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Keine Entwarnung bei AIDS

keine entwarnugn bei AIDS - lauter Kondome„Stop AIDS — Keep The Promise“ war das Motto des Welt-AIDS-Tages am 1. Dezember. Doch von Stopp kann leider nach wie vor keine Rede sein. Dies betrifft keineswegs nur die Epidemie-Krisenregion Afrika, sondern auch Europa.

Die UNO berichtet von 40 Millionen Menschen mit einer HIV-Infektion weltweit. Zehn Prozent wurde im Jahr 2005 neu infiziert, rund 2,8 Millionen Menschen starben im Vorjahr an der Erkrankung. Doch was vor zehn Jahren noch undenkbar schien, ist heute Realität. Die HIV-Infektion ist zu einer chronischen Erkrankung geworden, mit der man leben kann. Auch eine "normale" Familienplanung ist heute möglich.

Steigende Infektionsraten

Aktuelle Daten zeigen für das vergangene Jahr allerdings eine ansteigende Infektionsrate für den gesamten europäischen-zentralasiatischen Raum. Besonders rasant stiegen die Infektionen in Osteuropa und Zentralasien: Die UNO berichtet von einer Steigerung auf das Zwanzigfache in weniger als zehn Jahren.

Doch nicht nur dort: „Sextourismus, Menschenhandel mit Sexarbeiterinnen, häufige Partnerwechsel und das unzureichende Schutzverhalten beim Geschlechtsverkehr führen zu der starken Verbreitung von HIV-Infektionen auch in vor einigen Jahren noch weniger betroffene Bevölkerungsgruppen“, so Dr. Brigitte Schmied, Präsidentin der Österreichischen AIDS-Gesellschaft und Oberärztin der 2. Internen Lungenabteilung des SMZ Baumgartner Höhe in Wien.

Aufklärung wichtiger denn je

In Österreich leben derzeit rund 5.000 bis 6.000 HIV-infizierte Personen. Was die Infektionsursache angeht, liegt Österreich im EU-Trend: Die Anzahl der Neuerkrankungen auf Grund heterosexueller Kontakte stieg von 27 Prozent (1998) auf 42 Prozent (2006). Im gleichen Zeitraum gingen die Infektionen auf Grund von intravenösem Drogenkonsum und homosexuellen Kontakten stetig zurück. Weltweit gesehen sind es heute bereits 90 Prozent der Neuinfektionen, die auf heterosexuelles Risikoverhalten zurückzuführen sind.

Also auch wer eine vermeintlich stabile Beziehung hat, lebt nicht völlig risikolos, stellt Schmied fest. „Wobei Frauen immer stärker gefährdet sind. Sie haben ein größeres Infektionsrisiko – da der Kontakt mit infektiösem Sekret länger andauert und die Kontaktfläche größer ist.“

Wie eine aktuelle  Umfrage (Durex Local Report 2006) zeigt, gibt fast die Hälfte der Österreicher an, bereits ungeschützten Sex mit neuen Partnern gehabt zu haben, ohne deren sexuelles „Vorleben“ zu kennen. „Ein derart sorgloser Umgang mit dem Risiko ist allerdings, wie uns die aktuellen Daten zeigen, keineswegs angebracht“, hält Schmied fest.

Besonders wichtig für Jugendliche

Besonders wichtig ist der Österreichischen AIDS-Gesellschaft die Information von Jugendlichen. Trotz steigender Infektionsraten sinkt gerade unter Schülern und Jugendlichen das Wissen über HIV und AIDS.

Eine deutsche Umfrage ergab kürzlich, dass immerhin ein Drittel der Jugendlichen beim „ersten Mal“ auf ein Kondom verzichtet. Mit Unterstützung des Unterrichtsministeriums lädt die Österreichische AIDS-Gesellschaft Schüler ab der 8. Schulstufe ein, bis 13. Jänner 2006 Projektskizzen zum Thema HIV/AIDS unter dem Motto  „anders denken“ einzureichen. Alle Informationen zum Schüler-Wettbewerb gibt es unter www.schulpsychologie.at.

