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Zöliakie: Forschung lässt hoffen

Zöliakie: Forschung lässt hoffenKein Brot, keine Pizza, keine Nudeln … Zöliakiepatienten vertragen kein Eiweiß aus bestimmten Getreidesorten und müssen strenge Diät halten, um nicht krank zu werden. Doch die Forschung macht Fortschritte und erleichtert Schritt für Schritt den Umgang mit der Veranlagung.

Rund ein Prozent der Bevölkerung verträgt kein Gluten und ist damit von einer chronischen Erkrankung namens Zöliakie betroffen. Neun von zehn Betroffenen wissen allerdings nicht, dass sie Zöliakie haben, warnt die Österreichische Arbeitsgemeinschaft Zöliakie. Die Gründe sind vielfältig. Einerseits gehen viele Menschen wegen Symptomen wie Bauchschmerzen oder Durchfall gar nicht zum Arzt, andererseits denken auch viele Ärzte bei diesen Symptomen nicht an eine mögliche Zöliakie und das, obwohl rund ein Viertel der Bevölkerung diese Veranlagung besitzt.

Bestimmte Getreidearten sind tabu

Zöliakie wird bei entsprechender Bereitschaft durch den Genuss glutenhältiger Speisen ausgelöst. Der Begriff Gluten ist ein Sammelbegriff für ein Gemisch aus Proteinen, die in den Körnern verschiedener Getreidearten vorkommen. Gluten ist in zahlreichen bei uns üblichen Getreidesorten enthalten und zwar in Weizen, Roggen, Gerste sowie in Dinkel, Kamut, Einkorn und Emmer. Wer sicher sein will, sollte auch Hafer meiden, auch wenn seine Rolle wissenschaftlich noch nicht geklärt ist. „Studien dazu widersprechen sich, man kann noch nicht sagen, ob Hafer sicher ist oder nicht“, sagt Prof. Dr. Peter Köhler von der Deutschen Forschungsanstalt für Lebensmittelchemie.

Symptome bei unbehandelter Erkrankung

Bei Betroffenen führt der Verzehr von glutenhältigen Lebensmitteln zu einer chronischen Entzündung der Darmschleimhaut. Die Darmzotten – Ausstülpungen der Darmwand – bilden sich dabei drastisch zurück und die Darmoberfläche verkleinert sich von der Größe eines Fußballplatzes auf DIN-A4-Größe. Dadurch wird die Funktion des Dünndarms beeinträchtigt und die Aufnahme von Nährstoffen wird gestört. Als Folge davon leiden die Patienten unter Mangelzuständen, Verdauungsstörungen, Bauchschmerzen und Blähungen. Bei Kindern ist oft das Wachstum gestört und trotz Untergewicht zeigen sich aufgeblähte Bäuche. Erbrechen, Durchfall, Blässe treten auf. Bei Erwachsenen fehlen häufig eindeutige Darmsymptome, daher wird nicht an Zöliakie gedacht.
Seit Jahren wird diskutiert, ob Zöliakie auch Darmkrebs auslösen kann. „Wenn eine Zöliakie mit sehr schweren Symptomen vorliegt und diese nicht behandelt wird, kann es in seltenen Fällen zu Darmkrebs kommen, solche Fälle sind bekannt. Wer allerdings bloß kleine Diätfehler macht, braucht sich deswegen keine Sorgen zu machen“, sagt Köhler.

Nur eine Biopsie schafft Klarheit

Einer eindeutigen Diagnose gehen in vielen Fällen jahrelange Beschwerden voraus. Es gibt nun zwar rezeptfreie Tests aus der Apotheke, die Arge Zöliakie (Österreichische Arbeitsgemeinschaft Zöliakie) rät davon aber ab. So ein Schnelltest sei für eine Diagnose nicht ausreichend, wird gewarnt, falsche Ergebnisse seien möglich. Die Zöliakie-Diagnose solle ausschließlich von einem Facharzt gestellt werden.
Bestimmte Bluttests (Antikörper-Befunde) können auf Zöliakie hinweisen, diese sind laut Köhler aber nur zu 90 Prozent sicher. Bei Vorliegen eines positiven Antikörper-Befundes oder bei sonstigem Zweifel muss zur eindeutigen Diagnosestellung eine Gastroskopie durchgeführt werden. „Eine hundertprozentige Diagnose ergibt sich einzig aus einer Gewebsentnahme aus dem Dünndarm. Dabei werden kleine Gewebsproben schmerzlos aus dem obersten Dünndarmabschnitt entnommen“, erklärt Köhler.
Erst nach einer gesicherten Diagnose wird mit der glutenfreien Ernährung begonnen. Ein Diätbeginn vor diesen Untersuchungen verfälscht die Ergebnisse oder macht die Diagnose unmöglich.

