die nötigen Untersuchungen sind: EMA- endomysiale Antikörper, Transglutaminase und Duodenalbiopsie. „Bloße Allergietests sind dagegen irrelevant“, warnt Ecklmayr.

Zöliakie bei Kindern

Bei Kleinkindern zeigt sich das klassische Vollbild der Zöliakie deutlich. Sie gedeihen nicht mehr und man sieht ihnen deutlich an, wie schwach sie sind. Zöliakie bei Kindern wird daher meist rascher erkannt als bei Erwachsenen. In den meisten Fällen macht sich die Krankheit ab dem neunten Lebensmonat bemerkbar. Dann nämlich bekommen Säuglinge zusätzlich zur gewohnten Milchnahrung meist eine getreidehaltige Beikost. Auf eine Unverträglichkeit deutet es hin, wenn die Kinder schreien, an Blähungen, Bauchschmerzen und Durchfall leiden. Als weiteres Erkennungsmerkmal gelten übel riechende, fettige Stühle. Später kommen mangelhafte Gewichtszunahme und Blässe infolge von Blutarmut hinzu, weil der Darm zu wenig Eisen aufnimmt und der Körper daher nicht genug rote Blutkörperchen bilden kann.

Die frühkindliche Ernährung scheint ein wichtiger Bestandteil in der Entwicklung vieler Erkrankungen zu sein. Stillen zeigt in vielen Studien einen vorbeugenden Effekt. Dies gilt auch für den Ausbruch der Zöliakie. Bezüglich der Einführung der Beikost bei Säuglingen wird empfohlen, glutenhaltige Beikost nicht vor dem sechsten Lebensmonat in den Speiseplan einzuführen. Die meisten Mütter haben zu diesem Zeitpunkt bereits abgestillt.

Zöliakie bei Erwachsenen

Bei Erwachsenen macht sich die Zöliakie mit den unterschiedlichsten Symptomen bemerkbar. Während der eine Patient über Gewichtsabnahme und Knochenschmerzen klagt, sind es bei einem anderen Blutarmut und Hauterkrankungen. Und es gibt auch jene Gruppe von Menschen, die die Veranlagung zur Zöliakie zwar in sich tragen, aber ohne gravierende Beschwerden leben.

Die Ursachen für die Erkrankung sind unbekannt, meist steht eine erbliche Veranlagung dahinter. Doch nicht jeder, der diese genetische Anlage in sich trägt, wird tatsächlich an einer Zöliakie erkranken. Welche zusätzlichen Faktoren nötig sind, um die Weizenunverträglichkeit hervorzurufen, ist bisher kaum bekannt.

Nur lebenslängliche Diät hilft

Gegen Zöliakie gibt es keine Medikamente, keine Operation und keine Therapie. Nur eine strenge glutenfreie Diät verhindert schwere Krankheitsfolgen. Alle Lebensmittel, die aus Weizen, Roggen, Gerste, Dinkel, Grünkern, Kamut, Einkorn, Emmer (alte Weizenart) und Hafer hergestellt werden, dürfen nicht gegessen werden. Eine solche Diät erfordert eine beachtliche Umstellung der Ernährung, konsequent und lebenslang. Bei Einhaltung der Diät bestehen keine Beschwerden.

Ecklmayr „Manchmal wird gesagt, dass Zöliakie heilbar ist, dass es im Laufe des Lebens verschwinden kann. Das ist ein Irrglaube. Es handelt sich dabei um keine Kinderkrankheit. Das ist eine genetische Disposition und diese bleibt bestehen. Ein Leben lang. Danach muss man sich bei der Ernährung einstellen.“
 

Es hilft also einzig eine glutenfreie Ernährung. Konsequent und lebenslang. In den letzten Jahren haben Lebensmittelhersteller auf die steigende Nachfrage reagiert. Die Palette an glutenfreien Nahrungsmitteln in Kaufhäusern wird immer breiter. Eines ist jedoch gleich geblieben: Der hohe Preis der Produkte. Wer ein glutenfreies Semmerl essen will, muss nach wie vor tief in die Tasche greifen.

Tipps für Zöliakie-Patienten

  • Schauen sie beim Einkauf auf das Etikett, und lesen Sie aufmerksam die Zutatenliste, denn viele Lebensmittel enthalten versteckt Gluten.
  • Vorsicht bei Fertiggerichten aller Art und bei Süßigkeiten.
  • Falls Sie nicht sicher sind, ob sie oder ihr Kind in der Kantine, der Schule etc glutenfreies Essen bekommen, sollte Verpflegung von zu Hause mitgenommen werden.
  • Wann immer sie auswärts essen, sicherstellen, dass sie glutenfreie Nahrung erhalten.

Es ist anfangs sehr schwierig festzustellen, welche Lebensmittel man essen darf und welche nicht. Hilfreich sind dabei die Broschüren der Arge Zöliakie. Sie gibt regelmäßig aktualisierte Listen mit unbedenklichen Produkten heraus. Produkte, die garantiert keine Spuren von Gluten enthalten.
 

Mehr Infos dazu unter: http://www.zoeliakie.or.at/.



Dr. Thomas Hartl
Jänner 2008

Foto: Bilderbox

Zuletzt aktualisiert am 11. Mai 2020