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Glücksspielsucht: Rien ne va plus

GlücksspielsuchtWer kennt nicht das Kribbeln im Bauch, das sich beim gelegentlichen Besuch eines Casinos einstellt? Für rund ein Prozent der Österreicher wurde aus dem Spiel bitterer Ernst: Sie sind glücksspielsüchtig. Was es für Betroffene heißt, vom unkontrollierbaren Spieldrang abhängig zu sein, erklärt Dr. Bernhard Lindenbauer, Facharzt für Psychiatrie an der Landes-Nervenklinik Wagner-Jauregg in Linz.

Spielsüchtig ist, wer eine Abhängigkeit zum Glücksspiel entwickelt. Kennzeichnend dafür ist, dass sich die Gedanken nur noch ums Spiel drehen und der Drang zu spielen, nicht mehr kontrolliert werden kann. Viele Betroffene verheimlichen vor Verwandten oder Freunden mögliche Verluste und versuchen diese, mit einem weiteren Casinobesuch oder einer zusätzlichen Sportwette auszugleichen. Wird das Spielen letztlich das Wichtigste im Leben, kann dies dramatische Auswirkungen auf das private, berufliche und finanzielle Leben haben. Dr. Bernhard Lindenbauer, Oberarzt in der Psychiatrie an der Landes-Nervenklinik Wagner-Jauregg, erklärt: „Familie, Beruf und soziale Interessen treten immer weiter zurück. Es kommt zu einem Kommunikationsabbruch und schließlich zur sozialen Isolierung.“

Merkmale der Glücksspielsucht

Der Begriff „Glücksspiel“ ist weit gefasst und beinhaltet sowohl klassische Casinobesuche, wie auch Sport- oder Tierwetten sowie Rubbellose und Lotto. Auch Spielmöglichkeiten im Internet und Börsenspekulationen zählen zum Glücksspiel. Kennzeichnend ist, dass das Spiel mit Geldeinsatz verbunden ist. Spielsucht wird in der Wissenschaft als „pathologisches Spielen“ oder „Glücksspielsucht“ bezeichnet. Es handelt sich dabei um eine stoffungebundene Sucht. „Man schätzt, dass etwa ein Prozent der Österreicher glücksspielabhängig sind. Ungefähr doppelt so viele sind problematische Spieler“, so Lindenbauer. Durchschnittlich hat ein Spielsüchtiger Schulden in der Höhe von über 50.000 Euro.
Zusammenfassend lassen sich folgende Charakteristika der Glücksspielsucht festmachen:

  • Die Gedanken kreisen ständig ums Spielen – der Alltag der Betroffenen wird der Sucht untergeordnet.
  • Betroffenen ist es unmöglich, den Spieldrang zu kontrollieren. „Sie zeigen häufig ein rituelles Verhalten vor und während des Spiels. Durch ‚magisches Denken’ versuchen sie, eine Glückssträhne einzuleiten“, so der Facharzt für Psychiatrie.
  • Das Spielen dient dazu, anderen Problemen auszuweichen. „Spielen wird zum zentralen Lebensinhalt. Betroffene spielen trotz ökonomischer Schwierigkeiten“, erklärt Lindenbauer.
  • Familienangehörige oder Freunde werden belogen; die Spielsucht wird verheimlicht beziehungsweise das Ausmaß verharmlost.
  • Private oder berufliche Beziehungen werden durch die Sucht gefährdet.
  • Nicht selten werden Betroffene zur Beschaffung von Geld oder zur Deckung der Schulden durch Diebstahl oder Betrug straffällig.

Vom Kick zur Abhängigkeit

Typisch für die Glücksspielsucht ist der harmlose Anfang. Betroffene spürten bei anfänglichen Casinobesuchen zunächst lediglich einen „Kick“. Das Spiel war eine Art der Freizeitbeschäftigung unter Freunden und diente dem Zeitvertreib, die finanziellen Verluste waren gering. Mit der Zeit entstand ein Gewöhnungseffekt: Das Spielen diente zum Abschalten oder zur Verdrängung negativer Emotionen, die Spielhäufigkeit und die Einsätze stiegen. Schließlich entstand eine Abhängigkeit mit unkontrolliertem Spielverhalten, Verschuldung und Geldbeschaffungsdruck.

Erklärungsmodelle

Es gibt unterschiedliche Auffassungen darüber, warum man eine Glücksspielsucht entwickelt. Man geht davon aus, dass sowohl genetisch-familiäre Anfälligkeiten, als auch psychische Verletzungen in Form von traumatischen Erlebnissen eine Rolle spielen können. „Viele Glücksspielsüchtige versuchen, ihre Probleme wie die innere Leere, Ängste, Langeweile oder Frustration durch das Spielen zu kompensieren“, so der Oberarzt. Auch Lernprozesse oder Vorbildverhalten sowie die Werbung werden als Ursache diskutiert.

Zusätzliche Abhängigkeiten

Wie belastend die Glücksspielsucht erlebt wird, zeigt die hohe Anzahl von suizidgefährdeten Süchtigen, die professionelle Hilfe aufsuchen. „Bei Glücksspielabhängigen finden sich gehäuft psychiatrische Zusatzdiagnosen wie Persönlichkeitsstörungen, Depressionen, Dysthymie (chronisch depressive Verstimmung; Anm. d. Verf.) oder eben Suizidversuche. Auch zusätzliche Abhängigkeiten wie eine Alkohol- oder Medikamentensucht können auftreten“, so Lindenbauer.

Hilfe aus dem Teufelskreis: Therapie

Die Behandlung erfolgt in erster Linie durch psychotherapeutische Maßnahmen. In seltenen Fällen werden Medikamente eingesetzt. Die Psychotherapie hilft nicht nur, das Suchtverhalten zu erkennen, sondern ebnet Wege aus dem Teufelskreis von Spieldrang, emotionaler Leere, Spielverhalten und Schuldgefühlen. Gleichzeitig werden mit dem Therapeuten Strategien entwickelt, die einem Rückfall entgegen wirken. Dies können Stress- oder Konfliktmanagement sowie das Aufzeigen von Möglichkeiten alternativer Freizeitgestaltung und die Entwicklung neuer Interessen sein. In vielen Fällen macht zusätzlich eine Schuldenberatung oder eine Therapie der Angehörigen Sinn. Lindenbauer: „Der Anschluss an Selbsthilfegruppen wie die Anonymen Spielsüchtigen stellt für Glücksspielabhängige eine weitere sinnvolle Maßnahme dar.“

Nähere Informationen zur Glücksspielsucht bieten folgende Internetseiten:
www.spielsuchthilfe.at
www.game-over.at
www.beratungsstellen.at

MMag. Birgit Koxeder
April 2010


Foto: Bilderbox

Zuletzt aktualisiert am 11. Mai 2020