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Functional Food: Neue Welt des Essens

Functional Food - Neue Welt des EssensKommt jetzt die Super-Nahrung in unser Leben? Functional Food soll uns gesünder, jünger und geistig fitter machen. Doch, was probiotische Joghurts und andere Power-Nahrungsmittel wirklich können, deckt sich oft nicht mit den Versprechungen mancher Nahrungsmittelhersteller.

Was Functional Food wirklich ist?

Functional Food wartet mit einzelnen oder auch mehreren zugesetzten Vitalstoffen auf. Mit Hilfe dieser Vitalstoffe sollen die angereicherten Nahrungsmittel eine bestimmte Funktion erfüllen. Und damit ist nicht das Stillen des Hungers gemeint. Die Spezialnahrung soll uns vielmehr dabei helfen, besser zu denken, uns besser zu fühlen oder später zu altern: Brain Food, Mood Food, Anti Aging Food sind die Ernährungsschlagworte der Stunde.

Die so geschaffene „Pharmakost“ siedelt sich im Grenzbereich zwischen Lebens- und Arzneimittel an. „Die Versprechungen der funktionellen Nahrungsmittel sind fast durchwegs medizinische Indikationen“, weiß Univ.-Prof. Dr. Kurt Widhalm, Vorsitzender des Österreichischen Akademischen Instituts für Ernährungsmedizin: „Die Grenze zwischen Medikamenten und Lebensmitteln verwischt sich immer mehr!“. Genaue Definitionen würden allerdings fehlen. Denn streng genommen sei auch ein ganz banaler Apfel ein funktionelles Lebensmittel – frei nach der britischen Lebensweisheit „An apple every day keeps the doctor away“. Das gilt auch für das eingangs erwähnte „funktionelle“ Wasser. Im Grund genommen ist also jedes Nahrungsmittel in irgend einer Hinsicht „funktionell“.

Entsprechend unerschöpflich ist die Phantasie der Nahrungsmittelkonzerne beim Mischen und Mixen neuer Kreationen, die auch rechtlich kaum Grenzen unterworfen sind: Solange die Konzerne bei der Herstellung Bestandteile zusetzen, die bereits in unserer Nahrung vorkommen (z.B. Omega-3-Fettsäure in Brot hineinbacken), brauchen die Hersteller in der EU dafür keine Zulassung. Strenge Prüfverfahren, wie sie etwa das Arzneimittelrecht vorschreibt, entfallen gänzlich. Ebenso fehlen Regeln für die werbliche Anpreisung der angeblich gesundheitsfördernden Wirkungen von funktionellen Nahrungsmitteln. Im österreichischen Lebensmittelrecht existieren keine besonderen Regelungen und auch keine allgemein gültigen Definitionen für Functional Food.

Was Functional Food wirklich kann?

Was ist nun von Versprechungen, die von den Herstellern in Sachen „Functional Food“ werbewirksam unters Volk gebracht werden, zu halten? „Von den derzeit am Markt befindlichen Produkten mit dem Extraplus ist kein nennenswerter Beitrag zur tatsächlichen Verbesserung der Befindlichkeit zu erwarten, da für die meisten dieser Produkte der definitive Beweis für die Wirkung des jeweiligen Lebensmittels aussteht“, bestätigen Konsumentenschützer der Arbeiterkammer Wien.

Noch gibt es kaum handfeste wissenschaftliche Beweise für die Wirksamkeit bestimmter angereicherter Lebensmittel. So weiß die Wissenschaft zum Beispiel noch relativ wenig über die Zusammensetzung der Darmflora und ihren Einfluss auf das allgemeine Wohlbefinden. Noch weniger weiß man über mögliche positive Wirkungen probiotischer Joghurts auf den Darm oder das Immunsystem. Ihre Wirksamkeit ist schon deshalb fraglich, weil viele Produkte eine viel zu geringe Zahl der gesunden lebenden Milchsäurebakterien enthalten. Der Verein für Konsumenteninformation z.B. nahm eine Reihe probiotischer Joghurts kritisch unter die Lupe: Das Ergebnis: Fast die Hälfte wurde auf Grund allzu geringer Keimzahlen als „weniger“ oder „nicht zufrieden stellend“ bewertet.

Brauchen wir die „Pharmakost”?

