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Fettsucht: Wenn Essen zur Krankheit wird

Speckrollen um den Bauch Es gibt Kulturen, in denen Übergewicht ein Zeichen von Wohlstand ist. Das Schönheitsbild und die Vorstellung vom Idealgewicht haben sich im Laufe der Zeit geändert. Doch unabhängig von Schönheitsidealen gibt es eine Grenze, ab der Übergewicht ungesund und zur Krankheit wird.

Ursache ist meist Überernährung

In Österreich ist derzeit etwa die Hälfte der Erwachsenen übergewichtig – Tendenz steigend. In den meisten Fällen liegt die Ursache in einer falschen Ernährung kombiniert mit einem Mangel an Bewegung. Bei maximal fünf Prozent der Betroffenen findet sich als Ursache eine Unterfunktion bestimmter Hormondrüsen.

Die Gründe,  zuviel Nahrung zu sich zu nehmen, sind äußerst vielfältig. Neben emotionalen Faktoren wie Einsamkeit, Stress oder Langeweile spielt auch die Gewohnheit eine große Rolle. Die falschen Ernährungsmuster werden meist schon in der Kindheit erlernt.

Einfluss sozialer Faktoren

Fettsucht wird in ungewöhnlichem Maße durch die Umgebung bestimmt. In Studien fand man heraus, dass ein geringer sozialer Status die Entwicklung begünstigt. Frauen sind etwas häufiger betroffen als Männer und der Häufigkeitsgipfel liegt vermutlich um das 40. Lebensjahr. Diese Angaben gelten nur für die westlichen Industrieländer.

Zahlreiche Begleiterkrankungen

Zuckerkrankheit sind einige häufige Begleiterkrankungen. Auch das Risiko für Herzinfarkt und Schlaganfall ist erheblich erhöht.

Die Patienten leiden oft an Atemnot und Schlafstörungen. Durch die ständige Überbelastung des Bewegungsapparates kommt es zu Schmerzen im Bereich der Gelenke und der Wirbelsäule. Auch die Fußpflege und Analhygiene sind für die Patienten erschwert.

Nicht zu vergessen sind die seelischen Auswirkungen: Betroffene haben oft Probleme bei der Partnersuche oder im Berufsleben und leiden unter mangelndem Selbstbewusstsein.

Der BMI gibt Auskunft über den Ernährungszustand

Bei der Frage, ob jemand krankhaft übergewichtig ist, können zwei Kriterien herangezogen werden: Der BMI - Body Mass Index - setzt das Körpergewicht in Relation zur Körpergröße. Übergewicht liegt bei einem BMI über 25 vor, ab einem BMI von 30 spricht man von starkem Übergewicht (Adipositas). Durch das Verhältnis Taille zu Hüftumfang kann der Fettverteilungstyp festgelegt werden. Bei einem Wert über 1,0 (bei Männern) bzw. über 0,85 (bei Frauen) liegt ein so genannter Bauchfetttyp vor und damit ein erhöhtes Risiko für Folgeerkrankungen.

Ärztliche Hilfe in der Spezialambulanz

Der Hausarzt kann Patienten in eine Spezialambulanz überweisen. Dort werden mit Hilfe von Blutdruckmessung, EKG und Laboruntersuchungen Begleiterkrankungen diagnostiziert. Zusätzlich wird ein Ernährungsprotokoll angelegt sowie Angaben über körperliche Aktivitäten und Risikofaktoren erhoben. Beträgt der BMI über 30, sollte auf jeden Fall eine Behandlung erfolgen, je nach Begleiterkrankung ist sie jedoch auch schon bei einem niedrigeren BMI nötig.

Diät alleine nur selten erfolgreich

Grundlage jeder Behandlung ist selbstverständlich eine Ernährungsumstellung. Die Behandlung sollte eine Kombination aus Kalorienverminderung, Bewegung und Verhaltenstherapie sein. Es hat sich gezeigt, dass Behandlungsmethoden, die sich nur auf eine rasche Gewichtsreduktion konzentrieren, keine hohe Erfolgsquote aufweisen. Die Abbruchrate ist extrem hoch und die meisten Patienten nehmen nach einiger Zeit das Gewicht, das sie verloren haben, wieder zu.

