DRUCKEN

Narkose: Keine Angst

Narkose: Keine AngstDie jüngsten, schweren Komplikationen bei der Behandlung von Kindern an der Innsbrucker Universitätsklinik haben Ängste vor der Narkose geschürt. Durch die Medien geistert der Name „Propofol“. Doch solche Komplikationen sind extrem selten.

Pro Jahr werden weltweit etwa 230 Millionen Anästhesien durchgeführt. Ein Gutteil davon wird mit Propofol als Einschlafmittel eingeleitet. „Niemand muss Angst haben, wenn er ins Spital geht und dieses Mittel bekommt“, sagt Prof. Dr. Achim von Goedecke, Leiter des Institutes für Anästhesiologie und Intensivmedizin am Landeskrankenhaus Steyr. „Es ist unverzichtbar, gut steuerbar und hat sich als sehr gut verträglich erwiesen. Bei Kindern wird es nur kurzfristig eingesetzt.“

In der Literatur ist bei Kindern ein sehr seltenes so genanntes „Propofol-Infusionssyndrom“ beschrieben. Bei langfristiger Anwendung von Propofol in höheren Dosen kann es zu Komplikationen kommen, deren Ursache eine Fettstoffwechselstörung sein könnte. Eine unglückliche Kombination mit bestimmten anderen Medikamenten kann dann zum Muskel- und Organversagen führen. Daher gilt in der Gesundheits- und Spitals-AG (Gespag) die Regelung, Propofol ausschließlich zur Einleitung der Narkose, nicht aber zur Dauersedierung zu verwenden.

Optimale Bedingungen

Als Narkose bezeichnet man einen Zustand eines kontrollierten Bewusstseinsverlustes, den man wieder rückgängig machen kann. Das Wort Narkose kommt aus dem Griechischen und bedeutet soviel wie „Lähmung, Starre“. Es ist die umgangssprachliche Verwendung des medizinischen Begriffes Anästhesie. Eine Narkose dient dazu, Eingriffe in den Körper eines Menschen schmerzfrei durchführen zu können. Eine Anästhesie bzw. Narkose wird künstlich herbeigeführt und führt zur Ausschaltung des Bewusstseins. Der Unterschied zum Schlafenden ist, dass der Anästhesierte bzw. Narkotisierte nicht spontan, sondern erst nach Abklingen der Medikamente erweckbar ist.

Moderne Anästhesie

Die Geburtsstunde der Anästhesie war Mitte des 19. Jahrhunderts. Damals wurden in erster Linie Lachgas, Äther oder Chloroform verwendet. Was es noch nicht gab, war die konsequente Überwachung der Herz-Kreislauf- und Lungenfunktionen während der Narkose. Die moderne Anästhesie in Europa entstand nach dem zweiten Weltkrieg. Sie führte auch zu einem dramatischen Rückgang der Todesraten. „Heute kann man viel größere, technisch schwierigere Eingriffe durchführen, und es können zum Beispiel auch ältere Menschen und Menschen mit mehreren Begleiterkrankungen operiert werden“, erklärt Goedecke. Dennoch gilt: Je kränker und älter ein Patient ist, desto höher ist auch das Narkoserisiko.

Allgemein- und Regionalanästhesie

Die Narkose wird eingeteilt in die Allgemeinanästhesie und die Regionalanästhesie. Während es bei der Allgemeinanästhesie zur vollkommenen Ausschaltung des Bewusstseins kommt, wird bei der Regionalanästhesie nur ein Teil des Körpers betäubt. Dies erfolgt entweder durch „Kreuzstich“, oder durch die „periphere Leitungsanästhesie“. Bei letzterer wird zum Bespiel nur ein Arm oder ein Bein bzw. nur Teile davon

Vorbereitung einer Narkose

Der Patient muss vom Anästhesisten (Narkosefacharzt) vor der Narkose untersucht und über seinen Gesundheitszustand befragt werden. Dies erfolgt erst dann, wenn der Patient vom Operateur eine Diagnose und Informationen über die Art der Behandlung erhalten hat. Jeder Patient muss zusätzlich über mögliche Folgen und Risiken aufgeklärt werden, und es sollte ihm Zeit gegeben werden, darüber nachzudenken. Denn jeder kleinste Eingriff, jeder Stich durch die Haut stellt rechtlich eine Körperverletzung dar, die aber durch die Einwilligung des Patienten zum Eingriff rechtens wird. Deshalb ist es auch notwendig, dass der Patient eine Einverständniserklärung für die Operation und die Anästhesie unterschreibt.
Am Tag der Operation sollte der Patient „nüchtern“ sein, das heißt vor allem nichts gegessen haben. Auch rauchen sollte er mindestens am Tag der Narkose nicht mehr. Beim Trinken ist die Regelung großzügiger, je nach Eingriff ist das Trinken klarer Flüssigkeit, wie Wasser oder Tee, bis zwei Stunden vor der Operation erlaubt.