PEP - Notfall-Kit für das Gesundheitswesen

Besonders tragisch ist die Ansteckung mit HIV-Viren in Gesundheitsberufen. Es kann zu einer Verletzung mit HIV-kontaminierten Instrumenten oder Injektionsbestecken kommen.

Auf Initiative der Österreichischen AIDS-Gesellschaft und mit Unterstützung der pharmazeutischen Industrie wurden deswegen Notfallboxen für im Gesundheitswesen tätige, berufsbedingt infektionsgefährdete Menschen entwickelt, die den Spitälern zur Verfügung gestellt werden. Bei der so genannten Post-Expositions-Prophylaxe (PEP) werden vier Wochen lang Medikamente eingenommen, wie sie auch bei einer Kombinationstherapie gegen HIV eingesetzt werden. Eine PEP senkt das Ansteckungsrisiko um etwa 80 Prozent. „Die PEP ist aber keinesfalls ein Freibrief für risikofreudiges Verhalten im Sinn eines ‚Medikaments danach’, zumal ihre Wirksamkeit nicht garantiert werden kann“, gibt Schmied zu bedenken. „PEP ist eine Möglichkeit, Personen zu schützen, die zum Beispiel im Rahmen ihrer Tätigkeit in einem Gesundheitsberuf einer potenziellen Infektion ausgesetzt waren.“

Kinderwunsch bei HIV-Erkrankung

„Die Infektion des Nachwuchses ist schon seit einiger Zeit nicht mehr das Problem: Seit einigen Jahren ist bekannt, dass eine HIV-positive Frau, wenn sie gut behandelt ist, das Virus nicht auf das Kind überträgt“, berichtet Prof. Dr. Pietro Vernazza, Fachbereichsleiter Abteilung für Infektiologie am Kantonsspital St. Gallen in der Schweiz.

Voraussetzung dafür ist eine vorbeugende, hochaktive HIV-Therapie (HAART), die die Viruslast beim betroffenen Partner unterdrückt. Die ergänzende Präexpositions-Prophylaxe (PREP) schützt den gesunden Partner.

Eine spanische Forschergruppe hat Untersuchungsergebnisse von 62 HIV-diskordanten – nur ein Partner ist Virusträger – Paaren vorgelegt. In 22 Fällen war die Frau, in 40 Fällen der Mann HIV-positiv. Auf Grund der gut eingestellten HAART-Therapie kam es in keinem der beobachteten Fälle zur Infektion des HIV-negativen Partners trotz ungeschützten Geschlechtsverkehrs.

Allerdings ist hinsichtlich des Risikos zu beachten, dass nicht nur die HIV-Viruslast im Blut die Höhe des Infektionsrisikos bestimmt, sondern auch genitale Infekte drohen können, so Vernazza.

Medikamente für beide Partner

Genitale Infektionen wie durch Chlamydien müssen getestet und behandelt werden bevor der Kinderwunsch in die Tat umgesetzt werden kann. Ebenso muss der gesunde Partner geschützt werden: Dafür werden einerseits Östriol-Gels bei Frauen, andererseits die medikamentöse Präexpositions-Prophylaxe (PREP) eingesetzt: Antiretrovirale Medikamente werden vorbeugend über einen Zeitraum von einigen Tagen vor der potenziellen Infektionssituation eingenommen.

Am Zentrum des Kantonsspitals St. Gallen ist das Konzept PREP eingebettet in eine systematische Beratung, die sehr gut ankommt. „Die Paare lernen, ihr Risiko realistisch abzuschätzen und reduzieren mit den empfohlenen zusätzlichen Maßnahmen das bereits durch die HAART-Therapie geringe Risiko weiterhin. Die Schwangerschaftsrate ist auf diesem Weg recht hoch“, berichtet Vernazza.


Mag. Christian Boukal

Dezember 2006


Foto: Bilderbox

Zuletzt aktualisiert am 11. Mai 2020