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„Essen“ als Schulfach

„Essen“ als SchulfachPsychotherapeut Thomas Wörz will die Verantwortung für Ernährung nicht allein den Eltern überlassen.

Wie gesund ernähren sich Schülerinnen und Schüler in Oberösterreich? 40 Prozent der Burschen und Mädchen frühstücken nicht. Als erste Mahlzeit gibt’s oft ungesunde Snacks in der Pause. 60 Prozent gaben bei einer aktuellen GfK-Studie an, normalerweise Weißbrot zu sich zu nehmen. Für 29 Prozent gehören sogar Süßigkeiten zur üblichen Vormittagsjause.
Damit sich das ändert, fordert Thomas Wörz, Sportwissenschaftler, Psychotherapeut und Autor aus Salzburg das Schulfach „Essen“. Denn der Experte will das Thema gesunde Ernährung nicht allein den Eltern „umhängen“.

Essen gehört zur Allgemeinbildung

Essen gehöre zur Allgemeinbildung. „Einkaufen, auswählen, schmecken, riechen, wahrnehmen – Kompetenzen wie diese haben in unserer Gesellschaft einen zu niedrigen Stellenwert. Es ist auch wichtig, wo die Lebensmittel herkommen. Da könnte man fächerübergreifend, etwa in Biologie und Geografie unterrichten.“ Wörz plädiert zudem für ein gesünderes Angebot bei den Schulbuffets.
„Mit Verboten und Ermahnungen lassen sich die Kinder keines Besseren belehren“, sagt er. Gemeinsam mit dem Wiener Mediziner Christian Matthai hat er das Buch „Der hungrige Schüler“ geschrieben. In diesem dreht sich alles darum, den Kindern wieder „guten Geschmack“ nahezubringen.
„Ein Kind kann mit gesund und ungesund nichts anfangen. Es braucht schnell etwas und reagiert mit: schmeckt oder schmeckt nicht“, sagt Wörz. Und genau hier könnten die Eltern ansetzen. Es sei wichtig, das Kind wählen zu lassen. Das bedeute, es zum Einkaufen mitnehmen und zu sagen: „Du suchst drei Gemüsesorten aus, ich suche sechs aus und daheim machen wir daraus ein tolles Sugo für Spaghetti“. Buben und Mädchen wollen schließlich nicht belehrt werden. „Immer, wenn Kinder Mitverantwortung übernehmen, ist das für die Selbstverantwortung wichtig“, sagt der Experte. Am besten sei es übrigens, wenn gemeinsam gekocht und in entspannter Atmosphäre gegessen werde. Eltern könnten ihren Nachwuchs naturgemäß am besten beeinflussen, wenn sie gutes Vorbild sind. Was sie vorlebten, würde automatisch im Gehirn genau registriert und als Muster aktiviert. Die Kinder seien motiviert, es nachzumachen. Das sei ein ganz natürlicher Prozess. „Wenn das Vorbild das Kind rügt, weil es schon wieder Süßigkeiten isst, selbst aber heimlich in die süße Lade greift, dann signalisiert das Kinderhirn: Papa und Mama machen es auch. Naschen ist gut“, sagt der Psychotherapeut.

Antistress-Strategie: Essen

„Essen“ als SchulfachEtwa ein Fünftel der Mädchen und ein Viertel der Buben zwischen sieben und 14 Jahren sind übergewichtig. Mit ein Grund für das viele Essen sei, dass die meisten Kinder nicht wissen, wie sie mit Stress umgehen sollen. Eine ihrer Strategien heißt: Essen. Sie hofften damit unbewusst, alle Probleme zu lösen. „Kinder brauchen Lösungskompetenz und Tipps, wie sie sich entspannen können, zum Beispiel durch Bewegung im Freien, Entspannungstechniken oder ein warmes Bad. „Der Reiz muss so attraktiv sein wie das Essen“, sagt Wörz. Da stellt sich die Frage, wonach Kinder wirklich hungern. „Nach Wertschätzung. Sie wollen so angenommen werden, wie sie sind und nicht nach Leistung beurteilt werden. So könnten wir uns Frustessen und Essstörungen sparen.“

Zehn goldene Ernährungsregeln

Wasser zu trinken, ist für die Konzentration in der Schule wichtig. Am besten gleich mit zwei Gläsern zum Frühstück beginnen, das gehört zu gesunder Hirnnahrung dazu.