Ablauf einer Narkose

Vor der eigentlichen Narkose wird ein angstlösendes Beruhungsmittel verabreicht, mit dem der Patient schläfrig gemacht wird. Der Patient kommt in den OP-Bereich und muss eindeutig identifiziert werden, dazu ist es nötig, die dazu gehörigen Unterlagen zu überprüfen. Um Verwechslungen auszuschließen, wird vor und während des Eingriffs eine „Checkliste“ abgearbeitet, die der Patientensicherheit dient.
Dann wird der Patient an das Monitoringsystem angeschlossen, das Herz- und Kreislauffunktionen überwacht. Anschließend wird die Narkose eingeleitet, in dem man dem Patienten ein Schmerzmedikament, ein Schlafmittel und bei Bedarf ein Medikament zur Muskelentspannung verabreicht. Für die Regionalanästhesie werden spezielle Lokalanästhetika eingesetzt.
Der nächste Schritt bei der Allgemeinanästhesie ist die „Sicherung des Atemwegs“, das heißt der Patient wird über einen Beatmungsschlauch künstlich beatmet und gleichzeitig wird das Narkosemittel kontinuierlich zugeführt. Nach Beendigung der Operation wird die Aufwachphase eingeleitet und der Beatmungsschlauch entfernt. Voraussetzung ist, dass der Patient seine Schutzreflexe wieder erlangt hat, der Körper warm und der Kreislauf stabil ist.
Die Dauer der Narkose hängt von der Länge der Operation ab. Der Anästhesist ist während der Operation immer anwesend und kann die Dauer der Narkose steuern. Assistiert wird ihm in der Regel von einer speziellen Anästhesiepflegekraft. Die beiden arbeiten immer im Team.

Nebenwirkungen und Komplikationen

Es gibt Risiken, die mit der Operation einhergehen, und Risiken und Nebenwirkungen, die sich auf die Narkose selbst beziehen. Letztere können Auswirkungen auf den Kreislauf sein oder bis dahin nicht bekannte allergischen Reaktionen gegenüber dem Narkosemittel. Selten können auch Blutungen und Infektionen auftreten, wenn ein Katheder durch die Haut eingeführt wurde. Weitere, kurzfristige Nachwirkungen können Übelkeit und Erbrechen sein, oder auch durch den Beatmungsschlauch verursachte Heiserkeit und Halsschmerzen.
„Die schweren Zwischenfälle, die in Innsbruck passiert sind, sind extrem selten. Propofol ist ein sehr wertvolles Medikament, das seit über 20 Jahren zugelassen und in bestimmten Bereichen sogar ein alternativloses Medikament ist“, sagt Goedecke.
Freilich kann es bei jeder medizinischen Anwendung zu Komplikationen kommen. „Der tragische Fall in Innsbruck ist fatal für alle Beteiligten, aber man muss die Klärung der Ursache durch die Klinik und die Gutachter abwarten, bevor übereilte Schlüsse zum Umgang mit dem bewährten Medikament gezogen werden. Auch der Fall von Michael Jackson ist ein extremes Beispiel. Hier ist scheinbar ein Medikament in einem Umfeld appliziert worden, für das es nicht zugelassen ist und die notwendigen Sicherheitssysteme, wie eine Monitorüberwachung, nicht angewendet worden.

Hohe Anforderungen

Die Arbeitsintensität und der -aufwand der Anästhesisten sind in den letzten Jahren stark angestiegen, die Prozesse und Abläufe im Krankenhaus wurden komplizierter, aber auch die Anforderungen der Patienten selbst sind gestiegen. Anästhesisten müssen mit allen chirurgischen Abteilungen zusammenarbeiten, mit dem Labor, mit der Röntgenabteilung, mit der Blutbank, mit den Internisten und den Intensivstationen.
„Wir haben an unserem Krankenhaus und innerhalb unserer Abteilung ein Fehlermanagement installiert. Wenn etwas vorfällt, kann man das an einen Arzt seines Vertrauens auch anonym weitermelden. Der Vorfall wird gemeinsam aufgearbeitet, um Wege zu finden, die solche Vorkommnisse in Zukunft verhindern. Wenn etwas passiert, darf es nicht vertuscht werden, aber Vorverurteilungen, wie sie in den Medien zu verfolgen sind, sind sehr belastend für alle Beteiligten“, so Prof. von Goedecke.

Dr. Thomas Hartl

November 2011

Foto: Bilderbox

Zuletzt aktualisiert am 11. Mai 2020