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Babys XXL

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Trend zu sehr hohem Geburtsgewicht nimmt in Österreich zu

Babys XXL
Wir staunen, wenn wir hören, dass ein Baby mit fünf Kilos und 60 Zentimetern geboren wurde. Dabei nimmt die Zahl großer Babys - makrosome Neugeborene nennt sie die Medizin - seit Jahren kontinuierlich leicht zu.
 

Das Kinderzimmer ist fertig eingerichtet, im Bettchen liegt ein kleiner Stoffbär, der auf Gesellschaft wartet, darüber spannt sich ein Musikmobile, das leise Mozarts Wiegenlied spielt. Im Babykasten stapeln sich Bodys, Strampler und Söckchen, aber nicht wie üblich in Größe 50, sondern in Größe 62. Das tragen sonst Kinder mit drei Monaten. Leni, deren Eltern ihr Kinderzimmer liebevoll vorbereitet haben, wird schon bald, nämlich am 25. April um 10.25 Uhr, zur Welt kommen. Dieser genaue Geburtstermin wurde mit dem Arzt vereinbart, der Leni per Kaiserschnitt aus dem Bauch ihrer Mama holen wird. Sie ist nämlich so groß und so schwer, dass es zu gefährlich wäre, wenn sie den "normalen" Geburtsweg nehmen müsste.

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Wenn Größe zum Problem wird

Fünf Kilo und 20 Gramm wird Leni an ihrem Geburtstag schwer sein und das bei einer Größe von 59 Zentimeter. Das konnte der Arzt ziemlich genau ausrechnen. Leni ist schon lange keine Ausnahme mehr. Der Trend zu großen Babys - makrosome Neugeborene werden sie in der Fachsprache genannt - hält seit Jahren ungebrochen an. In Österreich kommen laut einer aktuellen Studie jährlich 500 bis 3.200 makrosome Kinder zur Welt, mehr Buben als Mädchen. Eindeutig definiert ist Makrosomie aber nicht. Der Begriff kann ein Geburtsgewicht von 4.000, 4.750, aber auch 5.020 Gramm bedeuten. Während bis vor wenigen Jahren überdurchschnittliche Größe und überdurchschnittliches Gewicht eher bei Babys von Müttern beobachtet wurden, die entweder an Diabetes Typ 2 oder Schwangerschaftsdiabetes litten, sind heute gesunde Kinder mit 4.500 Gramm Geburtsgewicht keine Seltenheit mehr. "Neben Diabetes gibt es auch genetische Ursachen für große Kinder. So weiß man, dass zum Beispiel in Osteuropa die Geburtsgewichte der Babys höher sind. Durch Zuwanderung aus diesem Bereich nimmt auch die Zahl der großen Babys in Österreich zu", erklärt sich Prim. Dr. Gabriele Wiesinger-Eidenberger, Leiterin der Neugeborenenabteilung an der Kinderklinik Linz, diesen Trend.

Univ.-Doz. Dr. Gernot Tews, Leiter der Landesfrauenklinik, sieht einen zusätzlichen Grund: "Es zeigt sich in den vergangenen zehn Jahren der Trend, dass zwar die tägliche Kalorienzufuhr nicht mehr nennenswert steigt, jedoch durch die geringere körperliche Aktivität Verschlechterungen der Stoffwechsellage entstehen." Und das könne zu makrosomen Babys führen. Das heißt aber umgekehrt nicht zwingend, dass größere Babys krankheitsgefährdeter sind. Prim. Gernot Tews: "Auch wenn wir schon von Makrosomien sprechen, wenn ein Geburtsgewicht von 4.500 Gramm überschritten wird, lässt sich die Natur nicht nach derart engen Grenzen bewerten. Es gibt demnach schwerere Kinder, die vollkommen gesund sind, aber auch etwas leichtere, die an einer Stoffwechselerkrankung leiden."

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Rechtzeitig erkennen

Wichtig ist für Tews aber, das Syndrom Makrosomie rechtzeitig zu erkennen, damit Kinderärzte früh Gegenmaßnahmen setzen können. "Die größte Aufmerksamkeit gilt nach der Geburt eines sehr großen Babys dessen Zuckerstoffwechsel und Calciumhaushalt. "Sollte die Gefahr von Unterzuckerung bestehen, was bei größeren Babys vorkommen kann, muss das Baby beispielsweise früher gefüttert werden", so die Kinderärztin Wiesinger-Eidenberger. Sie sieht - außer bei Babys von zuckerkranken Müttern, die ebenfalls mit Diabetes geboren werden - die Geburt von makrosomen Neugeborenen insgesamt aber eher als ein Problem der Geburtshelfer. Gernot Tews: "Die Ultraschalluntersuchung am Ende der Schwangerschaft ist wichtig, um vor der Geburt feststellen zu können, ob das Baby am Krankheitsbild Makrosomie leidet, es also überdurchschnittlich groß und übergewichtig ist. Mit dieser Ultraschalluntersuchung kann eine ziemlich genaue Schätzung des Geburtsgewichtes vorgenommen werden. Falls das Gewicht bei 4.500 Gramm oder gar darüber liegt, sollten der Arzt beziehungsweise der Geburtshelfer mit der Frau über die Möglichkeit eines Kaiserschnittes reden." Insgesamt liege - so Tews - die Kaiserschnittsrate bei makrosomen Babys um die 80 Prozent.

