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Migration und Gesundheit

Migration und GesundheitMigration kann Auswirkungen auf die Gesundheit haben. So stellt nicht nur die Sprachbarriere im Zielland ein Problem dar, auch kulturelle oder religiöse Unterschiede können den Zugang zum Gesundheitswesen erschweren. Wie man diese Schwierigkeiten am besten überwindet, erklärt Mag. Sandra Gerö vom Berufsverband Österreichischer PsychologInnen.

Die Gesundheit von Menschen wird nicht nur von der persönlichen Lebensweise, sondern auch von der Kultur und der materiellen und sozialen Lage beeinflusst. Insofern kann sich die Veränderung der Lebensbedingungen durch Migration auf die Gesundheit auswirken. Denn für Menschen aus sozial benachteiligten Schichten kann es schwieriger sein, ihre Gesundheit zu erhalten und Krankheiten zu vermeiden. Zudem können sich migrationsbedingte Belastungen wie Trennungen der Familie oder Erfahrungen von Gewalt oder Missbrauch negativ auf die Gesundheit auswirken. „Gesundheit hat verschiedene Aspekte und kann beeinträchtigt sein durch Krankheiten, Pflegebedürftigkeit oder Behinderungen. Hier zeigen sich in manchen Bereichen bei Personen mit ausländischer Staatsbürgerschaft hauptsächlich dort Unterschiede, wo Arbeits- und Lebensbedingungen in Zusammenhang mit der Entstehung von Krankheiten oder der Versorgung stehen wie etwa eine erhöhte Arbeitsunfallrate“, erklärt Mag. Sandra Gerö, Klinische und Gesundheitspsychologin vom Berufsverband Österreichischer PsychologInnen.

Von Sprachbarrieren und kulturellen Unterschieden

Probleme bei der medizinischen Versorgung kann die Sprachbarriere verursachen. Viele Migranten haben nur eingeschränkte Deutschkenntnisse, was die Kommunikation mit Ärzten erschwert. Ausländische Staatsbürger können sich vielleicht im täglichen Leben verständigen, gesundheitsrelevante Fachbegriffe sind einigen jedoch noch fremd. Weitere Schwierigkeiten können die kulturellen oder religiösen Unterschiede darstellen. Gerö: „Die Inanspruchnahme von sozialen Diensten durch Migranten ist generell weniger häufig, nicht nur aus sprachlichen Gründen, sondern weil die Informationen über das Hilfesystem fehlen beziehungsweise auch die Angst besteht, dass die eigenen Werte und Normvorstellungen in österreichischen Institutionen nicht akzeptiert oder die eigenen Handlungsweisen und Sorgen nicht verstanden würden. Zudem erweisen sich kulturell bedingte Tabus wie zum Beispiel Homosexualität als negativer Einfluss hinsichtlich Prophylaxe, Information und frühzeitiger Behandlung von sexuell übertragbaren Krankheiten.“

Gesundheitsrisiken von Migranten

Diese Barrieren können Auswirkungen auf die Gesundheit haben, weshalb Prävention eine wichtige Rolle spielt: „Der Verlauf bestimmter Krankheiten könnte besser beeinflusst werden durch passende präventive bzw. begleitende Maßnahmen, die wiederum mit sprachlich und kulturell angemessener Information beginnen. Dies betrifft beispielsweise den Bereich der Unfallverhütung bei Kindern, die seltener Helme oder eine Schutzausrüstung benützen, oder die erhöhte Säuglings- und Müttersterblichkeit, die insbesondere bei alleinstehenden Frauen und in sozial schwierigen familiären Konstellationen vorkommen“, so die Klinische und Gesundheitspsychologin.

Der Einsatz von Schlüsselpersonen

Um Migranten den Zugang zum Gesundheitswesen zu erleichtern, eignen sich etwa mehrsprachige Gesundheitsbroschüren mit einer besseren visuellen Aufbereitung. Dabei reicht es jedoch nicht, diese nur zu übersetzen, die Informationsfolder müssen auch kulturell angepasst gestaltet werden. Auch der Einsatz von zweisprachigen Schlüsselpersonen erweist sich als hilfreich. Diese Menschen verfügen über umfangreiche Informationen aus dem kulturellen Umfeld der Migranten und sollen helfen, diese vom Nutzen gesundheitsfördernder Maßnahmen zu überzeugen und zur Teilnahme zu bewegen. Außerdem informieren die Schlüsselpersonen über die Unterschiede zwischen dem österreichischen Gesundheitssystem und jenem des Herkunftslandes, um Vorurteile abzubauen.

Professionelle Dolmetscher notwendig

Eine Selbstverständlichkeit sollten laut Gerö professionelle Dolmetscher im Gesundheitswesen sein: „Vielfach werden nach wie vor andere Familienangehörige, meistens leider Kinder, zum Dolmetschen herangezogen. Das ist insofern problematisch, als Kinder eigentlich nicht für ihre Eltern oder Großeltern Sorge tragen sollten, sondern umgekehrt. Kinder in Migrationsfamilien sind ohnehin sehr großen Belastungen durch die Vereinbarkeit verschiedener Kulturen ausgesetzt. Zum Dolmetschen eignet sich daher im besten Fall ein sprachkundiger Spitalsangestellter mit gesundheitsrelevanter Ausbildung wie ein Arzt oder Krankenpfleger.“

Kulturelle Faktoren können auch Schutz sein

Kulturelle Unterschiede können zwar das Gesundheitsrisiko erhöhen, müssen sie aber nicht. Denn: „Kulturelle Faktoren können auch ein ‚Schutz’ sein. So ist etwa Drogensucht bei Migranten seltener. Auch trinken, vor allem islamisch geprägte, Jugendliche im Durchschnitt deutlich weniger Alkohol als österreichische Jugendliche. Und Allergien kommen bei Kindern ebenso seltener vor“, stellt Gerö fest.

MMag. Birgit Koxeder

August 2011


Foto: Bilderbox

Zuletzt aktualisiert am 11. Mai 2020