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Kaliumjodid-Tabletten nach Reaktorunfall

Kaliumjodid-Tabletten nach ReaktorunfallBei einem schweren Reaktorunfall in einem Kernkraftwerk wird radioaktives Jod frei, das zu Schilddrüsenkrebs führen kann. Kaliumjodid-Tabletten gelten in diesem Fall als eine der wichtigsten Schutzmaßnahmen und sollten daher zu Hause gelagert werden.

13 Atomkraftwerke stehen in den Nachbarstaaten unmittelbar an Österreichs Grenzen. Im Fall eines schweren Unfalls in einem der Kraftwerke kann eine massive Freisetzung von radioaktivem Jod nicht ausgeschlossen werden. Bei ungünstiger Wetterlage wird dieses durch Wind und Regen binnen kurzer Zeit nach Österreich verfrachtet. Die Erfahrungen aus der Katastrophe von Tschernobyl 1986 zeigen, dass es nach einer Reaktorkatastrophe auch noch in mehreren hundert Kilometer Entfernung zu sehr hohen Schilddrüsenbelastungen durch Radiojod kommen kann.
Folge des Radiojods ist das massenhafte Auftreten von Schilddrüsenentzündungen mit Stoffwechselstörungen und ein extremer Anstieg von besonders aggressivem Schilddrüsenkrebs. Die Weltgesundheitsorganisation WHO empfiehlt daher im Falle eines Atomunfalls die rechtzeitige Einnahme von hochdosiertem stabilen Jod, möglichst vor dem Eintreffen der radioaktiven Wolke.

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Abholaktion in den Apotheken

Um die gesundheitliche Bedrohung für die heimische Bevölkerung einzudämmen, wurde vom Bundesministerium für Gesundheit gemeinsam mit der Österreichischen Apothekerkammer eine Abholaktion für Kaliumjodid-Tabletten ins Leben gerufen. Das Ziel: In allen privaten Haushalten sollen ausreichend Kaliumjodid-Tabletten vorrätig sein. Begründet wird deren Notwendigkeit damit, dass bei einem grenznahen Reaktorunfall die verseuchten Luftmassen Österreich innerhalb kürzester Zeit erreichen können. Der zu erwartende massive Ansturm auf die Apotheken wäre organisatorisch kaum zu bewältigen, vor allem in der Nacht oder am Wochenende, wenn nur ein Bruchteil der Apotheken geöffnet ist.

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Gratis-Aktion

Kaliumjodid-Tabletten zur Bevorratung sind in allen Apotheken erhältlich. Aktuell sind die Tabletten für Kinder und Jugendliche (bis 18 Jahre) sowie Schwangere und Stillende in allen österreichischen Apotheken zur Bevorratung im Haushalt gratis erhältlich. Personen zwischen 18 und 40 Jahren erhalten die Packung um 2,75 Euro. Für Erwachsene über 40 Jahre wird die Einnahme nicht empfohlen, da ihr strahlenbedingtes Krebsrisiko vergleichsweise niedrig, das Risiko von schweren Nebenwirkungen aber deutlich höher als bei jüngeren Patienten ist.
„Ein Informationsblatt, das von den Lehrern an die Schüler ausgehändigt wurde, klärt Eltern über die Gratisaktion auf. Der beiliegende Gutschein für eine Packung Kaliumjodid-Tabletten, kann in der jeder beliebigen Apotheke eingelöst werden.”, erklärt Mag. Max Wellan, Präsident der Österreichischen Apothekerkammer. Auch ohne Gutschein sind die Tabletten für Kinder und Jugendliche, Schwangere und Stillende kostenlos erhältlich. Die Abgabe erfolgt unbürokratisch, es ist kein Dokument oder Rezept vorzulegen.

