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Österreichischer Arbeitsgesundheitsmonitor: Gesundheitsberufe belasten die Gesundheit

Österreichischer Arbeitsgesundheitsmonitor: Gesundheitsberufe belasten die GesundheitNicht nur pflegende Angehörige sondern ausgerechnet jene Berufsgruppe, die sich täglich und professionell um die Gesundheitsversorgung anderer kümmert, ist selbst gesundheitlich gefährdet. Beschäftigte in Gesundheits- und Pflegeberufen leiden häufiger unter körperlichen Beschwerden als Arbeitnehmer in anderen Berufsgruppen. Das ist das Kernergebnis der jüngsten Auswertung des „Österreichischen Arbeitsgesundheitsmonitors“. Dieses Projekt der Arbeiterkammer Oberösterreich (AKOÖ) misst kontinuierlich das subjektive Gesundheitsbefinden der Österreicher am Arbeitsplatz.

„Den Pflege- und Gesundheitsberufen muss größere Aufmerksamkeit geschenkt werden. Die Arbeitgeber in diesem Sektor haben viel mehr für die Gesundheit der Beschäftigten zu tun. Es reicht aber nicht, weitere Angebote für die Gesundheitsförderung zu machen. Wesentlich ist eine Aufstockung des Personals. Denn der Personalengpass ist eine zentrale Ursache zunehmender Belastungen“, fordert AK-Präsident Dr. Johann Kalliauer deshalb als Konsequenz der Untersuchung.

Gesundheits- und Pflegeberufen körperlich sehr belastend

Beschäftigung in Gesundheits- und Pflegeberufe ziehen häufiger körperliche Beschwerden nach sich als anderer Berufe. Besonders betroffen sind die Pflegeberufe, wobei Alten- und Behindertenbetreuer im Vergleich mit anderen Berufsgruppen zu den stärksten belasteten zählen. Zu dieser Spitzengruppe gehören weiters Kassier im Handel, Reinigungskräfte, Kinderbetreuer ohne pädagogische Ausbildung (Kindergarten-Helfer), Buchhalter, Lehrer und Polizisten.

Verspannungen führen Ranking der Beschwerden an

Die am häufigsten genannten körperlichen Beschwerden in den Gesundheitsberufen sind Muskelverspannungen, Kreuzschmerzen, Kopfschmerzen, Erschöpfung (Pflegeberufe), Schlafstörungen (Pflegeberufe) Schmerzen in den Beinen (Pflegeberufe), Nervosität, Unruhe (Pflegeberufe) und Verdauungsbeschwerden.

Pfleger psychisch hoch belastet

Neben körperlichen treten auch psychische Belastungen in den Pflegeberufen häufiger auf als in anderen Berufsgruppen. Während die Gesamtheit der unselbständig Beschäftigten beziehungsweise der Gesundheitsberufe zu 33 Prozent keine psychischen Beschwerden hat, ist dies in den Pflegeberufen nur bei 24 (Altenbetreuer) respektive 27 Prozent (Krankenpfleger) der Fall. Ärzte sind hingegen deutlich weniger belastet.

Ursachen liegen in Arbeitsbedingungen

Die stärksten Belastungen im Gesundheits- und Pflegebereich sind die dauernd hohe Verantwortung, die hohe Konzentration, der häufige Patientenkontakt, der Umgang mit Leiden und Kranken, die schwere körperliche Anstrengung, einseitige, sich häufig wiederholende und anstrengende Tätigkeiten sowie häufiges Stehen. Zeitdruck und hohe Arbeitsverdichtung sind weitere belastende Faktoren.
Besonders gravierend wirkt sich bei Pflegern und Ärzten der Zeitdruck auf das körperliche Befinden aus, im Pflegebereich kommen auch noch Belastungen durch Vorgesetzte und die starre Hierarchie hinzu.

Überdurchschnittliche Gesundheitsförderung in Pflegeberufen, aber noch immer zu wenig

Dienstgeber in den Gesundheitsberufen (vor allem öffentliche) machen ihren Mitarbeiter ungleich mehr Angebote zur Gesundheitsförderung als die Gesamtheit der Betriebe. Dennoch klagen die Beschäftigten im Gesundheitssektor mehr über körperliche und psychische Beschwerden als Arbeitnehmer in anderen Bereichen.

Forderung: Arbeitsbedingungen und Personalengpass verbessern

AK-Präsident Kalliauer sieht besonders im bestehenden Personalengpass den Grund für die deutlich höheren Belastungen dieser Berufsgruppe: „Die Ergebnisse des Arbeitsgesundheitsmonitors sprechen eine deutliche Sprache: Es reicht nicht, nur Gesundheitsförderungsangebote zu machen, sondern es müssen die Arbeitsbedingungen drastisch verbessert werden. Und wesentlich dabei ist die Beseitigung des Personalengpasses als zentraler Ursache zunehmender Belastungen. Es darf nicht sein, dass ausgerechnet Arbeitnehmer, die sich um die Gesundheit anderer kümmern, höheren Gesundheitsrisiken ausgesetzt sind.“

Der Österreichische Arbeitsgesundheitsmonitor

Der Österreichische Arbeitsgesundheitsmonitor ist eine umfassende Erhebung der subjektiven gesundheitlichen Befindlichkeit von Arbeitnehmern. Erhoben werden neben klassischen Beeinträchtigungen und psychosomatischen Beschwerdebildern (Herz-Kreislauf-Probleme, Schlafstörungen, Konzentrationsstörungen, Verdauungsbeschwerden, Kopfschmerzen, Beschwerden im Bewegungs- und Stützapparat etc.) auch psychische Beeinträchtigungen (Gereiztheit, Depressivität, Nicht-Abschalten-Können, Motivationsverlust, Resignation etc.). Aber auch positive Indikatoren der Gesundheit (Persönlichkeitsentwicklung, Selbstwirksamkeit, Wohlbefinden, Leistungsfähigkeit, Sinnwahrnehmung im Leben etc.) finden Eingang in den Arbeitsgesundheitsmonitor.

Entwickelt wurde der Arbeitsgesundheitsmonitor nach ausgedehnten Feldstudien in den Jahren 2006 und 2007 unter Mitwirkung des Arbeitsmedizinischen Dienstes Linz. Er ist repräsentativ für alle unselbständig Beschäftigten in Österreich, so die AK. Alle Daten des Arbeitsgesundheitsmonitors sind mit den Daten des Österreichischen Arbeitsklima Index verknüpfbar. Der Österreichische Arbeitsgesundheitsmonitor wird einmal jährlich veröffentlicht.

Die Erhebungsmethode

Der Österreichische Arbeitsgesundheitsmonitor basiert auf face-to-face-Interviews im Rahmen der IFES-Mehrthemenumfrage. Das Sample beträgt 4.000 Interviews jährlich (1.000 Interviews je Quartal). Die Grundgesamtheit bilden unselbstständig Beschäftigte ab 15 Jahren in Österreich. Methode der Stichprobenziehung: Mehrfach geschichtete Zufallsstichprobe.

Mag. Christian Boukal
Dezember 2011



Foto: Bilderbox

Zuletzt aktualisiert am 11. Mai 2020