Ernährungsberatung ist etwas sehr Individuelles. Trotzdem gibt es einige klare Empfehlungen für gesundes Ernährungsverhalten, die sich leicht anwenden und umsetzen lassen: im Folgenden die zehn goldenen Ernährungsregeln aus dem Buch „Der hungrige Schüler“, von dem Mediziner Christian Matthai und dem Sportwissenschaftler und Psychotherapeuten Thomas Wörz:

  1. Obst: Achten Sie darauf, dass Ihr Kind und Sie täglich Obst und Gemüse essen.
  2. Zucker: Tauschen Sie so oft wie möglich Lebensmittel, die große Mengen einfache Zucker enthalten (z. B. Weißbrot), gegen komplexe Kohlenhydrate (z. B. Vollkornbrot) aus.
  3. Trinken: Achten Sie darauf, dass Ihr Kind und Sie genug trinken, vor allem ungezuckerte Flüssigkeiten wie Wasser und Tee. Wasser ist für die Konzentration in der Schule wichtig. Am besten schon zwei Gläser zum Frühstück trinken.
  4. Fleisch: Sie sollen keinesfalls täglich Fleisch essen. Ersetzen Sie Fleisch mindestens zweimal wöchentlich durch Fisch und bauen Sie ein bis zwei Tage pro Woche ein, an denen die Familie nur vegetarisch isst.
  5. Zeit: Nehmen Sie sich ausreichend Zeit, mit Ihrem Kind gemeinsam zu essen. Keinesfalls sollte hastig oder im Stehen gegessen werden.
  6. Vermeiden: Achten Sie darauf, dass sich Ihr Kind weitgehend frei von Transfetten (vor allem in Fertiggerichten und Gebackenem), Geschmacksverstärkern, Farbstoffen, künstlichen Aromastoffen und Konservierungsmitteln ernährt.
  7. Fette: Reduzieren Sie den Anteil tierischer Fette (gesättigter Fettsäuren) und verwenden Sie mehrheitlich pflanzliche Fette.
  8. Abends: Versuchen Sie abends etwas weniger und nur leicht verdauliche Mahlzeiten zu essen. Große Portionen belasten den Magen oft stundenlang. Schlafprobleme sind die Folge.
  9. Zucker: Versuchen Sie sowohl Zucker als auch Zuckerersatzstoffe weitgehend zu meiden oder zumindest nur in kleinen Mengen zu konsumieren.
  10. Bewegung: Achten Sie darauf, dass sich Ihr Kind ausreichend bewegt. Vor allem Aktivitäten in der Natur sind ratsam. Regelmäßige körperliche Betätigung ist die Grundvoraussetzung für eine gesunde Entwicklung Ihres Kindes.

Hirnnahrung
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Ideal für Kinder und Jugendliche sind laut dem Experten Thomas Wörz vier Mahlzeiten pro Tag, damit der Blutzuckerspiegel konstant bleibt. Daher ist es wichtig, viele Kohlenhydrate zu essen, etwa Vollkornprodukte.

Das macht geistig fit:
Obst, Gemüse, Bananen, Äpfel, Salat, Haferflocken, Vollkornnudeln, Trockenfrüchte und Nüsse sind gut als Hirnnahrung. Wichtig ist auch, regelmäßig Wasser zu trinken. Das fördert die Konzentration.

OÖN Zeitungsrolle_150pxSabine Novak
Gesundheitsmagazin der OÖNachrichten
11. September 2013



Foto: Brandstätter Verlag

Zuletzt aktualisiert am 11. Mai 2020