Ganz abgesehen von der ungeklärten Wirksamkeit der funktionellen Lebensmittel stellt sich die Frage, ob Functional Food wirklich für alle notwendig ist. Sind unsere Böden schon so nährstoffarm, dass die daraus gewonnenen Lebensmittel einfach zu wenig Vitalstoffe hergeben? „Stimmt nicht!“, meint Univ.-Prof. Dr. Kurt Widhalm: Dass die Böden ausgelaugt sind, sei Unsinn! Tatsächlich zeigen Untersuchungen, dass heutiges Obst und Gemüse genau so viele Minerale und Nährstoffe enthält wie noch vor 20 oder 30 Jahren. Der Eindruck, herkömmliche Lebensmittel wären so schlecht, dass es zur Erhaltung oder Verbesserung unserer Gesundheit besonderer Lebensmittel bedarf, ist also offenbar falsch. Das Gegenteil scheint der Fall zu sein: Die bisher eindeutigsten Ergebnisse zur Verbesserung der Gesundheit und sogar zu Reduktion von Krankheitsrisiken wurden mit ganz „normalen” Lebensmitteln erzielt – mit Obst und Gemüse. Schlappe Böden sind also kein wirklich zugkräftiges Argument für die „Extraportion“ Vitalstoffe. „Ein höherer Bedarf könnte sich höchstens aus dem Wandel der Verzehrgewohnheiten ergeben“, findet Professor Widhalm: „Wir nehmen immer mehr Fast Food und immer weniger warme, frisch zubereitete Speisen zu uns. Dieser Trend wird sich nach den Annahmen der Zukunftsforscher in Zukunft noch verstärken. So werden etwa in Österreich noch 32 Minuten täglich mit der Zubereitung von Nahrungsmitteln in der Küche verbracht. In den USA sind es gerade noch zwölf Minuten.“ Das könne dazu führen, dass wir zusätzliche Vitamine brauchen. „In diesen Fällen“, so Professor Widhalm, „kann Functional Food durchaus die Gefahr von Defiziten herabsetzen.“

Vitalstoffmangel ist die Ausnahme!

An der Tatsache, dass eine Mangelversorgung mit bestimmten Nährstoffen vorkommt, ist nicht zu rütteln. Allerdings gilt das nur für ganz bestimmte, genau definierte Bevölkerungsgruppen (geographisch, demographisch, geschlechts- und altersabhängig, bestimmte Randgruppen). Diese könnten – so Ernährungsexperten der Arbeiterkammer Wien – vom für sie richtigen Functional Food profitieren. Häufigster Grund für eine zu geringe Versorgung mit bestimmten Nährstoffen sei aber ein unausgewogenes Ernährungsverhalten und/oder ein ungünstiger Lebensstil. Ob genau diese „falschen Esser“ von funktionellen Lebensmitteln profitieren, sei aber mehr als fraglich. Gesunde Menschen brauchen das nicht! Braucht ein Mensch, der sich einigermaßen ausgewogen ernährt, speziell angereicherte Lebensmittel? Univ.-Prof. Dr. Kurt Widhalm beantwortet diese Frage mit einem klaren „Nein!“ Ein gesunder Mensch, der keine Störung hat, benötigt seiner Meinung nach kein Functional Food. Grundsätzlich könne man davon ausgehen, dass es bei uns in Österreich eine derartige Vielfalt an gesunden und guten Nahrungsmitteln – ob nun „bio” oder nicht – gibt, dass eine Anreicherung mit Zusatzstoffen keinen Sinn mache. Das heiße aber nicht, so Professor Widhalm, dass funktionelle Nahrungsmittel generell abzulehnen seien: „So war etwa Österreich das erste Land nach dem 2. Weltkrieg, das ein funktionelles Lebensmittel in der Gestalt von jodiertem Salz eingeführt hat“, erklärt der Ernährungsexperte. „In anderen Ländern haben sich mit Vitamin D angereicherte Milch oder mit Folsäure versetztes Getreide bewährt.“ Es gibt also auch positive Beispiele für Functional Food.

Essen mit Nebenwirkungen

Nutzbringend ist Functional Food zweifelsfrei für die Lebensmittelindustrie, die so neue Käufer am längst „gesättigten“ Lebensmittelmarkt finden. Die Lebensmittelhersteller rechnen jedenfalls mit hervorragenden Zuwachsraten: In zehn Jahren – so die Prognosen der Konzerne – soll bereits jedes vierte Lebensmittel als Functional Food unter die Leute gebracht werden. Eine Entwicklung, die einige Ernährungsexperten mit Sorge beobachten. Sie stellen die berechtigte Frage, ob wir mit den Extraportionen an Nährstoffen und Vitaminen nicht vielleicht zuviel des Guten tun. Auch pädagogische Nebenwirkungen werden befürchtet: So findet es etwa Professor Widhalm „vom Psychischen her nicht hilfreich, wenn schon Kinder lernen, dass man Vitamine nur aus angereicherten Nahrungsmitteln bezieht“. Warnungen der Konsumentenschutzabteilung der AK Wien gehen ebenfalls in diese Richtung: Eine völlig unerwünschte Wirkung von Functional Food sei durchaus denkbar, nämlich eine Verfestigung von an sich negativen Ernährungsgewohnheiten durch den Zusatzkonsum eines gesunden Lebensmittels! Selbst das beste funktionelle Lebensmittel wirke sich nur im Kontext einer sonst vernünftigen Ernährung positiv aus und sei damit genau genommen überflüssig. Ein spezielles Produkt, so die Konsumentenschützer könne nie bewirken, was eine abwechslungsreiche ausgewogene Mischkost kann.

