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Die Erbsenzähler: Richtige Ernährung

Die Erbsenzähler - richtige ErnährungWer sich zwanghaft richtig und gesund ernährt, kann seine Gesundheit gefährden. Sich gut und ausgewogen zu ernähren, ist wichtig. Doch wenn Kalorien- und Vitamintabellen zur Obsession werden, wenn Menschen vor lauter gesundem Essen krank werden, dann spricht man von Orthorexie - einer Störung, die erst seit wenigen Jahren bekannt ist.

 

Es begann mit einem Blick in den Spiegel. Marianne F. (37) fand sich dick. Also verbannte sie Fett von ihrem Teller. Peinlichst genau achtete die Reisebürokauffrau darauf, nicht ein Futzelchen  Fett zu sich zu nehmen. Dann strich sie den Zucker – und die Kilos purzelten. Niemand dachte sich etwas dabei. Eine Diät eben. Doch als Marianne F., mittlerweile 14 Kilogramm leichter, immer mehr Zeit für ihre Ernährung aufwendete, immer häufiger über Kalorientabellen saß, waren Freunde und Familie genervt. Doch die 37- Jährige war lange noch nicht zufrieden. Weißes Mehl, rotes Fleisch – sie strich in ihrem Streben nach reiner, gesunder Nahrung immer mehr Lebensmittel von ihrem Speiseplan, bis irgendwann fast nur noch Körner und selbstgezogenes Gemüse drauf, standen. Essen ging sie nicht mehr, nicht einmal zu Freunden. Es könnte ja Ungesundes serviert werden.

 

Orthorexie heißt diese Form von Essstörung. Der Begriff kommt aus dem Griechischen („orthos“ für „richtig“ und „orexis“ für „Appetit“) und erklärt somit das Problem von immer mehr Menschen: Sie sind besessen vom Essen. „Die Grenzen zu gesunder Ernährung sind zunächst fließend“, sagt Ingrid Kiefer, Ernährungswissenschafterin und Gesundheitspsychologin der AGES, Österreichische Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit, (vorm. am Institut für Sozialmedizin der Universität Wien). „Problematisch wird es, wenn das Essen eine so zentrale Stellung im Leben einnimmt, dass man sich immer mehr isoliert.“ Geprägt hat den Begriff 1997 der Amerikaner Steven Bratman, der selbst jahrelang immer weniger Lebensmittel zuließ, weil er glaubte, sich so gesund essen zu können. Stunden verbrachte er damit, Vitamingehalt und Nährwerte von Lebensmitteln zu berechnen, der Genuss ging völlig verloren.

 

„Wir haben dieses Phänomen 2005 bei Menschen untersucht, die beruflich viel mit Ernährung zu tun haben“, berichtet Kiefer von ihren Forschungen. Eine Umfrage unter Diätologinnen ergab: 35 Prozent haben zumindest eine Neigung zur Orthorexie, bei 13 Prozent war akute Gefährdung zu erkennen. Viele der Befragten gaben an, ihr Selbstwertgefühl sei besser, wenn sie sich (aus ihrer Sicht) korrekt ernähren. Die meisten litten unter „extremen Schuld- und Schamgefühlen“, wenn sie von der selbstverordneten, harten Linie einmal abwichen.

Frauen stärker betroffen

Genau erforscht ist Orthorexie noch nicht, aber vermutlich sind Frauen stärker davon betroffen. Oft beginnt die radikale Ernährungsumstellung mit dem Wunsch nach Gewichtsverlust oder wenn jemandem aus medizinischen Gründen eine bewusste Ernährung empfohlen wird. Nicht nur die psychischen Folgen dieser Zwangshandlungen können fatal sein, sondern auch die Mangelsymptome. „Ich habe Kinder gesehen, die litten an einer Unterversorgung, die man ansonsten nur von der Dritten Welt kennt“, sagt Kiefer. Doch auch Erwachsene bekommen die Folgen der vermeintlich so gesunden Kost irgendwann zu spüren: Die Abwehrkräfte sinken, man ist müde, anfälliger für Infektionen, auch Haarausfall kann die Folge sein.

 

Wie aber kann man Orthorexie überwinden? Ingrid Kiefer: „Manchmal haben die Betroffenen ein Schlüsselerlebnis, das ihnen die Augen öffnet, etwa wenn eine Beziehung zerbricht.“ Wenn nicht, dann hilft nur Geduld. Denn um der Essstörung beizukommen, muss man die Ursachen derselben ansehen. Und das dauert — auch mit therapeutischer Hilfe — länger.

 

Birigt Baumann
April 2009

Foto: Bilderbox, privat

Kommentar

Die Erbsenzähler: Richtige Ernährung„Essen ist mehr als nur Nahrungsaufnahme und Zufuhr von Vitaminen sowie Mineralstoffen. Es ist gut, sich bewusst und vernünftig zu ernähren, aber man muss sich mit Essen nicht stundenlang beschäftigen und sich dauernd neue Verbote auferlegen. Es reicht, sich an ein paar einfache Richtlinien zu halten: mehr Obst, Gemüse und Getreide verzehren, ernährungsphysiologisch ungünstige Lebensmittel hingegen seltener zu sich nehmen.“
Univ.-Doz. Mag. Dr. Ingrid Kiefer
AGES, Österreichische Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit (vorm. Institut für Sozialmedizin der Universität Wien)

Zuletzt aktualisiert am 11. Mai 2020