DRUCKEN

Radfahrer im Paragrafendschungel

RadfahrerRadfahren gewinnt als Verkehrsmittel zunehmend an Attraktivität. Allerdings sind Radfahrer bei Unfällen immer die Schwächeren. Die meisten Unfälle im Ortsgebiet ereignen sich an Kreuzungen, berichtet das Kuratorium für Verkehrssicherheit (KfV). Sonder-Vorrangregeln, Radweg-Benutzungspflicht und unklare Regeln bei Radfahrerüberfahrten erhöhen das Unfallrisiko.

Im Jahr 2008 passierten 5.645 Verkehrsunfälle mit Radfahrern. Dabei wurden 5.559 Menschen verletzt, 62 verunglückten tödlich. Verglichen mit 2007 hat die Zahl der Radunfälle zwar abgenommen, liegt aber über jener der Jahre 2004 bis 2006. Knapp jeder zweite Radfahrer (45%) verunfallte bei einem ZUsammenstoß auf einer Kreuzung. „Häufige Unfallursachen liegen in der bestehenden Straßenverkehrsordnung. Sie beinhaltet für Radfahrer einige Regelungen, die in der Praxis untauglich sind und Unfälle provozieren statt sie zu verhindern“, sagt Dr. Othmar Thann, Direktor des KfV.
 

up

Stolpersteine der Straßenverkehrsordnung (StVO)

So gilt für Radfahrer beim Verlassen von Radfahranlagen Nachrang. „Diese Sonder-Vorrangregel führt in der Praxis oft zu Unklarheiten, denn übliche Vorrangregeln richten sich danach, woher ein Fahrzeug kommt. Doch auf vielen Radwegen ist bei Kreuzungen die Markierung ,Ende’ angebracht, sodass der Radfahrer durch das Verlassen des Radfahrstreifens laut StVO Nachrang hat – laut allgemeinen Vorrangregeln könnte er aber auch Vorrang haben“, erläutert DI Klaus Robatsch, Regionalleiter Ost im KfV. Diese Unklarheiten führen im täglichen Straßenverkehr zu Konflikten zwischen Radfahrern und Autofahrern. 

up

Benutzungspflicht von Rad- und Gehwegen als Problem

Reichlich Konfliktpotenzial gibt es auch zwischen Radfahrern und Fußgängern. Viele Radwege sind mit Gehwegen verbunden oder baulich nicht ausreichend von Gehwegen getrennt. Während sich Radfahrer über Fußgänger ärgern, die auf dem Radweg gehen, schimpfen Fußgänger über Radfahrer, die auf dem Gehweg fahren, so das KfV. Neben einer mangelnden baulichen Trennung gibt es auch hier ein in der StVO verankertes Problem: Nämlich die für Radfahrer geltende Benutzungspflicht von Radfahranlagen und gemischten Geh- und Radwegen. „Stellenweise kann trotz vorhandener Radwege die Benutzung der Fahrbahn sicherer sein – besonders im zielorientierten, schnellen Radverkehr im Ortsgebiet“, stellt Robatsch fest. Konflikte zwischen Fußgängern und Radfahrern entstehen auch an Radfahrerüberfahrten in Fortsetzung von gemischten Geh- und Radwegen. Denn das Verkehrszeichen „Radfahrerüberfahrt“ weist nicht auf den Fußgängerverkehr hin. „Ob die Überfahrt in diesem Fall überhaupt von Fußgängern benutzt werden darf, ist umstritten“, gibt Robatsch zu bedenken. 

up

Änderung der StVO

Das KfV spricht sich deswegen konkret für drei StVO-Änderungen aus. Erstens: „Die Sonder-Vorrangregeln für das Verlassen von Radfahranlagen müssen ersatzlos gestrichen werden. Für Radfahrer sollen wie für alle anderen Verkehrsteilnehmer die allgemeinen Vorrangregeln gelten“, fordert Thann. Wenn bei baulich getrennten Radwegen der Vorrang festgelegt werden muss, soll dies mit den dafür vorgesehenen, allgemein üblichen Maßnahmen geschehen.
Geändert werden sollte zweitens die Benutzungspflicht von Radfahrstreifen und gemischten Geh- und Radwegen. „Für lokale Behörden muss es möglich sein, die Benutzungspflicht aufzuheben. Vertreter der Gemeinden wissen am besten, wo diese sinnvoll und wo sie nicht sinnvoll ist“, betont Thann.
Und drittens soll eine neue Verkehrsfläche „Radfahrerüberfahrt und Schutzweg“ geschaffen werden, damit die Benutzung der Überfahrt für Radfahrer und Fußgänger klar geregelt ist.
Darüber hinaus fordert das KfV den verstärkten Bau getrennter Verkehrsnetze für Radfahrer und Autofahrer, vor allem bei hohen Kfz-Geschwindigkeiten, sowie eine klare Trennung zwischen Geh- und Radwegen, um Konflikte und Unfälle zu vermeiden. „Die derzeitige Straßenverkehrsordnung führt in der Praxis teilweise zu gefährlichen Situationen zwischen Radfahrern, Autofahrern und Fußgängern. Die Änderungen sind notwendig, damit die Teilnahme am Straßenverkehr für Alltagsradfahrer sicherer wird“, hält Thann fest.

Mag. Christian Boukal
Juni 2009

Foto: Bilderbox 

Zuletzt aktualisiert am 11. Mai 2020