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Lebensmittelzusätze: Angst vor E

Das schlechte Image der E-Nummern ist unbegründet

Angst vor E_ 1Natürlich würden wir alle gerne ausschließlich frische, unverfälschte und unbehandelte Lebensmittel essen. Tatsächlich ist zumindest in unseren Breiten der Großteil der Menschen auch auf industriell hergestellte oder behandelte Lebensmittel angewiesen und damit auf eine Vielzahl von Zusatzstoffen. Der Kontakt mit E-Nummern ist unvermeidlich, auch wenn viele Menschen Vorbehalte haben — unbegründet, wie Experten meinen.

Industriell hergestellte oder verarbeitete Lebensmittel haben meist ein Ziel: Natürlichkeit so gut wie möglich zu kopieren – in Geschmack, Aussehen, Struktur und Konsistenz. Zusätzlich sollen die Nahrungsmittel aus der Fabrik möglichst lange haltbar sein und auch den Transport zum Endverbraucher unbeschadet überstehen. Dazu ist eine ganze Menge an so genannten Zusatzstoffen notwendig. So unter anderem Antioxidantien, Emulgatoren, Farbstoffe, Festigungsmittel, Geliermittel, Geschmacksverstärker, Konservierungsmittel, Säuerungs- und Süßungsmittel, Feuchthalte- und Verdickungsmittel.

Bis zu 3.000 Zusatzstoffe sind in der Lebensmittelindustrie zum Einsatz gekommen. Die Unübersichtlichkeit wurde durch die Positivliste der E-Nummern abgelöst, die für den gesamten EU-Raum Gültigkeit hat. Das E steht für Europa genauso wie für das englische „edible“ (= „essbar“). Positivliste heißt: Nur Substanzen, die von der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (European Food Safety Authority, EFSA, mit Sitz in Parma) zugelassen wurden, bekommen eine ENummer und dürfen in der Lebensmittelindustrie zum Einsatz kommen.

Derzeit gibt es 304 Substanzen, die von der EFSA mit einer E-Nummer anerkannt wurden. Univ.-Prof. Mag. Dr. Ibrahim Elmadfa, der Vorstand des Instituts für Ernährungswissenschaften an der Universität Wien: „Die Zusatzstoffe, für die eine E-Nummer vergeben wurde, sind sicher die am meisten untersuchten Inhaltsstoffe von Lebensmitteln. Das garantiert für die Verbraucher ein Höchstmaß an Sicherheit.“

Täuschung verboten

Um mit einer E-Nummer geadelt zu werden, muss für eine Substanz nicht nur ihre gesundheitliche Unbedenklichkeit nachgewiesen werden, sondern auch, dass sie eine technologische Verbesserung darstellt und dass damit Verbraucher nicht getäuscht werden. Aus letzterem Grund ist beispielsweise die Verwendung von gelber Lebensmittelfarbe bei Nudeln verboten. Es könnte dadurch höherer Gehalt an Eiern vorgetäuscht werden.

Das System der E-Nummern ist flexibel. Gibt es wissenschaftlich fundierte Bedenken gegen einen Zusatzstoff, so wird er von der Liste gestrichen. Im Gegenzug werden immer wieder neue Stoffe aufgenommen. Die Tests, die die Unbedenklichkeit des neuen Stoffs belegen sollen, wurden in den vergangenen Jahrzehnten immer strenger. Heute sind toxikologische Tests an zwei verschiedenen Tierarten üblich, die meist bis zu drei Monate dauern. Die höchste unschädliche Dosis des Tierversuchs wird um den Faktor 100 reduziert und ergibt dann den so genannten ADI-Wert. Der beziffert die akzeptable tägliche Aufnahmemenge (Acceptable Daily Intake). Professor Elmadfa: „Zusätzlich wird untersucht, wie sich der Stoff im menschlichen Körper verhält und wie er wieder ausgeschieden wird, ob er sich anreichert und ob er Wechselwirkungen mit anderen Lebensmitteln eingeht.“

Zur Sicherheit der Konsumenten trägt auch der Umstand bei, dass es zwischen der E-Nummern-Behörde EFSA und dem von der WHO gemeinsam mit der Welternährungsorganisation (FAO) ins Leben gerufenen Sachverständigenausschuss JECFA (Joint Expert Committee on Food Additives) eine rege Zusammenarbeit gibt.