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Nicht immer ein Risiko

Mütter von sehr großen Babys gelten, so der Gynäkologie-Primar, nicht prinzipiell als Risikoschwangere, sollten aber pränatal besondere Untersuchungen mitmachen. "Vor allem ist es seitens der Medizin wichtig, den Zuckerstoffwechsel über das sogenannte HbA1c (ein Hämoglobinabkömmling) oder auch über einen Glucosebelastungstest zu analysieren." Trotz Ultraschall gibt es bis heute übrigens keine absolut verlässliche Methode zur Messung des voraussichtlichen Geburtsgewichtes und der Geburtsgröße von Babys. Eine alte Weisheit besagt: Ist der Bauchumfang um mehr als 35 Zentimeter gewachsen, dann ist ein sehr großes Kind zu erwarten. Sicherer ist es aber, bei der Geburtsplanung klinische Untersuchung, Wachstumskurven und Gewichtsperzentilen zu kombinieren.

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Komplikationen reduzieren

Die häufigsten Komplikationen bei der normalen Geburt großer Babys sind Schulterdystokien. Das heißt, dass das Baby mit den Schultern im Geburtskanal der Mutter stecken bleibt, was ein gesundes Baby ungefähr zehn Minuten lang aushält. Danach können Sauerstoffmangel und Atemnot zu bleibenden Schäden führen. Ein geschultes Team muss in solchen — zum Glück seltenen — Situationen schnell handeln und dem Baby notfalls durch einen bewussten Schlüsselbeinbruch oder einen Bruch des Schambeines der Mutter den Weg frei machen. Noch seltener kommt es zu Nervenläsionen und Skelettverletzungen des Babys. Heftiger trifft es hingegen öfter die Mütter: Weichteilverletzungen, Uterusruptur, Blutverlust, Infektionen, Schambeinläsionen und Blasenschäden sind auf der möglichen Komplikationsliste zu finden. Eine aktuelle statistische und medizinisch-wissenschaftliche Aufarbeitung des Themas "makrosome Neugeborene" wird in Medizinerkreisen angeregt. Damit soll dem Trend zu immer größeren und schwereren Babys Rechnung getragen werden.

Mag. Kornelia Wernitznig

April 2005

Foto: mauritius, privat

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Diabetes und Schwangerschaft

Frauen, die an einer Zuckerkrankheit leiden, haben oft Angst vor einer Schwangerschaft, weil sie um das erhöhte Risiko wissen. Vor allem die Tatsache, dass zuckerkranke Mütter oft große und sehr schwere Babys zur Welt bringen, ist in diesem Zusammenhang bekannt. Diese Form der Makrosomie hat aber nichts mit dem Trend zu immer größeren, gesunden Kindern zu tun. Die von zuckerkranken Frauen gefürchtete Makrosomie ist eines von vielen Risiken, dem diese Frauen ausgesetzt sind. Dabei können zuckerkranke Mütter - wie jede andere Frau auch - sehr wohl gesunde Kinder zur Welt bringen. Vorausgesetzt, sie werden schon vor und während der Schwangerschaft entsprechend betreut. Denn wenn Diabetes-Mütter während der Schwangerschaft nicht optimal mit Insulin eingestellt sind, kann es für das Kind gefährlich werden.

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Kommentar

Babys XXL"Wenn das Syndrom Makrosomie rechtzeitig erkannt wird, können Kinderärzte früh Gegenmaßnahmen setzen, falls das Neugeborene an Stoffwechsel-störungen leidet. Falls die Ursache der Makrosomie rein genetisch ist, ist es vorwiegend ein Problem für die Geburtshelfer. Liegen allerdings Diabetes oder schlechte Stoffwechsellage der Schwangeren vor, muss man das Kind nach der Geburt gut überwachen."
Prim. Dr. Gabriele Wiesinger-Eidenberg
Leiterin der Abteilung für Neonatologie in der Landesfrauen- und Kinderklinik, Linz

Zuletzt aktualisiert am 13. November 2020