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Säuglingsnahrung: Werbung ist irreführend

Säuglingsnahrung: Werbung ist irreführendJede Mutter muss diese Entscheidung treffen: Möchte ich mein Kind stillen oder mit industriell hergestellter Säuglingsnahrung versorgen? In den ersten vier Monaten wird ausschließliches Stillen allgemein empfohlen. Nur mit der Muttermilch erhält das Kind alle wichtigen Nährstoffe und wird vor Krankheiten geschützt, berichtet das deutsche Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR).

Aber genau das versprechen auch zahlreiche Werbungen. Denn die industriell hergestellten Säuglingsnahrungen werden „nach dem Vorbild der Muttermilch“ oder „muttermilchnah“ entwickelt. Die Nationale Stillkommission am BfR erklärt derartige Begriffe ganz klar für sachlich falsch und deshalb für nicht „verkehrsfähig“. Individuelle immunbiologische Stoffe machen es nämlich unmöglich, eine industriell hergestellte Nahrung mit der Muttermilch gleichzustellen.
Muttermilch enthält zahlreiche Substanzen, die in Säuglingsnahrung nicht enthalten sind. Diese Substanzen führen zu einer geringeren Morbiditätsrate bei gestillten Säuglingen.

Enthält industrielle Babynahrung alle wichtigen Nährstoffe?

Grundsätzlich ist die Muttermilch jeder Frau unterschiedlich und damit perfekt an das Kind angepasst. Neben den essenziellen Nährstoffen, wie Proteinen, Fett und Kohlenhydraten enthält sie auch Hormone, Wachstumsfaktoren, Immunglobuline, Zytokine, Enzyme und viele unterschiedliche Prä- und Probiotika. „Die industrielle Säuglingsnahrung kann durchaus die Muttermilch ersetzen. Das zeigt eine jahrzehntelange Geschichte von insgesamt sicherem Gebrauch. Trotzdem weisen Kinder, die mit derartiger Nahrung versorgt wurden, ein höheres Krankheitsrisiko auf“, so das BfR.
Die Abwehrmechanismen eines Babys entwickeln sich erst in den ersten Lebensmonaten, das Stillen schützt den Säugling vor Infektionen. Diese immunologisch wirksamen Substanzen können aber nicht in industriell erzeugter Babynahrung enthalten sein, weil sie vom Immunsystem der Mutter geprägt sind.
„Das Immunsystem des neugeborenen Säuglings ist unreif und benötigt die Auseinandersetzung mit aus der Umwelt eingetragenen Bakterienstämmen. Als Beleg dafür, dass eine Besiedelung des kindlichen Verdauungstrakt über Muttermilch stattfindet, können die individuellen Bakterienstämme zum Teil im Verdauungstrakt von Mutter und Kind sowie der aufgenommenen Nahrung der Mutter wiedergefunden werden“, so das BfR.

Muttermilch ist einzigartig

Dennoch versucht die Industrie einzelne Inhaltstoffe der Babynahrung hinzuzufügen. Dabei sind beispielsweise Oligosaccharide präbiotisch äußerst wirksam, sie sind entscheidend für den Aufbau der Darmflora, fördern unter anderem das Wachstum von Bifidobakterien und können eine Invasion von infektiösen Bakterien verhindern. Die Ernährungskommission der Europäischen Gesellschaft für Pädiatrische Gastroenterologie, Hepatologie und Ernährung empfiehlt aufgrund unsicherer Datenlage keinen routinemäßigen Einsatz von Babynahrung mit Probiotika.
Beim Stillen trinkt das Baby zuerst die Vorder- und dann die Hintermilch. Sie unterscheiden sich vor allem im Fettgehalt. Auch bei Melatonin findet eine Konzentrationsänderung statt. Diese Vorgänge verbessern den nächtlichen Säuglingsschlaf und verringern Bauchkoliken, könnten jedoch bei industrieller Säuglingsnahrung keinesfalls nachgeahmt werden.
„Es ist nicht ein Stoff oder ein Faktor, der über die Muttermilch die Gesundheit des Säuglings beeinflusst, sondern es ist das Zusammenspiel vieler Komponenten, die sich gegenseitig ergänzen“, so das BfR. Deshalb sind die positiven Effekte der einzelnen Inhaltsstoffe nur schwer zu kontrollieren.

Stillen hat nur positive Auswirkungen

Stillen leistet einen wesentlichen Beitrag zur Entwicklung des kindlichen Immunsystems und zum Schutz vor Infektionskrankheiten. „Ausschließliches Stillen in den ersten vier bis sechs Monaten reduziert die Anzahl der Infektionen im Säuglingsalter um 40 bis 70 Prozent und vermindert Krankenhausaufenthalte der Säuglinge um mehr als 50 Prozent. Das Risiko für Erkrankungen der unteren Atmungswege sinkt um ganze 70 Prozent“, so das BfR.
Bei industriell hergestellter Säuglingsnahrung sind die Studien zu Oligosacchariden nicht ausreichend, weil nicht mit gestillten Kindern verglichen wurde. Deshalb konnten bisher keine positiven Auswirkungen bewiesen werden.
Wovor auch Stillen nicht schützt, sind allergische Krankheiten wie Asthma. Das zeigten Beobachtungsstudien.
Ein häufig falsch interpretiertes Thema ist Übergewicht im späteren Leben, wenn das Kind „zu lang“ gestillt wurde. Studien beweisen, dass sowohl im Alter von drei Monaten als auch mit einem Jahr gestillte Kinder schlanker sind. Allerdings ist eine rasche Gewichtszunahme nach der Geburt mit einer höheren Rate an Adipositas in Verbindung zu bringen. Bei der Geburt untergewichtige Kinder (aber keine Frühgeburten) weisen ein besonders hohes Risiko an Adipositas auf. Wenn sie dann mit industriell erzeugter Babynahrung versorgt werden, nehmen sie sehr schnell zu. Denn vor allem die ersten Lebensmonate sind von großer Bedeutung für das Adipositas-Risiko. Gestillte Kinder weisen ein vermindertes Risiko von Übergewicht und Adipositas auf. Das ist darauf zurückzuführen, dass gestillte Kinder eher selbst „bestimmen“, wie viel sie trinken möchten, hält das BfR fest.

Katharina Bittmann

August 2012

Foto: Bilderbox

Zuletzt aktualisiert am 11. Mai 2020