Problemfall Glutamat

Das alles kann nicht verhindern, dass es Menschen gibt, die den einen oder anderen Zusatzstoff nicht vertragen. Ibrahim Elmadfa: „Wie bei Lebensmitteln gibt es auch bei manchen Zusatzstoffen Unverträglichkeiten.“ So sind Unverträglichkeiten beim Verzehr von Lebensmitteln mit dem Konservierungsmittel Benzoesäure und ihren Salzen (E-210 bis E-213), beim Konservierungsmittel Sorbinsäure und ihren Salzen (E-200 bis E-203) sowie dem Farbstoff Azorubin (E-122) aufgetreten. Die Reaktionen reichen von Kopfschmerzen über Hitzegefühl bis zu Magen-Darm- Beschwerden und Asthmaanfällen.

Die bekannteste Unverträglichkeit betrifft die als Geschmacksverstärker eingesetzte Glutaminsäure (E-620) und ihre Salze (E-621 bis E-625). Sie wurden für das so genannte China-Restaurant-Syndrom verantwortlich gemacht, das sich mit Schläfendruck, Kopfschmerzen, Nackensteifigkeit, Gliedschmerzen und Übelkeit äußert. Noch immmer fehlt freilich der wissenschaftliche Nachweis, dass die besonders in der asiatischen Küche eingesetzten Geschmacksverstärker allein für die Symptome verantwortlich sind.

Wer nicht von einer Unverträglichkeit geplagt wird, kann den E-Nummern und den dahinter stehenden Inhaltsstoffen uneingeschränkt vertrauen. Ibrahim Elmadfa: „Auch wenn immer wieder einmal beim einen oder anderen Stoff Panikmache betrieben wird. Es gibt keine seriöse wissenschaftliche Untersuchung, die Zweifel an der Unbedenklichkeit aufkommen lässt.“ Wer trotz der Versicherungen der Wissenschaft den E-Nummern ausweichen möchte, muss nicht verhungern. Der Gesetzgeber hat eine Reihe von Lebensmitteln festgelegt, die nicht mit Zusatzstoffen behandelt werden dürfen (siehe Kasten).

Ernährungswissenschaftler Professor Elmadfa wundert sich, dass das System der E-Nummern in der Bevölkerung immer noch auf große Skepsis stößt, obwohl „es ausschließlich zum Schutz der Menschen gemacht wurde und damit noch nie ein Unfall passiert ist“. Vielleicht ist für das schlechte Image der E-Nummern auch das hochgiftige Insektizid Parathion verantwortlich, das unter dem Namen E-605 Eingang in die Kriminalgeschichte gefunden hat — lange bevor die E-Nummern eingeführt wurden.

Lebensmittel, die keine Zusatzstoffe enthalten dürfen

Angst vor E_2












  • Milch, Buttermilch, Naturjoghurt, Topfen
  • Kefir, Molke, Sauermilch — jeweils ohne Früchte
  • frische Kartoffeln, frisches Gemüse, frische Pilze
  • Sprossen und Keime
  • frisches Obst (außer gewachste Äpfel und oberflächenbehandelte Zitrusfrüchte)
  • Eier
  • Hülsenfrüchte
  • Getreide, Getreideflocken
  • getrocknete Nudeln
  • Reis (außer Schnellkochreis)
  • Nüsse, Samen
  • reines Pflanzenöl
  • Honig
  • Kaffeepulver
  • natürliches Mineralwasser, Quellwasser



Heinz Macher
Jänner 2008

Foto: Bilderbox


Kommentar

Kommentarbild von Univ.- Prof. Dr. Ibrahim Elmadfa zum Prinartikel „Die mit E-Nummern bewilligten Zusatzstoffe sind die am meisten untersuchten Inhaltsstoffe von Nahrungsmitteln. Es gibt keine seriöse wissenschaftliche Studie, die an ihrer Unbedenklichkeit zweifeln lässt.“
Univ.-Prof. Mag. Dr. Ibrahim Elmadfa
Vorstand des Instituts für Ernährungswissenschaften, Universität Wien

Zuletzt aktualisiert am 28. September 2020