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Dicke Kinder leiden

Dicke Kinder leidenVeränderte Essgewohnheiten und zu wenig Bewegung. Was bei kleinen Kindern häufig als Babyspeck verniedlicht wird, lässt die Übergewichts-Alarmglocken in den Volksschulen klingeln. Jedes fünfte Kind leidet bereits an krankhaftem Übergewicht. Dabei haben es dicke Kinder schwer. Neben dem seelischen Kummer, den ihnen der Speck bereitet, sind sie auch gesundheitlich ziemlich gefährdet.

 

Tim ist acht Jahre alt und isst am liebsten Pommes, Wiener Schnitzel, Eis und Schokolade. Bei den Lieblingsgetränken stehen Cola und Eistee ganz oben auf der Liste. Das ist an sich nichts Außergewöhnliches. Aber Tim ist schwer übergewichtig, er bringt mit seinen acht Jahren bei einer Größe von 1,23 Metern 52 Kilo auf die Waage. Tim ist keine Ausnahme: Die Zahl der dicken Kinder nimmt nämlich in Industrieländern geradezu explosionsartig zu. Jedes fünfte Kind in Österreich ist aktuellen Studien zufolge bereits krankhaft übergewichtig – und ab dem zehnten Lebensjahr steigt das Risiko für Adipositas (Fettleibigkeit) stark an.

 

Die Kilos kontrollieren

Übergewicht ist eine übermäßige Ansammlung von Fettgewebe im Körper und entsteht bei einem Ungleichgewicht von Energiezufuhr und Energieverbrauch, also zu wenig Bewegung und zu viel Essen. Es gibt altersbezogene Richtlinien, die angeben, welche Werte für Größe und Gewicht in welchem Alter normal sind. Es ist sinnvoll, wenn Eltern den sogenannten Body-Mass-Index (BMI) ihrer Kinder ausrechnen, um so zu erfahren, ob das Gewicht des Nachwuchses besorgniserregend ist. Der BMI errechnet sich aus dem Körpergewicht in Kilogramm, dividiert durch das Quadrat der Körpergröße in Metern. Als altersabhängige Grenze zwischen Normal- und Übergewicht gelten folgende Richtlinien:

 

Alter      7         8          9          10

BMI      18      18        19          20

Bei Werten, die weit darüber liegen, sollten bei Eltern die Alarmglocken schrillen und professionelle Hilfe in Anspruch genommen werden.

 

Übergewichtige Kinder haben es schwer im Leben. Ihre Lebensqualität wird nicht nur durch Unbeweglichkeit und Lustlosigkeit stark eingeschränkt, sondern vor allem durch ihre soziale Außenseiterstellung. Der Spott der Umwelt, Hänseleien der Klassenkameraden oder Frust beim Shoppen sind ein Teufelskreis, der in vielen Fällen zu einem Mangel an Sozialkontakten, Einsamkeit und Hilflosigkeit führen kann – mit der Folge, dass der Kummerspeck anwächst. Mindestens so gefährlich wie das seelische Leid sind aber die Gesundheitsfolgen, die dicken Kindern drohen. Aus kleinen Wonneproppen mit niedlich viel Babyspeck werden in 60 bis 80 Prozent der Fälle übergewichtige Jugendliche und dicke Erwachsene. Die überzähligen Kilos sind von Beginn an eine Belastung für die Gelenke. Erkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems sowie Stoffwechselstörungen wie erhöhte Blutzucker-, Cholesterin- und Harnsäurewerte können auftreten. Außerdem nimmt die Reaktionsfähigkeit ab und das Verletzungsrisiko steigt.

 

Die Ursachen dafür, dass immer mehr Kinder an krankhaftem Übergewicht leiden, sind vielfältig. Sie reichen von psychischen und gesellschaftlichen Faktoren bis hin zu genetischer Veranlagung. „Ein wesentlicher Punkt sind die geänderten Essgewohnheiten, die sich in reduzierter Aufnahme von Obst und Gemüse und einer Tendenz hin zu Fast Food bemerkbar machen. Zudem hat natürlich die körperliche Aktivität generell abgenommen, wodurch viele Kinder ein verändertes Körpergefühl entwickeln. Üblicherweise wirken mehrere Faktoren zusammen“, so der Wiener Kinder- und Jugendfacharzt Dr. Peter Voitl, der sich seit Jahren intensiv mit dem Thema Übergewicht bei Kindern beschäftigt. „Belastungssituationen, Einsamkeit, Sich- ungeliebt-Fühlen und Langeweile können bei Kindern dazu führen, dass die Nahrungszufuhr als Ersatzbefriedigung angenommen wird“, weiß der Experte.

 

Positive Vorbilder

Um den überzähligen Kilos rechtzeitig den Kampf ansagen zu können, hält es Voitl für wichtig, das Übergewicht zu thematisieren und gemeinsame Strategien zu entwickeln, wenn nötig auch mit Unterstützung einer Diätassistentin oder psychologischer Beratung. Eltern sollten als positive Vorbilder vorangehen und neben der gemeinsamen Ernährungsplanung zu körperlicher Bewegung anregen und die Freude an der Bewegung fördern. Es hat wenig Sinn, ein übergewichtiges Kind zum Abnehmen zu drängen oder in ein Diät-Camp zu schicken: Der Kampf gegen die Kilos ist Familiensache!

 

Mag. Kornelia Wernitznig
November 2008

Foto: Bilderbox, privat

7 Tipps

  • Ans Trinken erinnern: am besten Wasser oder zuckerfreie Getränke reichen
  • Planen Sie zwei bis drei fleischlose Tage pro Woche ein
  • Sparsam mit fett- und zuckerreichen Lebensmitteln umgehen
  • Helfen Sie Ihren Kindern mit Ernährungsprotokollen bei der Speisenplanung
  • Sorgen Sie dafür, dass immer frisches Obst und Gemüse bereitsteht
  • Sprechen Sie keine Verbote für bestimmte Lebensmittel aus
  • Machen Sie mit Ihrem Kind gemeinsam Bewegung

Kommentar

Dicke Kinder leiden„Es ist sehr wichtig, dass Eltern gemeinsam mit ihren betroffenen Kindern Übergewicht thematisieren und gemeinsam Strategien entwickeln. Dann ist Abnehmen oft gar kein Thema, weil sich das Gewicht durch das Wachstum von selbst dem Normalbereich nähert.“
Dr. Peter Voitl
Kinder- und Jugendfacharzt, Wien

Zuletzt aktualisiert am 11. Mai 2020