Diät halten

Ist die Zöliakie einmal „ausgebrochen“, bleibt dieser Zustand ein Leben lang bestehen. Die derzeit einzige sichere Möglichkeit, Zöliakie zu therapieren, besteht in einer lebenslangen, strikt glutenfreien Ernährung. Eine solche Diät soll verhindern, dass Betroffene mehr als 20 mg Gluten pro Tag zu sich nehmen – das entspricht etwa 1/100 einer Brotscheibe. „Wer also einen glutenhaltigen Brotkrümel zu sich nimmt, der wird keine Probleme haben. Wer allerdings glaubt, dass er eine normale Pizza pro Monat essen darf, der ist im Irrtum“, sagt Köhler. Je strenger die Diät eingehalten wird, desto besser sei das für die Gesundheit. Eine schlampige Diät könne zu schweren Krankheiten führen, warnt die Arge Zöliakie.
Um dem Patienten die Einhaltung der Diät zu erleichtern, werden seit einigen Jahren immer mehr glutenfreie Lebensmittel im Handel angeboten; sie sind als solche deklariert bzw. mit einer durchgestrichenen Ähre gekennzeichnet. So gibt es glutenfreie Pizzas, Brot, Gepäck, Mehl etc. Der Nachteil: Der Geschmack ist teilweise sehr gewöhnungsbedürftig und der Einkauf der glutenfreien Produkte ist empfindlich teuer.
Die Arge Zöliakie hat umfangreiche Nahrungsmittel-Listen erstellt, die den Einkauf erleichtern. Infos unter www.zoeliakie.or.at.

Gesund bei Diät

Die Diät kann zwar als „lästig“ empfunden werden und erschwert Betroffenen den Alltag (z.B. sind in Restaurants kaum glutenfreie Speisen erhältlich), doch die Diät ist auch der Schlüssel zur Gesundheit. „Wer sich strikt daran hält, ist praktisch gesund, sämtliche Beschwerden verschwinden. Jahrelange Beschwerdefreiheit infolge von Diät heißt freilich nicht, dass man mit der Diät aufhören sollte, da die Veranlagung eben ein Leben lang besteht. Die Zöliakie verschwindet nicht einfach“, so Köhler. Auch die rückgebildeten Darmzotten entstehen wieder.

Aktive Forschung

Zöliakie ist zum Teil genetisch determiniert und kann zurzeit noch nicht ursächlich behandelt werden. Ein Zustand, an dem sich laut Köhler in den nächsten zehn Jahren nichts ändern dürfte.
Daher wird nach alternativen therapeutischen Behandlungsansätzen gesucht und hier gibt es zwei viel versprechende Ansätze:
Ein Ansatz der aktuellen Forschung besteht im Bestreben, das Gluten direkt im Rohstoff (z.B. Stärke) oder im Lebensmittel (z.B. Getränke wie Malzbier) mittels Peptidasen (Enzyme) abzubauen, um so glutenfreie Lebensmittel zu produzieren. „Hier gibt es bereits Erfolge, so ist etwa in Deutschland und Finnland bereits glutenfreies Bier (auf der üblichen Gerstenbasis) erhältlich, auch gibt es bereits glutenfreie Weizenstärke“, sagt Köhler.
Der zweite Ansatz ist ein Medikament, das laut Köhler in den nächsten fünf Jahren auf den Markt kommen könnte. Die Enzyme könnten verpackt in einer Pille zum Schutz des Darms eingenommen werden. „Die Peptidasen spalten das mit der Nahrung zugeführte Gluten bereits im Magen und bauen die schädlichen Peptide soweit ab, dass im Dünndarm keine Immunreaktion mehr hervorgerufen wird. Auf diese Weise könnte der Zöliakiebetroffene auch glutenhaltige Lebensmittel zu sich nehmen“, erklärt Köhler. Diese Präparate befinden sind in der Testphase, Betroffene dürfen also hoffen. Eine solche Pille könnte die Diätgewohnheiten der Betroffenen revolutionieren. Köhler sieht das aber nicht nur positiv: „Es ist zu fürchten, dass die Pille nicht unterstützend genommen, sondern die Diät völlig ausgesetzt und nur noch die Tablette geschluckt wird.“
Darüber hinaus versucht die Forschung, in Lebensmitteln auch sehr geringe Glutengehalte nachweisen zu können, und neue Weizensorten ohne Zöliakieaktivität zu entwickeln.

Ursachen weiter unbekannt

Da Gene zumindest eine mitursächliche Rolle spielen, liegt die Erkrankung in Familien meist gehäuft vor. „Wenn ein Kind etwa positiv getestet wurde, dann bedeutet das, dass zumindest ein Elternteil ebenfalls diese Gene in sich trägt“, erklärt Köhler. Es empfiehlt sich somit für alle Familienangehörigen ersten Grades, sich auf Zöliakie untersuchen zu lassen.

Dr. Thomas Hartl

September 2011

Foto: Bilderbox

Zuletzt aktualisiert am 11. Mai 2020