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Der Angst ins Gesicht blicken

Der Angst ins Gesicht blickenEine Panikattacke ist eine einschneidende Erfahrung. Eine einmal erlebte Todesangst oder die Angst verrückt zu werden, verändert das Leben der Betroffenen. Die Angst vor weiteren Anfällen wird zum ständigen Begleiter.

Aus Angst vor weiteren Panikattacken versuchen die Betroffenen diese zu vermeiden oder zu unterdrücken. Durch dieses Vermeidungsverhalten nimmt die Anspannung und Angst aber erst recht zu. Diese Angst vor den Anfällen trägt dazu bei, dass diese tatsächlich auch herbeigeführt werden. Verkürzt gesagt: Die Angst vor der Panikattacke führt zur Panikattacke.


Verhaltenstherapie

Als probates Mittel diesen Kreislauf zu durchbrechen, hat sich die Verhaltenstherapie erwiesen. Die Patienten lernen dabei schrittweise, sich den angstauslösenden Situationen zu stellen. Das Ziel einer Therapie kann allerdings nicht sein, die Angst völlig zu eliminieren. Ziel ist es vielmehr zu lernen, mit dieser Angst umzugehen. Gelingt dies, lassen sich auch die Anfälle meist vermeiden.

Auge in Auge mit der Angst

Auch wenn ein erlittener Anfall noch so sehr als große Bedrohung empfunden wurde, sollten Betroffene möglichen Panikattacken nicht aus dem Weg gehen, sondern sich ihnen stellen. Der Schlüssel zur Bewältigung von Panikattacken besteht darin, der Angst ins Auge zu sehen. Schritt für Schritt gilt es zu lernen, in Gedanken und Verhalten auf Vermeidungsstrategien zu verzichten. Denn durch jede Vermeidungsreaktion bestätigt man sich ansonsten immer wieder aufs Neue, dass die Panikattacken doch gefährlich sein könnten. „Laufen Sie vor Ihren körperlichen Empfindungen nicht davon, sondern bleiben Sie ganz bei sich selbst, ganz im Hier und Jetzt.“, sagt der Linzer Psychotherapeut und Angstexperte Dr. Hans Morschitzky.

Die Panikattacke zulassen

Wenn eine Panikattacke im Anzug ist, sollte man versuchen, diese ohne Gegenwehr zuzulassen und die Rolle des passiven Beobachters einnehmen: Registrieren Sie ohne Widerstand die körperlichen Vorgänge („Mein Herz schlägt jetzt stärker“; „Schwindel und Übelkeit halten an“) und schweifen Sie nicht in Angst machende Zukunftsphantasien aus. Bleiben Sie bei sich und in der Gegenwart – das alleine führt bereits zu einer Erleichterung. Halten Sie sich immer vor Augen: Alles, was gerade geschieht, können Sie ertragen, auch wenn es unangenehm sein sollte. Es besteht keine Lebensgefahr und keine Gefahr, verrückt zu werden.

Man sollte das Auftreten der Symptome also nicht verhindern. Im Rahmen einer Verhaltenstherapie werden unter kontrollierten Bedingungen die Symptome einer Panikattacke sogar absichtlich provoziert, um damit besser umgehen zu lernen.

Den Angstkreislauf unterbrechen

Der Kreis der Angst lässt sich auf zweifache Weise unterbrechen:

1. Stellen Sie sich eine Panikattacke so lebendig vor, dass diese zumindest in Ansätzen tatsächlich auftritt. Nehmen sie die Symptome ohne Gegenwehr hin. Nach ein paar Minuten wird wieder Ruhe einkehren. Die innere Bereitschaft einer Attacke ohne mentale Vermeidungsstrategien zu begegnen wird das Aufschaukeln der Symptomatik mit der Zeit immer mehr abschwächen.

2. Überwinden Sie sich und stellen Sie sich allen Situationen, die Ihnen geeignet erscheinen, eine Panikattacke auszulösen. Suchen Sie unter Verzicht auf Fluchtreaktionen jene Orte auf, an denen Sie einen Angstanfall erleben könnten. Sie werden die Erfahrung machen, dass die Angst nicht ewig andauert und nicht zur Katastrophe führt, sondern mit der Zeit ganz von allein nachlässt.

Denkmuster ändern

Ihre Panik wird umso geringer, je mehr Sie Ihre Angst vor einer Panikattacke verlieren. Machen Sie sich bewusst: Sie können durch einen Angstanfall

  • keinen Herzinfarkt bekommen
  • nicht ohnmächtig werden
  • nicht umfallen
  • nicht ersticken
  • nicht verrückt werden
  • Ihre Übelkeit beherrschen

Tipps für Betroffene

So lässt sich die Paniksymptomatik in den Griff bekommen:

  • Lassen Sie sich körperlich untersuchen. Jedoch nur einmal gründlich und nicht ständig. Es wird Sie beruhigen zu wissen, dass Sie trotz der Heftigkeit der Paniksymptome körperlich gesund sind. Akzeptieren Sie jedoch, dass Sie sich dennoch bei der nächsten Panikattacke wieder existenziell bedroht fühlen werden, denn sonst wäre es keine echte Panikattacke.
  • Bewegen Sie sich. Bleiben Sie bei einer akuten Panikattacke nicht ruhig, sondern bewegen Sie sich. Stresshormone werden durch Bewegung rascher abgebaut als durch Ausruhen. Bei niedrigem Blutdruck führt Bewegung zudem rasch zu einem Blutdruckanstieg und verhindert eine Ohnmacht, die viele Panikpatienten fürchten.
  • Langsam atmen. Atmen Sie bewusst langsam ein und aus, um keine Hyperventilation zu erzeugen.
  • Präsent bleiben. Bleiben Sie bei einer Panikattacke im Hier und Jetzt, ohne negative Erwartungen. Steigern Sie sich nicht in irreale Katastrophenphantasien hinein. Sprechen Sie mit sich selbst, indem Sie kommentieren, was Sie jetzt spüren. Sagen Sie sich wiederholt, dass Sie alle Zustände ertragen können und auch schon wiederholt ausgehalten haben.
  • Ablenken. Wenn Sie eine Panikattacke kommen spüren, können Sie sich auf Tätigkeiten konzentrieren, die Sie gerne ausführen oder erledigen müssen, zum Beispiel Hausarbeiten, Gartenarbeit, Beschäftigung mit einem Haustier, ...
  • Zulassen. Lassen Sie die Panikattacke ohne Widerstand zu und vorbeigehen. Verzichten Sie auf jeden direkten Kampf gegen die Paniksymptome, denn das würde nur Ihre Anspannung erhöhen.
  • Beruhigungsmittel. Nehmen Sie trotz Angst möglichst wenig Beruhigungsmittel.
  • Leben und Tod. Wenn Ihre Panikattacken mit Todesangst gekoppelt sind, sollten Sie sich der Endlichkeit Ihres Lebens stellen und besser damit umgehen lernen. Was bedeutet der Tod für Sie? Warum dürfen Sie jetzt noch nicht sterben? Welche Mission müssen Sie noch erfüllen?

Dr. Thomas Hartl
März 2008

Foto: Bilderbox


Kommentar Dr. Hans Morschitzky:

„Panikattacken weisen oft auf zentrale Probleme des Lebens hin. Die Angst vor Panikattacken lenkt oft von anderen Ängsten und Problemen ab, die es zu lösen gilt.“

Zuletzt aktualisiert am 13. November 2020