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Alte Eltern als Herausforderung: Rollenwechsel

Alte Eltern als Herausforderung: RollenwechselWenn Eltern altern, wechseln die Rollen. Zuerst waren Vater und Mutter für die Kinder da, nun müssen diese häufig für ihre Eltern die Verantwortung übernehmen und ihnen helfen. Kein so leichtes Unterfangen, wie viele Betroffene wissen.

Altern ist ein natürlicher Prozess und das Alter eine der Lebensphasen. Doch nicht alle können sich mit dieser natürlichen Entwicklung abfinden“, sagt Caritas-Mitarbeiterin Sabine Dietrich, die als Projektreferentin der Pfarrcaritas Kurse für pflegende Angehörige hält. Die Eltern, die bisher die Gebenden waren, wollen diese Umkehr oft nicht akzeptieren. Und die „Kinder“ finden sich manchmal nur schwer in der neuen, ungewohnten Rolle zurecht.

„Die Sorge für die Eltern ist eine große Herausforderung, da muss man erst hineinwachsen. Dafür gibt es keine Patentrezepte“, sagt die Expertin. Was man aber in jedem Fall braucht, ist Fingerspitzengefühl. Man solle behutsam an die Sache herangehen und genau abwägen: Was braucht mein Vater, meine Mutter? Wo muss ich sie unterstützen? Was darf ich ihnen auf keinen Fall abnehmen? Wichtig ist auch, keine einsamen Entscheidungen zu treffen und die Betroffenen vor vollendete Tatsachen zu stellen. Das werde in den meisten Fällen Widerstand und Konflikte auslösen, weiß Dietrich aus Erfahrung: „Sprechen Sie die Thematik an, aber vermeiden Sie dabei Du-Botschaften.“ Sätze wie „Das schaffst du nicht“, „Das kannst du nicht mehr“ oder „Das sollst du nicht mehr“ kämen in den meisten Fällen nicht gut an. Eine Umschreibung mit „Ich habe so das Gefühl“ oder „Mir geht es nicht gut, wenn ich sehe ...“ würde mehr Erfolg versprechen in dem Vorhaben, den Eltern Hilfe in der einen oder anderen Form zukommen zu lassen.

„Wichtig ist auch, niederschwellig zu beginnen, beispielsweise mit Haushaltshilfen oder ehrenamtlichen Besuchsdiensten“, meint Dietrich weiter. So können sich die Eltern an fremde Personen in ihrem Haus langsam gewöhnen und schaffen es auch leichter, Verantwortung und Tätigkeiten abzugeben. Sie lernen, dass diese Person tut, was sie gerne hätten, und ihnen nichts wegnehmen möchte. „Außerdem kommen mit diesen Menschen auch neue Gesprächsthemen in den Alltag und beleben ihn“, erklärt Dietrich.

Häufig merken die Töchter und Söhne erst spät, dass ihre Eltern Hilfe benötigen. Sabine Dietrich: „Ältere Menschen haben Angst, ihre Autonomie zu verlieren. Sie wollen nicht abhängig sein. Daher lassen sie sich nichts anmerken. Im Kompensieren und Kaschieren von Defiziten können sie eine wahre Meisterschaft entwickeln.“ Das gilt vor allem für Demenz, die laut Statistik und Prognosen ein rasch wachsendes Problem ist. Daher ist es wichtig, auf erste Anzeichen zu achten. „Wenn jemand beginnt, sich zurückzuziehen, nicht mehr einkaufen gehen will, häufig Sachen verlegt oder Geburtstage vergisst, sind das Alarmzeichen“, erklärt Dietrich, die auch Gedächtnis- und Demenztrainerin ist.

Den Prozess der fortschreitenden Demenz kann man nicht stoppen, aber lindern, etwa mit dem Training der kognitiven Fähigkeiten. „Wichtig ist auch Bewegung. Sie baut Stress ab und Demenzkranke haben durch Kompensieren und Kaschieren viel Stress“, erklärt sie. Weiters sollen Situationen und Fragen, die belastend sein könnten, vermieden werden. Ein weiteres großes Thema im Alter ist Trauer. Dabei geht es nicht nur um den Verlust langjähriger Freunde und Weggefährten, sondern auch von körperlichen Fähigkeiten und Fertigkeiten. Ältere Menschen reden viel über „früher“ und darüber, dass sie das eine oder andere wohl anders hätten machen sollen. Bei diesen Themen heißt es zuhören, nachfragen, darauf eingehen und unterstützen. Dietrich: „Wenn ich jemandes Lebensgeschichte respektiere, stärke ich sein Selbstwertgefühl.“ Und genau dieses Selbstwertgefühl sei ganz wichtig. Daher müsse man seinen Eltern Aufgaben, die sie bewältigen könnten, auch belassen oder neu übertragen.

Konflikte

Vielfach führt das Altern der Eltern auch zu Konflikten innerhalb der Angehörigen. „Eine Person übernimmt meist die Hauptbetreuung, die anderen Geschwister erleben den Alltag nicht mit und möchten mit Ratschlägen zur Seite stehen. Dabei hat meist jeder eine andere Sicht der Dinge und jeder meint es natürlich gut. Aber in den seltensten Fällen wird der Betroffene gefragt“, weiß Dietrich aus Erfahrung. „Es wird meist über ihn geredet statt mit ihm.“ Wenn sie den Leuten in einer solchen Situation empfiehlt, sich in die Rolle des Betroffenen zu versetzen, kommt es immer zum Aha-Erlebnis.

Und die ältere Generation von heute und morgen stellt andere Ansprüche, als sie es noch vor zehn, fünfzehn Jahren getan hat. „Sie haben so viel dazugelernt, sind besser informiert, können mit modernen Medien umgehen“, sagt die Expertin. Dietrich sieht im Alter und im Altern viel Positives und dessen sollten sich alle bewusst sein. Sabine Dietrich: „Ältere Menschen sind für mich Schatzkästchen mit einem Wissen und Geschichten aus einer Zeit, die wir nicht erlebt haben und die wir hier aus erster Hand erfahren können. In einer Leistungsgesellschaft, in der wir leben, ist es schön, nichts mehr leisten zu müssen. Das sollte man genießen.“

Monika Unegg
September 2013


Foto: Bilderbox, privat

Kommentar

Alte Eltern als Herausforderung: Rollenwechsel„Die Sorge für die Eltern ist eine große Herausforderung. Man muss mit viel Fingerspitzengefühl an die Sache herangehen. Und man muss auch darauf achten, nicht selbst auf der Strecke zu bleiben.“
Sabine Dietrich
Projektreferentin der Pfarrcaritas, Landskron

Zuletzt aktualisiert am 11. Mai 2020