Es geht auch ohne!

Für jedes funktionelle, speziell angereicherte Nahrungsmittel gibt es natur belassene, meist weit günstigere Alternativen: Die gleichen Effekte der so genannten ACEGetränke, das sind mit den Vitaminen C, E, Beta-Carotin versetzte Säfte, erreicht man mit einer Gemüse- und obstreiche Mischkost. Vitamin E liefern zum Beispiel Weizenkeimöl, Leinsamen oder Nüsse. Ein Espresso oder eine Tasse Tee verleihen ebenso Vitalität wie der mit Koffein oder Guarana angereicherte Energy-Drink. Sauerrahm, Sauerkraut oder natur belassenes Joghurt sind die Alternative zu den probiotischen Joghurts und anderen mit speziellen Bakterienstämmen angereicherten Lebensmitteln. Und wer regelmäßig Fisch isst und Raps- oder Sojaöl in den Salat gibt, erreicht problemlos „das besondere Plus an Omega-3-Fettsäuren“.

Dr. Regina Sailer
Juli 2010


Foto: Bilderbox, privat

Nährstoffe als Energiequelle

Einen Großteil der Energie, welche die Zellen unseres Körpers zur Umwandlung benötigen, entnehmen sie den Nährstoffen Kohlehydrate, Fette und Eiweiße, Vitaminen und Mineralien. Die meisten herkömmlichen Lebensmittel wie Brot, Gemüse, Milch, Früchte, Fleisch und Kartoffel enthalten Kombinationen dieser essentiellen Nährstoffe in natürlicher Form. Bei ausgewogener und richtiger Ernährung werden die Grundbedürfnisse ausreichend abgedeckt. Eine zusätzliche Zufuhr von „Extraportionen” Mineralstoffen und Vitaminen ist beim gesunden Menschen oft überflüssig – z.B. werden wasserlösliche Vitamine wie das Vitamin C und Vitamin B bei Überfluss über die Nieren ausgeschieden.


Probiotischen Jogurts mit bioaktiven Pflanzen- und Ballaststoffen sagt man positive Wirkung auf den Darm und das Immunsystem nach.

Energy-Getränke:
„Funktionelle” Drinks die den Kreislauf und die Konzentrationsfähigkeit anregen sollen. Schenkt man dem Hersteller Glauben, verleiht so mancher Power-Drink auch übernatürliche Kräfte. Für Kinder und Personen die Koffein nicht vertragen sind diese Produkte ungeeignet.

ACE-Getränke sind in Mode. Das sind mit den Vitaminen C, E, Beta-Carotin versetzte Säfte.

Gefärbtes und mit Geschmacksstoffen wie z.B. Hibiscus, Ginko oder Rosenklee versetztes Mineralwasser. Ob der Konsument davon tatsächlich ins „Gleichgewicht” kommt oder jeder Schluck frivolisierte Entspannung bringt ist eher fraglich.

Unerschöpflich ist die Phantasie der Nahrungsmittelkonzerne beim Mischen und Mixen neuer Kreationen.


Im Wandel der Eßgewohnheiten: immer mehr Fast-Food anstelle frisch zubereiteter Speisen. Oft führen Fertiggerichte unserem Körper nicht alle notwendigen Nährstoffe in ausreichender oder ausgewogener Zusammensetzung zu.

Kommentar

Kommentarbild von Univ.-Prof. Dr. Kurt Widhalm zum Printartikel „Wer sich ausgewogen ernährt und gesund ist, braucht keine funktionellen Lebensmittel. Sinnvoll können Sie für jene Menschen sein, die unter einer gesundheitlichen Störung, z.B. einer Fettstoffwechselstörung, leiden. Die erste Philosophie muss aber immer die sein, dass wir unsere Nährstoffe möglichst aus natürlichen Lebensmitteln beziehen.“
Univ.-Prof. Dr. Kurt Widhalm
Vorsitzender des Österreichischen Akademischen Instituts für Ernährungsmedizin

Zuletzt aktualisiert am 28. September 2020