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Slow Food: Essen genießen

Slow foodSlow Food nennt sich eine Bewegung, die das Geruhsame, Sinnliche und Bodenständige bewahren will und damit einen Gesundheitstrend setzt. Sie setzt dem hektischen Treiben einer sich als modern empfindenden Gesellschaft eine Philosophie des Genusses und einen langsamen, bewussten Lebensstil entgegen.

1986 in Italien gegründet, bekennen sich mittlerweile mehr als 100.000 Mitglieder aus über 140 Ländern zu dieser Gesinnung. In Österreich bestehen aktuell 15 Gruppen mit rund 1000 Mitgliedern. „Mit Verkostungen, Geschmacksschulungen etc. versuchen wir, bei Erwachsenen und Kindern ein Bewusstsein für Qualität, Aroma, Duft und Geschmack zu schaffen“, sagt Mag. Philipp Braun, Leiter von Slow Food Linz/Mühlviertel.

Genuss mit Verantwortung

Slow Food setzt auf verantwortungsvollen Genuss. Hedonismus im Sinne eines Selbstzweckes von Lust und Genuss wird nicht angestrebt. Genießen und Gutes tun, ist das Ziel. „Slow Food fördert nicht nur die Gesundheit, sondern auch eine kleinstrukturierte, ökologische Landwirtschaft und eine regionaltypische, bodenständige und qualitätsorientierte Gastronomie“, sagt Braun.

Mensch, Tier und Pflanze

„Geht es den Tieren und den Pflanzen, die einmal verzehrt werden, gut, profitiert auch der Mensch. Isst man dagegen das Fleisch eines Tieres, das nicht artgerecht gehalten und gefüttert wurde, das gestresst hochgezüchtet und mit Medikamenten und Hormonen voll gepumpt wurde, dann kann das auch beim Menschen auf die Gesundheit schlagen“, sagt Braun. Schlechte Qualität von (stark verarbeiteten) Nahrungsmitteln werde oft mit Geschmacksverstärkern oder künstlichen Aromen kaschiert, wodurch die Sinne getäuscht, irritiert und nicht zuletzt in Mitleidenschaft gezogen würden.
Mögliche gesundheitliche Auswirkungen von belasteten Lebensmitteln werden kontroversiell diskutiert. Unstrittig ist, dass naturnahe, wenig verarbeitete Lebensmittel der Gesundheit förderlich sind. „Immer mehr Menschen sind von Nahrungsmittelintoleranzen und Allergien betroffenen. Vieles deutet darauf hin, dass dies eine Reaktionen auf Inhalts-, Zusatz-, Farb-, und Konservierungsstoffe ist“, sagt Christina Pfaffenbauer, ehem. Diätologin am AKh Linz.

Mehr als das Gegenteil von Fastfood

Slow Food versteht sich nicht einfach als das Gegenteil von Fast Food, sondern als umfassende Lebensweise. Entschleunigung in allen Lebenslagen wird propagiert. Das Hauptaugenmerk dieser Philosophie gilt der Ernährung. Auswahl der Lebensmittel, die Zubereitung und der genussreiche Verzehr stehen im Mittelpunkt. „Sich Zeit nehmen beim Einkaufen, zum Kochen, sich bewusst an den Tisch setzen, langsam essen. Alles braucht seine Zeit“, beschreibt Braun die Zutaten seines Wohlgefühls.

Regionale und saisonale Lebensmittel

Regional und saisonal lauten zwei weitere Schlagworte, die Slow Food ausmachen. Lebensmittel aus der Region, in der man lebt, werden bevorzugt. „Zum einen der Umwelt zuliebe, zum anderen der Gesundheit und dem Geschmackssinn zuliebe“, sagt Braun. „Man soll nicht zu jeder Zeit alles essen. Jetzt im Winter sollte man etwa keine Erdbeeren kaufen, die kommen möglicherweise von weit her und werden oft unreif geerntet“, sagt Pfaffenbauer. „Im Moment greift man besser auf Äpfel und Birnen zu. Auch Kohl und Kraut zu essen ist saisonal“, so die Diätologin. „Kohl hat zudem mehr Vitamin C als die vermeintlichen Vitaminbomben Orangen“ ergänzt Braun.
Saisonal zu essen bedeutet auch, dass frische Produkte auf dem Esstisch kommen. „Selber das Essen frisch zuzubereiten, kann ein spannendes Erlebnis sein. Frische Lebensmittel sind heute in vielen Haushalten aber die Ausnahme. Viele sind nur mehr Essen aus Packerln gewöhnt“, bedauert Pfaffenbauer.

Omas Rezepte neu interpretiert

Die Slow Food-Bewegung setzt auf heimische Tradition und unterstützt Gastwirte, die regionaltypisch und qualitativ hochwertig kochen. „Der Trend in der Gastronomie geht zur Landhausküche. Diese wird aber neu interpretiert, da der Gast zugleich möglichst Bio essen möchte. Viele Menschen schätzen alte Rezepte aus Omas Küche. Dies greifen Gastronomen auf und passen sie dem Bedürfnis nach gesunder Ernährung an. So wird nicht mehr nur Schweineschmalz, sondern auch hochwertiges Pflanzenöl verwendet“, sagt die Diätologin. Fett- und Zuckeranteil würden reduziert und Speisen würden durch nährstoffschonende Zubereitung ernährungsphysiologisch optimiert.

Der langsame Genuss

Steht das Essen auf dem Tisch, so lautet die Empfehlung: Langsam essen und genießen. „Langsam essen ist gesund. Es schont den Magen, wenn man gut kaut. Isst man dagegen im gestressten Zustand, schlingt man die Mahlzeit hinunter. Nun muss der Magen die Aufgabe der Zähne und des Mundes übernehmen, nämlich die Nahrung zu zerkleinern. Das schlägt sich auf den Magen, wie das Sprichwort so richtig sagt“, so Pfaffenbauer. Durch gutes Kauen wird das Essen dagegen gut eingespeichelt und gelangt ohne Widerstand durch die Speiseröhre in den Magen.

„Langsames Essen hat nicht nur Auswirkungen auf unser Wohlgefühl, es beugt auch stressbedingten Zivilisationskrankheiten vor. Wer mit Genuss und Freude isst, dem schmeckt es auch besser“, sagt Braun. Diätologin Pfaffenbauer erklärt das so: „Schnell essen und genießen schließen einander aus. Nur mit Nase und Mund zusammen kann man richtig schmecken. Man soll sich Zeit lassen, riechen, die Lippen einsetzen, die Speise langsam in den Mund geben, nicht sofort schlucken. Der Wohlgeschmack des Essens ergibt sich aus Schmecken und Riechen. Beides ist nur möglich, wenn man langsam isst.“ Braun ergänzt: „Sämtliche Sinne spielen beim Wohlgeschmack eine Rolle. Das Knacken einer Karotte, das Rot einer Erdbeere und auch beim Fühlen werden Gefühle assoziiert.“

Das Gefühl, satt zu sein, tritt zudem rund erst eine halbe Stunde nach Essensbeginn ein. Wenn man sich mit dem Essen Zeit lässt, isst man daher auch weniger und hat bessere Chancen, Übergewicht mit all seinen Beschwerden und Folgeerkrankungen zu vermeiden.

Infos unter www.slowfoodlinz.at

Dr. Thomas Hartl
Jänner 2010,
aktualisiert August 2013

Foto: Bildetbox

Zuletzt aktualisiert am 11. Mai 2020