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So wirkt Kaliumjodid

Bei einem Kernreaktorunfall kann radioaktives Jod freigesetzt werden. Es gelangt nicht nur über die Nahrung, sondern auch über die Atmung in den menschlichen Organismus. Radioaktives Jod wird in der Schilddrüse eingelagert und wirkt stark belastend. Kaliumjodid-Tabletten können diesen Vorgang verhindern. Sie lösen eine Art Jod-Blockade aus. Indem sie die Schilddrüse vorübergehend mit nichtradioaktiven Jod sättigen, wird eingeatmetes radioaktives Jod von der Schilddrüse wegen ihrer begrenzten Aufnahmefähigkeit nicht mehr oder kaum mehr aufgenommen bzw. gespeichert, sondern vom Körper ausgeschieden. Auf diese Weise können hohe Strahlendosen für die Schilddrüse vermieden werden und das Risiko, einen strahlenbedingten Schilddrüsenkrebs zu erleiden, sinkt gegen Null.

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Zeitpunkt der Tabletteneinnahme

Damit das Kaliumjodid seine schützende Wirkung entfalten kann, kommt es auf den richtigen Einnahmezeitpunkt an. Die Schutzwirkung der Tabletten ist am größten, wenn sie kurz vor dem Eintreffen der radioaktiven Wolke eingenommen werden. Eine verspätete Einnahme senkt die Wirksamkeit stark ab. Je mehr Zeit verrinnt, desto wirkungsloser werden die Tabletten.
Während durch eine Tabletteneinnahme in den ersten Stunden nach Aufnahme des Radiojods zwar noch eine Reduktion der Speicherung erreicht wird, hat eine Tabletteneinnahme acht bis zehn Stunden nach abgeschlossener Resorption keinen wesentlichen Einfluss mehr auf die Speicherung und damit auf die Strahlenbelastung der Schilddrüse. Fazit: Schon einige Stunden nachdem radioaktiv kontaminierte Luft durch Österreich gezogen ist, wird eine Einnahme wirkungslos.

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Tabletteneinnahme nur nach Aufforderung durch Behörden

Die Bevorratung der Tabletten in der Hausapotheke ist ausschließlich eine Vorsorgemaßnahme für den Notfall. „Sie dürfen nur dann eingenommen werden, wenn die Gesundheitsbehörden via Radio oder Fernsehen dazu aufrufen“, erklärt Wellan.

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Verfügbarkeit entscheidend

Um im Ernstfall die Tabletten zum richtigen Zeitpunkt einnehmen zu können, ist deren rasche Verfügbarkeit Voraussetzung. Zieht eine radioaktive Wolke während der Schulstunden durchs Land, haben die Kinder die Möglichkeit, in den Schulen und Kindergärten Tabletten einzunehmen, da in Österreich eine Tagesdosis Kaliumjodid-Tabletten zur Standardausrüstung gehört und vorrätig gehalten wird. Darüber hinaus sollten diese Tabletten für alle Kinder und Jugendlichen unter 18 Jahren auch zu Hause in der Hausapotheke gelagert werden, da diese Personengruppen besonders gefährdet sind an strahlenbedingtem Schilddrüsenkrebs zu erkranken.

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Dosierung

Die empfohlene Dosierung ist nach dem Alter gestaffelt und auf der Packungsbeilage ersichtlich. Über Radio, Fernsehen und andere Medien wird im Anlassfall bekannt gegeben, wie viele Tage die Kaliumjodid-Tabletten eingenommen werden sollen.
Achtung: Jodtabletten zur Kropfprophylaxe sind kein Ersatz für Kaliumjodid-Tabletten, sie bieten für diesen Zweck (Jod-Blockade bei Reaktorunfall) keinen Schutz. Auch die Speisesalz-Jodierung bietet nur einen gewissen Grundschutz, reicht aber für eine Jod-Blockade der Schilddrüse nicht aus.
Einnahme: Die Tabletten im Ganzen schlucken oder zuvor in etwas Flüssigkeit auflösen. Kinder im ersten Lebensmonat, Schwangere und Stillende sollten einige Tage nach der Einnahme beim Arzt eine Kontrolle machen lassen.

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Lagerung

Die Tabletten sollten in der Packung verschlossen und vor Licht und Feuchtigkeit geschützt und bei Raumtemperatur aufbewahrt werden. Am Besten werden sie in der Hausapotheke gelagert, um sie im Bedarfsfall rasch zur Hand zu haben. Im Jahr 2013 ausgegebene Tabletten sind bis August 2021 haltbar.

Dr. Thomas Hartl
Feburar 2013


Foto: Bilderbox

Zuletzt aktualisiert am 11. Mai 2020