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Dyslalie: Wenn Kinder stammeln

Dyslalie: Wenn Kinder stammelnWenn einzelne Laute beim Sprechen nicht richtig angewendet oder falsch ausgesprochen werden, aus einer Blume etwa eine „Bume“ wird, dann kann eine Aussprachestörung vorliegen. Welche Ursachen das hat und wie man sie erkennt, erklärt die Logopädin Mag. Elke Brunner.

Wenn Kinder das Sprechen lernen, tun sie sich oft noch schwer. Statt „Trompete“ ist dann ein „Pete“ zu hören. Das mag anfangs niedlich klingen, mit der Zeit sollte sich die Aussprache aber bessern. Ist das nicht der Fall, kann eine kindliche Aussprachestörung dahinter stecken. Elke Brunner, Logopädin an der Klinischen Abteilung für Phoniatrie der HNO-Universitätsklinik in Graz, hält dazu fest: „Heute unterscheidet man Artikulationsstörungen, die die Lautproduktion betreffen, von phonologischen Störungen, die sich auf die Lautanwendung im System der Sprache beziehen. Der Begriff ‚Dyslalie‘ ist missverständlich und sollte im medizinischen Kontext nicht mehr verwendet werden. Dasselbe gilt übrigens auch für die Wörter ‚Stammeln‘, ‚Lispeln‘, ‚Hölzeln‘ usw., die im Volksmund gerne gebraucht werden. Man spricht heute von Aussprachestörungen als Oberbegriff für phonologische Störungen und Artikulationsstörungen.“

Falsche Aussprache und/oder Anwendung

Was versteht man nun aber unter einer Aussprachestörung? „Dabei handelt es sich um eine gegenüber der Alters- und Umweltnorm verzögerte oder abweichende Entwicklung der lautlichen Ebene, wobei die Laute der Muttersprache nicht normentsprechend ausgesprochen und beziehungsweise oder im Lautsystem nicht normentsprechend angewendet werden“, sagt die Expertin. Kennzeichnend ist, dass die betroffenen Kinder einzelne oder mehrere Laute nicht so aussprechen, wie man es erwartet. „Beispielsweise wird der Laut S mit der Zungenspitzen zwischen den vorderen Schneidezähnen gebildet“, so Brunner. Es ist aber auch möglich, dass die Laute zwar korrekt ausgesprochen, aber nicht richtig eingesetzt werden. „Das Kind kennt zum Beispiel den Unterschied zwischen K und T nicht“, weiß die Logopädin. Statt „Kind“ ist dann etwa „Tind“ oder statt „Katze“ eine „Tatze“ zu hören. Kennzeichnend ist, dass beide Varianten häufig kombiniert auftreten. Betroffene können kein R aussprechen und ersetzen es daher mit einem anderen Laut wie einem L – aus der „Rutsche“ wird die „Lutsche“. „Es können aber auch die Anlaute aller betonten Silben durch ein H ersetzt werden, aus ‚Krokodil‘ wird ein ‚Hokohil‘. Je ‚andersartiger‘ die Entwicklung verläuft, desto schwerer ist das Kind für sein Umfeld zu verstehen“, sagt Brunner.

Schweregrade verschieden

Die Verständlichkeit gibt auch Aufschluss über den Schweregrad der Aussprachestörung. Dieser reicht von nur leichten Beeinträchtigungen über eine geringe Verzögerung der Lautentwicklung bis zu einer abweichend entwickelten Sprache. Brunner dazu: „Es gibt darüber hinaus Kinder, die kein System in ihren Lautabweichungen zeigen und die Wörter immer wieder anders produzieren. Dadurch entsteht der Eindruck, als würden sie in einer fremden Sprache sprechen.“ Laute, die besonders häufig beim Sprechen Probleme bereiten, sind übrigens S, SCH, oder R.

Was ist normal und was nicht?

Doch welche Ursachen stecken dahinter? Um Laute korrekt auszusprechen, brauchen Kinder ein gutes Hörvermögen und gute sensomotorische Fähigkeiten. Wenn Kinder das Sprechen lernen, ist es noch völlig normal, dass sie bestimmte Laute auslassen oder ersetzen. Denn: So individuell wie der Sprechbeginn verläuft, verläuft auch die lautliche Entwicklung. „Laute wie M, B, D oder T werden von den meisten Kindern bereits im zweiten Lebensjahr korrekt artikuliert. Die meisten Laute beherrschen Kinder dann im Alter von vier Jahren, während hingegen der Erwerb des Lautes S auch im fünften Lebensjahr oder noch später möglich ist“, sagt die Logopädin. Hinter Aussprachestörungen stecken meistens mehrere Ursachen. So können organische Faktoren wie eine Hörstörung oder Beeinträchtigungen im Mund-Kiefer-Bereich dafür verantwortlich sein. Aber auch schlechte Sprachvorbilder, eine gestörte Eltern-Kind-Beziehung oder Geschwisterrivalität sind möglich. „Häufig treten Sprachentwicklungsstörungen aber ohne erkennbare Ursache auf“, hält Brunner fest.

Auffälligkeiten abklären lassen

Wann aber sollte man mit dem Kind zum Facharzt? „Meist haben Mütter und Väter ein gutes Gespür dafür, ob ihr Kind sich ‚normal‘ entwickelt. Es gibt aber auch das umgekehrte Phänomen, dass man Defizite des Kindes nicht wahrhaben will oder man die Sprechweise so gewohnt ist, dass Abweichungen nicht auffallen. Daher gilt: Wenn sich das Kind lautlich anders entwickelt als seine gleichaltrigen Freunde, wenn den Eltern an der Sprache ihres Kindes etwas ‚spanisch‘ vorkommt oder sie von anderen Eltern, Familienangehörigen oder Betreuern aufmerksam gemacht werden, dann sollte man die Sprachentwicklung abklären lassen“, rät die Logopädin. Der Weg führt dann meist vom HNO-Arzt zur Logopädin.

Nicht zum Nachsprechen auffordern

Die Behandlung hängt vom Schweregrad der Störung ab und kann von einem einmaligen Beratungsgespräch bis zu einer intensiven logopädischen Therapie reichen. Für Eltern gilt: „Man sollte die Aussprache eines Kindes nicht selbst korrigieren oder das Kind ständig zum Nachsprechen auffordern. Günstig ist, dem Kind einen korrekten Input zu geben“, sagt Brunner. Sagt das Kind etwa ‚Hanni geht in die Sule‘ können Eltern mit ‚Ja genau, Hanni geht schon in die Schule‘ antworten. Wichtig ist zudem, gute Bedingungen für eine gesunde sprachliche Entwicklung zu schaffen und sich mit dem Kind zu beschäftigen. „Manche Kinder brauchen mehr, manche weniger Unterstützung. Jedes Kind möchte aber so akzeptiert und geliebt werden, wie es ist“, hält Brunner abschließend fest.

MMag. Birgit Koxeder-Hessenberger
November 2013


Foto: Bilderbox

Zuletzt aktualisiert am 11. Mai 2020