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Die Seele ist ein weites Land....

Psychische Störungen im Vormarsch?

Die Seele ein weites Land …Das hat schon der berühmte österreichische Arzt und Schriftsteller Arthur Schnitzler festgestellt, übrigens ein Zeitgenosse von Sigmund Freud, dem "Vater der Psychoanalyse" und folglich auch der Psychotherapie. Sein Geburtstag Jährt sich heuer zum 150. Mal.

Macht uns der Alltag krank?

Psychotherapie war in unseren Breiten lange etwas, von dem man nur ungern "gestand", sie zu brauchen. Heute leben wir allerdings in einer Zeit, die uns psychisch oft bis an die Grenzen belastet. Jeder dritte Österreicher erkrankt laut Statistik mindestens einmal in seinem Leben an einer behandlungsbedürftigen Form von Depression. Praktische Ärzte wissen um die immer intensivere Verflechtung von körperlichen und seelischen Defekten, viele haben bereits eine spezielle Zusatzausbildung in Psychosomatik, um besser auf die Probleme ihrer Patienten eingehen zu können.


Hofrat Univ. Doz. Dr. Werner Schöny, ärztlicher Leiter der Landes-Nervenklinik Wagner-Jauregg in Linz und langjähriger Obmann von Pro Mente Oberösterreich, wird nicht müde, bei jeder Gelegenheit zu betonen: "Eine psychische Erkrankung ist kein Makel oder Tabuthema. Wir müssen endlich soweit sein, uns einzugestehen, dass nur der stark ist, der auch einmal zugeben kann, dass er schwach ist." Und was ihm ebenso wichtig ist für seine Berufsgruppe: "Zuhören können und ein Gespür für die wirklichen Anliegen des Menschen haben. Im Mittelpunkt allen Bemühens muss immer der ganze Mensch stehen."


Sind psychische Erkrankungen also heute "salonfähig" geworden? Ja – wenn man etwa von Burn out Syndron spricht, das nicht nur Manager mit einem übervollen Terminkalender erfasst, sondern im Gegenteil eher Menschen, bei deren Beruf man es nicht erwartet: Solche, die irgendein relativ geruhsames und vielleicht langweiliges Schreibtischleben führen, das sie intellektuell unterfordert; Lehrer, die trotz ihrer langen Ferien immer öfter in Frühpension gehen müssen, weil sie dem Stress ihres "normalen" Alltags nicht mehr gewachsen sind; Jugendliche mit Essstörungen verschiedenster Art; "ganz normale" Menschen, die vom Alltags- und Freizeitstress unserer Tage gleichermaßen überfordert sind.

Individuelle Hilfsangebote in großer Menge

Hilfe gibt es genug, wenn man erst einmal bereit ist, sich einzugestehen, dass man welche braucht. Wenn man nicht von seinem Hausarzt entsprechend weitergeleitet wird, gibt es Auskünfte beim Fachverband der Psychotherapeuten, welche der vielen Methoden am ehesten in Frage kommt und welcher Therapeut einen Vertrag mit dem jeweiligen Versicherungsträger hat. Letzteres ist nicht ganz unwichtig, da bei längerer Dauer doch erhebliche Kosten anfallen. Allerdings setzen erfahrene Therapeuten heute in den wenigstens Fällen auf lang dauernde Behandlungen, die auf der klassischen Psychoanalyse basieren. Im Trend sind eher Methoden, die in absehbarer Zeit eine Besserung des Zustandes erwarten lassen. Das kann von Gesprächstherapie über Visualisierungsmethoden bis zu verschiedensten Anwendungen von autogenem Training und Hilfen zum besseren Selbstmanagement gehen. Wesentlich ist nur, dass man keine Scheu davor hat, Psychotherapie in Anspruch zu nehmen, wenn man in eine Sackgasse geraten ist, aus der man allein nicht mehr herausfindet – oder am besten noch davor. Sollte man aber wirklich unbemerkt in eine Krise gerutscht sein dann steht man auch hier nicht allein. Kriseninterventionsstellen mehrerer Organisationen sind rund um die Uhr – und teilweise anonym – um Mitmenschen in seelischer Not bemüht.


Dr. Ingrid Feilmayr
April 2006

Foto: Bilderbox

Zuletzt aktualisiert am 11. Mai 2020