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Spielsucht: Kontrollverlust

Spielsucht: KontrollverlustVom Nervenkitzel zur Spielsucht. Wenn Menschen in die Spielsucht schlittern, wollen sie Bedürfnisse stillen und Defizite füllen. Frust und Einsamkeit sind Türöffner der Spielsucht, die aber erst recht einsam macht. Suchtexperten unterscheiden zwischen der Sucht nach Online-Computerrollenspielen und dem Glücksspiel, bei dem es um nichts anderes geht als um Geld.

Die nicht stoffgebundene Spielsucht ist eine Suchterkrankung genau wie Drogenabhängigkeit. Teil jeder Suchterkrankung ist der Kontrollverlust. Man nimmt sich zwar vor, nur ein paar Minuten am Computer zu verbringen, nur eine bestimmte, geringe Summe aufs Spiel zu setzen – und dann werden doch immer wieder viele Stunden bis zur Erschöpfung am Bildschirm zugebracht, dann wird verspielt, bis der Bankomat nichts mehr hergibt…

Ein weiteres Suchtmerkmal ist, dass der Suchtkranke durchaus im vollen Bewusstsein handelt, sich selbst und anderen enorm zu schaden. Der Glücksspielsüchtige zockt weiter – wohl wissend, dass er die Miete nicht mehr zahlen kann. Der Onlinespielsüchtige opfert seinen Schlaf und setzt durch den massiven Leistungsabfall seinen Arbeitsplatz oder seine schulische Laufbahn aufs Spiel. Spielsucht hat gar nichts mit Intelligenz oder Willenskraft zu tun. Die derzeit gültige Version der WHO-Krankheitsdefinitionen stuft die Spielsucht noch als abnorme Gewohnheit ein. Nach aktueller wissenschaftlicher Erkenntnis ist sie aber zweifellos eine Suchtkrankheit, betont Dr. Kurosch Yazdi, Leiter der Psychiatrie 5 am Zentrum für Suchtmedizin an der Landesnervenklinik Wagner-Jauregg in Linz.

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Krankhafter Spielzwang

1,1 Prozent der erwachsenen Österreicher haben ein Glücksspielproblem – davon stehen zwei Drittel unter krankhaftem Spielzwang, egal ob mit Rubbellos, am Roulettetisch, am Glücksspielautomaten, bei Sportwetten oder beim Pokerspiel. Nicht jeder Traum vom schnellen Geld ist schon Sucht – entscheidend sind Ausmaß und Häufigkeit des Spiels. Primarius Kurosch Yazdi: „Wer beim kleinen Glücksspiel, den früheren einarmigen Banditen, im Minutentakt Münzen einwirft, der ist wegen der hohen Ereignisfrequenz viel stärker gefährdet als ein regelmäßig spielender Lottoteilnehmer.“ Auch Online-Glücksspiele bergen ein hohes Suchtpotenzial, erst recht, wenn auf mehreren Portalen gleichzeitig in kurzen Intervallen Spielzüge erfolgen können. Hebel und Tasten wecken das trügerische Gefühl, den Spielverlauf beeinflussen zu können. Geräusche, Licht- und Farbeffekte steigern ebenfalls die Suchtgefahr, weil diese gewohnten Reize für den Spieler untrennbar mit Spiellust verbunden sind – allein das Geräusch eines Spielautomaten kann das Spielverlangen auslösen.

Wie jede Suchterkrankung geht auch die Spielsucht mit einer Dosissteigerung einher. Immer mehr vereinnahmt die Spielsucht die Gedankenwelt, wird Spielen zum Lebensmittelpunkt; Familie, Beruf und Freundschaften geraten ins Abseits. Wer ständig in Wettcafés oder vor dem Bildschirm hockt, findet dort zwar neue Scheinbeziehungen, verliert aber stabile persönliche Kontakte. Der gesamte Alltag ist auf die Spielsucht konzentriert. Auf Spielentzug reagiert der Spielabhängige gereizt, nervös, manchmal sogar aggressiv. Nicht selten geht Spielsucht auch mit psychischen Störungen wie Depressionen oder Angsterkrankungen einher. Die Existenzbedrohung durch die oft horrende Verschuldung hat tragische Folgen, die immer wieder auch in Beschaffungskriminalität und Selbstmord münden.

Sich vorzugaukeln, ohnehin jederzeit aufhören zu können, die Sucht zu bagatellisieren – auch das ist Teil des Selbstbetrugs. Den Spielsüchtigen zum Gang in die Suchtberatung zu motivieren, ist eine schwierige Herausforderung, weiß Kurosch Yazdi. Viele kommen nicht aus eigener Überzeugung, sondern erst auf behördliche Weisung oder weil der Partner vehement mit Trennung droht.

