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Baby-Blues: Postpartale Depression

baby-bluesDie Geburt eines Kindes ist von Gefühlen des Glücks und der Dankbarkeit geprägt. Doch wenn nicht Freude, sondern Traurigkeit die Tage nach der Entbindung bestimmt, sprechen Ärzte vom so genannten  „Baby-Blues“. Halten die Symptome mehrere Monate an, kann sogar eine postpartale Depression vorliegen, erklärt Dr. Johanna Winkler, Leiterin der Abteilung für Psychiatrie 2 an der Landes-Nervenklinik in Linz.

„Unter dem postpartalen ‚Blues’ versteht man die ‚Heultage’ der Mutter in den ersten Tagen nach der Entbindung. Die Mütter sind stimmungslabil und weinen vermehrt. Einige sorgen sich überdimensional um ihr Kind“, so Winkler. Die Anzahl der betroffenen Frauen liegt bei 25 bis 50 Prozent. Oft verstehen die Mütter selbst nicht, warum sie auf die Geburt ihres Kindes mit Weinen reagieren. Der „Baby-Blues“ hält gewöhnlich nur wenige Tage bis zwei Wochen nach der Geburt an. Den Müttern kann geholfen werden, wenn sie in dieser Zeit viel Unterstützung von Seiten des Partners und der Familie erhalten.

Depressive Mütter haben Ängste

Vom „Baby-Blues“ zu unterscheiden ist die postpartale Depression (lat. post = nach; natus = Geburt). Dabei handelt es sich um eine Depression, die meist einige Wochen nach der Geburt beginnt und mehrere Monate andauern kann. Etwa zehn bis 15 Prozent aller Mütter erkranken daran. Die Frauen ziehen sich zurück, sie sind weniger empfindsam für die kindlichen Bedürfnisse und für den Sprössling daher nur eingeschränkt verfügbar. Zusätzlich haben Betroffene Angst, in ihrer Mutterrolle zu versagen und fühlen sich deshalb schuldig. Viele Erkrankte sind gereizt und weinerlich und machen sich ständig Sorgen um das Baby. „Körperliche Zuwendung, Wärme und Stimulation durch Berührung vermögen depressive Mütter lediglich in geringerem Ausmaß zu gewährleisten. Der Säugling erlebt sich dadurch selbst als weniger liebenswert und reagiert mit Rückzug und Vermeidung“, erklärt Winkler.

Auch Väter sind betroffen

Aber auch die Väter sind indirekt betroffen. Sie sind unruhig und spüren die Verantwortung, die sie übernehmen müssen. Ist die Mutter depressiv, fühlen sich viele mit der Situation überfordert. Gerade wenn es sich um ein Erstgeborenes handelt, verändert sich für Väter viel: „Der Säugling fordert die Aufmerksamkeit der Mutter ein, die oft dann abends völlig erschöpft einschläft. Manche Männer erleben diese Situation als Zurückweisung“, bestätigt Winkler.

Vielfältige Ursachen

Bei der Entstehung der postpartalen Depression spielen mehrere Faktoren eine Rolle. Einer davon ist die hormonelle Umstellung. Nach der Geburt kommt es zu einem starken Abfall der in der Plazenta produzierten Hormone. Daneben können auch Komplikationen während der Geburt sowie eine ungewollte Schwangerschaft oder eine Depression in der Vorgeschichte das Krankheitsrisiko erhöhen.

Erschwerte Lebensumstände der Mütter wie eine komplizierte Partnerschaft oder finanzielle Probleme sind weitere mögliche Auslöser. „Berufstätige Frauen erleben durch die Geburt des ersten Kindes oft einen Verlust von Kontakten oder aber auch der Anerkennung im Beruf. Da der Säugling die Mütter Tag und Nacht beschäftigt, geht ein Teil der Autonomie der Frauen verloren. Einige Mütter erleben das als Verlust“, erklärt Winkler. Die sich aufopfernde Mutter widerspricht dem Rollenbild einer modernen Frau, was ebenfalls die Depression auslösen kann.

Depression ist gut behandelbar

Viele Betroffene schämen sich wegen ihrer Gefühle und haben Angst, Freunden oder Bekannten davon zu erzählen. „Eine Behandlung ist jedoch wesentlich, denn in einigen Fällen geht die Depression in eine chronische Form über. Zudem ist die Beziehung zwischen Mutter und Säugling verändert, was Folgen beim Kind haben kann“, erklärt die Primarärztin. Bei leichten bis mittelschweren Depressionen reichen häufig psychotherapeutische Maßnahmen wie eine Gesprächstherapie. Zudem ist die Aufklärung über die Erkrankung und den Umgang mit den Symptomen wichtig. Handelt es sich um schwere Depressionen helfen spezielle Medikamente in Form von Antidepressiva. Wichtig ist, auch den Partner in die Behandlung mit einzubeziehen.

Auf die Frage, ob die Medikamente auch während des Stillens eingenommen werden können, antwortet Winkler: „Schlechter für den Säugling ist es, wenn auf die erforderliche Behandlung mit Medikamenten verzichtet wird, um das Kind stillen zu können. Eine unbehandelte, über mehrere Monate dauernde Depression kann zu mehr negativen Folgewirkungen beim Kind führen.“ Patientinnen sollten sich viel Ruhe und Erholung gönnen und liebevoll mit sich umgehen. Es hilft nicht, sich selbst unter Druck zu setzen oder die Symptome zu übergehen.

'Reiß dich zusammen'

Angehörigen ist davon abzuraten, der Mutter mitzuteilen,dass sie sich zusammenreißen soll. „Sie ist dazu nicht fähig“, betont Winkler. „Auch emphatisches Mitleiden mit der Frau ist nicht gefragt. Der Partner sollte sich nicht von der Stimmungslage der Frau mitreißen lassen, da er als gesunder Vater dem Kind emotionale Nahrung geben kann.“ Am hilfreichsten sind Unterstützung und Verständnis für die Situation.
 

Mag. Birgit Koxeder
Feburar 2008


Foto: Bilderbox

Zuletzt aktualisiert am 11. Mai 2020