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"Hasenscharte' und 'Wolfsrachen"

hasenscharteOperative Korrektur noch vor dem Schulalter möglich. Der erste Eindruck von einem Menschen wird in der Hauptsache von seinem Gesicht geprägt. Deformationen, die unser ästhetisches Empfinden stören, können heute schon ab dem frühen Kindesalter beseitigt werden.


Wichtig: Fachübergreifende Betreuung vom Säugling bis zum jungen Erwachsenen

Besondere Fortschritte hat in den letzten Jahrzehnten die operative Korrektur von Lippen-, Kiefer- und Gaumenspalten gemacht. Lange Zeit war Kindern, die damit belastet zur Welt kamen, ein "normales" Leben vor allem aufgrund der damit verbundenen Sprachstörung unmöglich. Sie galten als "schwer behindert" und wurden fälschlich oft auch als geistig zurückgeblieben angesehen. Heute lassen sich diese angeborenen Missbildungen gut verbessern, allerdings ist dabei eine fachübergreifende Betreuung (HNO- und Zahnmedizin, Kieferorthopädie, Chirurgie sowie postoperativ logopädische, also sprachtherapeutische, Betreuung) von der Geburt bis ins frühe Erwachsenenalter erforderlich. Wesentlich für betroffene Eltern ist jedoch, dass ihr Kind nicht fürs Leben "gezeichnet" ist, wenn es mit einer derartigen Missbildung zur Welt kommt.

Entwicklungsstörung mit vielen möglichen Ursachen

Die Entstehung solcher anatomischer Gestaltveränderungen wird durch zeitliche Überlappung in der Entwicklung der jeweils betroffenen Organe erklärt. Je nach dem Termin der Entwicklungsstörung werden als Ursachen dafür Vererbung, Stoffwechselerkrankungen der Mutter, Unregelmäßigkeiten des mütterlichen Hormonhaushaltes, Infekte und diverse andere Störungen genannt. Am häufigsten treten Lippen- und Gaumenspalten auf, sehr oft eine Kombination von beiden mit zusätzlicher Kieferbeeinträchtigung. Das Ganze wird im Volksmund als "Hasenscharte" und "Wolfsrachen" bezeichnet und wirkt sich nicht nur auf das Aussehen aus, sondern hat auch massive Sprachstörungen zur Folge.

Frühestmöglicher Start der Korrektureingriffe

Daher ist es wichtig, bereits im Säuglingsalter so rasch wie möglich die korrigierenden Eingriffe zu starten. So findet der Lippenspaltenverschluss meist im vierten bis sechsten Lebensmonat statt, der Gaumenspaltenverschluss nach dem vollständigen Durchbruch der Milchzähne, sodass sich das Kind zum Schuleintritt funktionell und ästhetisch unauffällig präsentieren kann. Wichtig für das Erlernen der normalen Lautsprache ist vor allem das Ergebnis der Gaumenoperation mit der Bildung eines langen und voll beweglichen Gaumensegels. Zwischen dem 13. und 20. Lebensjahr finden meist noch abschließende Korrekturoperationen (u.a. von Nasenknorpel und Nasenknochen) statt. Allfällige weitere der Ästhetik sowie einer Funktionsverbesserung dienende Eingriffe sollten erst nach Wachstumsabschluss vorgenommen werden. Bei gelungenen Operationen, die freilich von allen Beteiligten — vor allem vom kleinen Patienten selbst — viel Geduld und Mut verlangen, ist dem Erwachsenen im allgemeinen nichts mehr von dem Problem anzumerken, mit dem er zur Welt gekommen ist.


Dr. Ingrid Feilmayr

Mai 2006

Foto: Bilderbox


Kommentar

"Neugeborene, die mit einer der unterschiedlichen Formen von Lippen-, Kiefer-, Gaumenspalten zur Welt kommen, sind völlig normale Kinder in jeder Hinsicht, die lediglich eine örtlich sehr begrenzte Störung im Oberlippen- und Oberkieferbereich aufweisen. Diese Störung ist durch die heute möglichen modernen Behandlungsmethoden in einer Art und Weise behebbar, die eine störungsfreie Funktion des Kauorgans sowie eine weitgehend ungestörte ästhetische Situation nach sich zieht. Die Betroffenen sind daher imstande ein völlig normales Leben zu führen."
Prim. Univ.Prof. Dr. Bernd Gattinger
Abteilung für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie, AKH Linz

Zuletzt aktualisiert am 13. November 2020