Den Betroffenen wird ihr Suchtverhalten oft erst sehr spät unleugbar bewusst – Angehörige, Freunde und Kollegen sind schon viel früher durch das unmäßige Spielverhalten mit seinen fatalen Konsequenzen alarmiert. Prinzipiell ist ein erwachsener Spielsüchtiger zwar in erster Linie selber dafür verantwortlich, diese Lebenskrise zu bewältigen. Das Umfeld kann und soll aber den Suchtkranken auf dem Weg aus der Sucht unterstützen, wenn notwendig mit energischem Druck, aber immer wohlwollend und wertschätzend. Das heißt, das Problem auch zum Missfallen des Spielsüchtigen unermüdlich immer wieder anzusprechen, es nicht zu tabuisieren und eine gemeinsame Suche nach professioneller therapeutischer Hilfe anzubieten. Spielsüchtige fühlen sich subjektiv oft einsam – die Bereitschaft, den Suchtkranken in die Suchtberatungsstelle zu begleiten, ist ein wichtiges positives Beziehungsangebot.

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„Zusammenreißen“ geht nicht

Auch Angehörige sollten Beratungen annehmen, um ihre eigene Verstrickung zu verstehen. Sinnlos ist, dem Spielsüchtigen zu raten, er solle sich „zusammenreißen“. Wer gekränkt wird, sucht nur erst recht wieder den kurzen Glücksmoment des Spiels. Oft wird eine Schuldnerberatung notwendig sein – auch das ist Teil der Therapieangebote. Niemals darf die Glücksspielsucht gefördert werden, etwa durch auch nur leihweise Geldzuwendungen auf die Hand. Nur lebenswichtige Bedürfnisse dürfen mit Geldgaben gedeckt werden, etwa durch eine direkte Mietzahlung, warnt Dr. Yazdi.

Die Hauptrolle in der Spielsuchtbehandlung spielt die ambulante Psychotherapie. Medikamente, wie sie auch in der Alkoholtherapie Verwendung finden, können sie bestenfalls ergänzen und werden nur in extrem ausgeprägten Fällen eingesetzt. Ziel soll sein, die Mechanismen des Abgleitens in die Suchtkarriere verstehen zu lernen, suchtfördernde Faktoren zu erkennen und die Lebensweise entsprechend zu verändern. Und es gilt, Strategien zu finden, um einen Rückfall zu verhindern oder durch rasch in Anspruch genommene Hilfe gut zu meistern. Die in der Spielsuchtbehandlung weltweit übliche und bewährte Gruppentherapie über Wochen und Monate eröffnet den Teilnehmern die Chance, voneinander zu lernen, und ist zudem kosteneffektiv. Danach können auch in Einzelgesprächen verbliebene individuelle Bedürfnisse bearbeitet werden. Kurosch Yazdi: „Entscheidend ist nicht, wie schnell der Süchtige abstinent wird, sondern, wie lange er es bleibt.“ Zu glauben, man könne nach der Therapie wieder kontrolliert spielen, ist eine Illusion – die Sucht hat ein Langzeitgedächtnis.

Klaus Stecher
Juli 2013


Foto: mauritius, shutterstock, privat

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Suchtgedächtnis

Spielsucht: KontrollverlustAuch bei der Spielsucht ist das so genannte Belohnungszentrum beteiligt. Diese Gehirnareale reagieren auf ein plötzliches positives Ereignis mit der Ausschüttung von Glücksbotenstoffen. Das Belohnungszentrum merkt sich dieses Lustgefühl und verlangt nach mehr. So entsteht ein Suchtgedächtnis, das in der Erwartung weiterer Belohnungsreize zum Handeln antreibt. Für den Glücksspieler zählt dann nicht mehr der Gewinn – er wird süchtig nach dem Münzeinwurf.

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Buchtipp:

Junkies wie wir – Spielen. Shoppen. Internet. Was uns und unsere Kinder süchtig macht. Kurosch Yazdi, 203 Seiten, 19,95 €
Erschienen bei edition a

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Kommentar

Spielsucht: Kontrollverlust„Die Verfügbarkeit der Droge macht die Sucht – auch beim Glücksspiel. Je mehr Werbeeinschränkungen und Kontrollen der Altersgrenzen, desto weniger Spielsüchtige. Dass Wetten als Geschicklichkeitssport gilt, ist eine völlig absurde rechtliche Situation.“
Dr. Kurosch Yazdi
Leiter des Zentrums für Suchtmedizin, Landesnervenklinik Wagner-Jauregg, Linz

Zuletzt aktualisiert am 11. Mai 2020