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Die Sucht hinter der Sucht

Mann schnuppert an einem RotweinglasCo-Abhängige unterstützen die Süchtigen – und leiden! Unter der Alkoholkrankheit eines Angehörigen leidet nicht nur die ganze Familie. Oft sind die Partner des Betroffenen selbst tief in die Sucht verstrickt, weil sie glauben, für ihn verantwortlich zu sein, und seine Sucht kontrollieren wollen.

Der Zusammenbruch kam erst, als seine Ehefrau ging. Jahrelang hatte der Linzer Manfred D. getrunken – mehr und immer mehr. Dass zumindest nach außen ein halbwegs normales Leben möglich war, dafür sorgte seine Frau. Sie entschuldigte immer wieder seinen Alkoholkonsum, ließ sich Ausreden für den Arbeitgeber einfallen und bezahlte seine Schulden. Erst als Marianne D. ihren Mann verließ, konnte er sein von Sucht bestimmtes Leben nicht mehr aufrechterhalten und willigte endlich ein, professionelle Hilfe anzunehmen.

„Co-Abhängigkeit hat eine ähnliche Dynamik wie Sucht selbst“, sagt Klaus Angerer, Psychotherapeut und Mitarbeiter bei Point, Beratungsstelle für Suchtfragen in Linz, „die ganze Aufmerksamkeit ist auf die Sucht gerichtet, alle anderen Bereiche werden vernachlässigt.“ Anfangs geraten meist die Frauen in eine Situation, die ihnen nicht unangenehm ist. Angerer: „Wenn der Partner ein Problem hat, bekommt man eine wichtige Rolle. Man hat das Gefühl, ihm helfen zu können.“

Wurzeln in der Kindheit

Die Weichen dafür werden oft schon in der Kindheit gestellt. Wenn ein Elternteil aufgrund einer Suchterkrankung im Familiensystem ausfällt, dann übernehmen Kinder dessen Rolle. Sie werden zu Ersatzpartnern, Ersatzmüttern oder Ersatzvätern. Für die Verantwortung, die sie übernehmen, bekommen sie auch etwas zurück: Aufmerksamkeit und Anerkennung. Schließlich hilft das Kind, den Eindruck zu erwecken, das Familienleben sei intakt.

Dieses Gefühl, helfen zu müssen, stellt sich oft wieder ein, wenn dieses Kind als Erwachsener einen suchtkranken Partner hat – wobei Alkohol nicht die einzige Droge ist, bei der dies zu beobachten ist. Auch bei Medikamentenabhängigkeit oder Heroin- und Kokain-Sucht, bei Bulimie, sogar bei Kaufsucht kann Co-Abhängigkeit auftreten.

„Ein Alarmzeichen ist, wenn der Angehörige das Schwungrad darstellt“, erklärt Angerer. Denn sukzessive, aber unweigerlich werden die eigenen Interessen zurückgedrängt, die eigenen Bedürfnisse vernachlässigt. Experten sehen auch ein gewisses „Märtyrergefühl“ bei den Co-Abhängigen – nach dem Motto: „Wenn ich mich wirklich anstrenge und richtig bemühe, dann kann ich meinen Partner vor seiner Sucht retten.“ Und wenn er wieder einmal scheitert, dann glaubt der Angehörige, selbst noch mehr geben zu müssen. Doch dies ist der falsche Weg und keine dauerhafte Lösung. Denn die Befreiung aus der Sucht kann nur der Suchtkranke selber schaffen.

Die Partner sind niemals schuld an der Sucht des anderen. Manchmal jedoch tragen sie durch ihr Verhalten dazu bei, die Abhängigkeit zu verstärken. Al-Anon, eine Organisation für Angehörige von Alkoholikern, die mit den Anonymen Alkoholikern zusammenarbeitet, gibt Angehörigen folgende Ratschläge:

  • Versuchen Sie nicht, den Betroffenen zu kontrollieren, denn das schafft niemand. Sie werden sich sehr viel besser fühlen, wenn sie es nicht versuchen.
  • Übernehmen Sie nicht seine/ihre Verantwortung. Der Alkoholiker beginnt erwachsen zu werden, wenn er die volle Verantwortung für seine Abhängigkeit und die daraus resultierenden Probleme übernimmt.
  • Weigern Sie sich, Opfer zu sein. Diese Rolle ist genau so destruktiv wie die des Alkoholikers.
  • Denken Sie öfter an sich selbst. Übernehmen Sie mehr Verantwortung für sich und die anderen, nichtabhängigen Menschen um sich herum.
  • Seien Sie nicht der „Handlanger“, indem Sie den Betroffenen trösten, für ihn an seiner Arbeitsstelle anrufen und lügen. Sagen Sie stattdessen: „Das ist deine Sache.“
  • Schützen Sie den Abhängigen nicht vor Konsequenzen seines Verhaltens. Viele Alkoholiker sind nicht gewillt, etwas gegen ihr Problem zu tun, bis sie ganz unten sind. Wenn Sie den Betroffenen vor Schmerz schützen, verzögern Sie seine Heilung.


Birgit Baumann

März 2009

Foto: Bilderbox, privat

Drei Phasen der Co-Abhängigkeit


Erste Phase: Erklären und Beschützen

In dieser ersten Zeit wird das Verhalten des Süchtigen toleriert. Statt klar mit ihm zu reden, steht Harmonie im Vordergrund. Sein Umfeld sucht Entschuldigungen für sein Verhalten, deckt ihn auch beim Arbeitgeber, wenn er ausfällt.

Zweite Phase: Die Kontrolle
Der Partner oder die Partnerin versucht, den Suchtmittelkonsum zu kontrollieren. Alles dreht sich nur noch um die Droge. Der Abhängige selbst entwickelt immer mehr Phantasie, um an „den Stoff“ zu kommen. Auch der Co-Abhängige hat das Gefühl, sich noch mehr anstrengen zu müssen.

Dritte Phase: Die Anklage
Die Co-Abhängigen sind völlig zermürbt und haben keine Kraft mehr. Die Schuld daran geben sie dem Süchtigen. Erst in dieser Phase wird Betroffenen klar, dass beide Partner fachliche Hilfe von außen brauchen.

Kommentar

Die Sucht hinter der Sucht„Co-Abhängige müssen konsequent lernen, Grenzen zu ziehen. Da es oft sehr schwerfällt, diesen Schritt zu machen, ist es ratsam, sich Hilfe von außen zu holen. Wenn man das System einmal durchbricht, heißt das nicht, dass die Beziehung automatisch in die Brüche geht. Vielmehr ist dann wirkliche Hilfe möglich.“
Klaus Angerer
Psychotherapeut und Mitarbeiter bei Point, Beratungsstelle für Suchtfragen, Linz

Zuletzt aktualisiert am 11. Mai 2020