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Krankes Land, gesunde Stadt?

Das gesunde Landleben entpuppt sich als Mythos

Krankes Land, gesunde StadtEntgegen einer häufig geäußerten Meinung lebt der Mensch auf dem Land nicht unbedingt gesünder. In einigen Bereichen haben Städter die Nase deutlich vorn.

Fast die Hälfte der Österreicher wohnt heute in einer von 74 Städten mit mehr als 10.000 Einwohnern. Ballungsräume bieten beruflich oft mehr Möglichkeiten. Dafür – so die landläufige Meinung – muss der urbane Mensch halt in Kauf nehmen, dass er weniger gesund lebt als auf dem Land. Doch stimmt das überhaupt? Wie Wohnort und Gesundheit zusammenhängen, ist für Österreich erst ansatzweise erforscht. Doch das wenige Datenmaterial, das es gibt, stellt den Städten ein gar nicht so negatives Gesundheitszeugnis aus. So sind zwar beispielsweise bei Diabetes unter jüngeren Menschen die Wiener Spitzenreiter. Doch schon in der Gruppe der 45-bis 59-Jährigen weist die weibliche Landbevölkerung die höchste Diabeteshäufigkeit auf, so die Angaben des österreichischen Diabetesberichts. Die Wahrscheinlichkeit, an Krebs zu erkranken, dürfte – wissenschaftlich allerdings noch nicht abgesichert – für Stadt- und Landbewohner etwa gleich groß sein. Regionale Unterschiede gibt es allerdings.

Zu viel Gepökeltes

So kommt etwa das Magenkarzinom in bestimmten oberösterreichischen Regionen im internationalen Vergleich etwas häufiger vor. „Möglicherweise hat der überdurchschnittlich hohe Verzehr von Gepökeltem in diesen Regionen damit zu tun“, weiß Dr. Silvester Hutgrabner, Landarzt in der oberösterreichischen Gemeinde Eberschwang, der in den letzten Jahren allerdings für sein Betreuungsgebiet einen deutlichen Rückgang dieser Krebsform feststellt. Laut Todesursachenatlas des Österreichischen Statistischen Zentralamtes (ÖSTAT) liegt bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen in allen großen Landeshauptstädten die Sterbeziffer unter dem österreichischen Durchschnitt. Nur Wien ist auch in dieser Hinsicht anders und weist eine überdurchschnittliche Herz-Kreislauf-Mortalität auf (ÖSTAT, 1998). Auch die Wahrscheinlichkeit, an einem Schlaganfall oder einer anderen Erkrankung der Hirngefäße zu sterben, ist demnach in Städten mit mehr als 10.000 Einwohnern geringer als im Bundesdurchschnitt.

Weniger Medikamente

Diese Unterschiede könnten unter anderem mit einer besseren Versorgung der Städter mit Medikamenten zusammenhängen. So hat etwa die Oberösterreichische Gesundheitskonferenz festgestellt, dass städtische Patienten viel öfter Medikamente gegen ihre Herz-Kreislauf-Beschwerden einnehmen. Das scheint in besonderem Maß auch für psychische Erkrankungen zu gelten. Laut einer Erhebung des Magistrats Wien werden Antidepressiva in der Stadt deutlich öfter verordnet als auf dem Land. Das liegt wohl auch an der Tatsache, dass Landmenschen nicht so oft zum Arzt gehen wie Städter. Dies hat eine Untersuchung an der Universität Graz eindrucksvoll gezeigt: Fast ein Viertel aller städtischen Senioren besucht durchschnittlich zwei Mal pro Monat eine Arztpraxis. Im ländlichen Bereich tut das nur jeder Zehnte.

Wer in der Stadt lebt, nimmt nicht nur öfter Medikamente ein, sondern versteht im Schnitt auch besser, was er da schlucken soll. Eine Umfrage des Wiener Marktforschungsinstitutes Focus zeigt, dass Städter sich genauer über Nebenwirkungen und Einnahmevorschriften von Medikamenten informieren. Während sich in der Stadt 65 Prozent die Angaben genau anschauen, sind es am Land nur 57 Prozent der Patienten. Im urbanen Raum werden die Gebrauchsinformationen tendenziell besser verstanden als in kleinen Dörfern.

Städter sind informierter

Oft ist es die Geburt des ersten Kindes, die Eltern veranlasst, von der Stadt aufs Land zu ziehen. Der Nachwuchs soll schließlich gesund aufwachsen. Doch diese Vorstellung könnte ein Mythos sein. So hat etwa eine Studie am Salzburger Institut für Sportwissenschaften erstaunlicherweise gezeigt, dass Schüler in städtischen Schulen in besserem körperlichen Zustand sind als jene auf dem Land. Eine mögliche Ursache dafür ist laut Studienautor Mag. Dr. Andreas Sandmayr das im urbanen Raum oft bessere Sportangebot, wie es etwa Sportvereine bieten. In der Stadt scheinen Eltern auch eher gewillt zu sein, sich bei medizinischen Problemen Hilfe zu holen. So lehnen laut Univ.-Prof. Dr. Elisabeth Ardelt-Gattinger von der Universität Salzburg im urbanen Raum rund 30 Prozent aller Eltern von stark übergewichtigen Kindern professionelle Hilfe beim Abnehmen ab. Am Land sind es 80 Prozent. Einen klaren Vorteil bietet das Land, wenn es um Drogenprobleme geht. Jugendliche im ländlichen Raum nehmen weniger häufig Drogen. Eine Untersuchung des österreichischen Bundesheeres an Grundwehrdienern zeigt, dass Stadtjugendliche mehr als doppelt so häufig zu einer illegalen Substanz greifen wie ihre Altersgenossen vom Land.


Verminderung der Lebenserwartung

Berechnete Reduktion der Lebenserwartung in Monaten aufgrund der Belastung der Außenluft durch Feinstaub in Österreich

Krankes Land - Verminderung der Lebenserwartung

Raumeinheiten: Bundesländer (Gebietsstand 1.1.2005)

Umweltbundesamt
Quelle: Bundesamt für Eich- und Vermessungswesen (BEV), Statistik Austria
Bearbeitung: Kompetenzzentrum Geografische Informationssysteme; Dez. 2005



Dr. Regina Sailer

Mai 2008


Foto: Bilderbox




Kommentar:

Kommentarbild_Dr._Hutgrabner_Krankes_Land_Gesunde_Stadt_FG_N.jpg„Man kann nicht pauschal sagen, dass es sich am Land oder in der Stadt gesünder lebt. Ausschlaggebend ist immer die persönliche Einstellung des Einzelnen. Als Landarzt profitiert man von der geringeren Anonymität einer kleinen Gemeinde. Man kennt meist den gesamten Background eines Patienten und das erleichtert die Betreuung.“

Dr. Silvester Hutgrabner
Gemeindearzt in Eberschwang und Landärzte-Referent der Ärztekammer für OÖ




Zuletzt aktualisiert am 13. November 2020