Auch emotionale Belastungen, die während der Diät gehäuft auftreten, dürfen nicht außer Acht gelassen werden: Symptome wie Schwäche, Depression, Reizbarkeit und Nervosität können die Lebensqualität erheblich vermindern.

„Im Verlauf der Entwicklungsgeschichte stellten in früheren Jahrtausenden Hungersnöte die größte Bedrohung für den Menschen dar. Es konnten jene am besten überleben, die in Zeiten des Nahrungsmangels ihren Energieverbrauch am besten senken konnten. Diese energiesparenden Genanlagen haben sich daher sehr stark verbreitet. Bei einer kurzfristigen Fastenkur kommt es daher zu einem starken Absinken des Energieverbrauchs, der auch noch anhält, wenn man sich wieder wie vor der Fastenkur ernährt. Dadurch kommt es häufig nach einer raschen Gewichtsabnahme wieder zu einer besonders starken Gewichtszunahme (Yo-yo-Effekt). Das Gewicht liegt nach der Fastenkur dann sehr oft höher als vorher. Aus medizinischer Sicht muss daher eindrücklich vor einer solchen Strategie gewarnt werden“, stellt Universitätsdozent Dr. Bernhard Paulweber von der Universitätsklinik für Innere Medizin I, Paracelsus Medizinische Privatuniversität Salzburg.

Medikamente nur unter ärztlicher Aufsicht

In einigen Fällen kann eine medikamentöse Therapie unterstützend eingesetzt werden. Derzeit gibt es im Wesentlichen drei Wirkstoffe, die hier zum Einsatz kommen. Eines hemmt die Fettaufnahme im Darm, die Einnahme eines anderen ruft ein erhöhtes Sättigungsgefühl hervor. Das dritte wirkt Appetit zügelnd und zeigt in Studien eine gute Wirksamkeit sowie die positive Beeinflussung von Begleiterkrankungen, es fehlen jedoch noch Daten über die Langzeitauswirkungen. Alle Wirkstoffe haben jedoch Nebenwirkungen und dürfen nur unter ärztlicher Aufsicht eingenommen werden.

Operation kann helfen

Bei ausgeprägtem Übergewicht kann in bestimmten Fällen eine Operation in Frage kommen.

Einerseits gibt es chirurgische Verfahren, bei denen der Magen verkleinert wird, zum Beispiel durch ein Magenband. Dabei kommt es schon nach Aufnahme geringerer Nahrungsmengen zu einem Sättigungsgefühl. Neben den üblichen Risiken eines operativen Eingriffes sind Übelkeit und Erbrechen mögliche Nebenwirkungen, wenn trotzdem weiterhin große Mengen an Nahrung aufgenommen werden. Eine andere Möglichkeit ist es, mittels einer Operation einen Teil des Dünndarms auszuschalten. Dadurch wird die aufgenommene Nahrung nur noch zum Teil verdaut. Ein Beispiel hierfür wäre der Magenbypass. Nachteil bei diesem Verfahren ist eine mögliche Mangelernährung nach dem Eingriff, da auch viele Vitamine und Spurenelemente nicht mehr ausreichend aufgenommen werden können.

Weitere Optionen stellen der Magenballon oder der Magenschrittmacher dar. Der Ballon füllt den Magen zum Teil aus, somit wird früher ein Gefühl der Sättigung erreicht. Der Magenschrittmacher sendet elektrische Impulse an die Magenmuskulatur, diese bewirken ebenfalls ein schnelleres Sättigungsgefühl. Beide Verfahren sollen die Einhaltung einer Diät erleichtern.

All diese Eingriffe haben jedoch eines gemeinsam: Die eigentliche Behandlung beginnt erst nach der Operation.

Voraussetzung für den Erfolg ist die persönliche Motivation und Einsicht bezüglich der Gewichtsproblematik. Therapieziel ist die langfristige und dauerhafte Gewichtsreduktion, Besserung bzw. Vermeidung von Folgeerkrankungen und eine Steigerung der Lebensqualität.


Dr. Ulli Stegbuchner
März 2007

Foto: Bilderbox

Zuletzt aktualisiert am 21. September 2020