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Mangelernährung Paroli bieten

Mangelernährung Paroli bietenRund ein Drittel der Patienten, die im Krankhaus stationär aufgenommen werden, ist mangelhaft ernährt. Das Krankenhaus der Barmherzigen Schwestern in Linz tritt diesem Umstand mit einem Mangelernährungs-Screening entgegen.

In einer Wohlstandgesellschaft, in der Adipositas als großes gesundheitspolitisches Problem wahrgenommen wird, bleibt die Mangelernährung oft unerkannt. Diese definiert sich als Ungleichgewicht zwischen Nährstoffaufnahme und Nährstoffbedarf. Der Körper benötigt kontinuierlich Energie, um all seine lebenswichtigen Funktionen wie Atmung, Stoffwechsel, Kreislauf und Temperaturregulierung aufrechtzuerhalten.

Senioren besonders gefährdet

Durch geringere Stoffwechselaktivität, aber auch verringerte körperliche Aktivitäten sinkt mit dem Alter der Energiebedarf. In Folge von Erkrankungen und Infektionen steigt jedoch der Bedarf an Eiweiß erheblich an, sodass – bedingt durch eine unzureichende Nahrungsmenge und veränderte Essgewohnheiten – die ausreichende Nährstoffversorgung häufig nicht gewährleistet ist.

Darmentzündungen

Auch entzündliche Darmerkrankungen wie Colitis ulcerosa und Morbus Crohn können eine Mangelernährung hervorrufen. Ursache sind wenig Appetit, eine einseitige Ernährung aus Angst vor Unverträglichkeiten mit entsprechender Symptomatik (Durchfall etc.), restriktive Diätempfehlungen und eine schlechtere Aufnahme der Mikronährstoffe (z.B. Zink) über die entzündete Darmschleimhaut.

Gefräßiger Krebs

Krebserkrankungen gehen oft mit Mangelernährung einher. Der Tumor verbraucht Energie und Nährstoffe, zu deren Bereitstellung er die Körpersubstanz des Patienten und dessen Energie- und Nährstoffaufnahme angreift. Außerdem schnürt die Diagnose Krebs manchem Patienten die Kehle zu, er bekommt sprichwörtlich keinen Bissen hinunter.
Die modernen Krebstherapien stellen hohe Anforderungen an den menschlichen Körper. Nach ihrer Beendigung laufen verschiedene Reparaturvorgänge im Körper ab, durch die ein erhöhter Bedarf an Energie vorliegt. Auch Schmerzen (etwa durch Bestrahlung im HNO-Bereich) erschweren die Nahrungsaufnahme.

Dick und mangelernährt?

Natürlich ist schlotternde Kleidung beim Patienten ein Hinweis auf Mangelernährung. Aber auch übergewichtige Menschen können davon betroffen sein. Denn im Rahmen einer schweren Erkrankung oder unter einer laufenden Therapie greift der Körper primär nicht auf seine Fett-, sondern auf seine Muskelreserven zurück. Schwäche, Müdigkeit, Immobilität und verminderte Lebensqualität sind die Folge. Auch mangelhafte Qualität der Nahrung, wenn sie ein Defizit an Vitaminen, Mineralstoffen oder Spurenelementen aufweist, kann eine Ursache sein.

Weitreichende Folgen

Die Folgen einer unbehandelten Mangelernährung sind weitreichend und hängen von Ausmaß und Dauer des Nährstoffmangels ab. „Unspezifische Symptome wie Schwäche, Müdigkeit, Appetitlosigkeit und Antriebsarmut treten bereits bei leichten Defiziten auf. Ein anhaltendes Manko hat starke körperliche Beeinträchtigungen und Störungen wichtiger Organfunktionen zur Folge“, erklärt die Allgemeinmedizinerin Dr. Tina Bräutigam, die Mitglied des neunköpfigen, interdisziplinären Ernährungsteams rund um OA Dr. Wolfgang Sieber bei den Barmherzigen Schwestern in Linz ist.

Bett zehrt

Zu den Folgen der Mangelernährung (Eiweißmangel) zählt unter anderem der rasche Muskelabbau. „Patienten haben nicht die Kraft, ihr Krankenlager zu verlassen, was wiederum zum Muskelabbau führt“, erklärt Bräutigam. „Hier bewahrheitet sich die Volksweisheit, Bett zehrt.“ Daraus resultiert wieder ein erhöhtes Sturzrisiko. Besonders bei alten Menschen kann dies zur erhöhten Pflegebedürftigkeit führen. Ebenso sind Herz- und Atemmuskulatur vom Abbau betroffen. Durch die Schwächung des Immunsystems kommt es zur Verzögerung der Genesung und die Infektionsgefahr steigt. Es wird die Wundheilung verschlechtert, es besteht ein erhöhtes Risiko von Druckgeschwüren und speziell bei älteren Patienten kann es zu neurologischen Störungen kommen. „Obwohl wir um die weit reichenden Folgen von ernährungsassoziierte Risiken zum Beispiel in der Geriatrie und Onkologie wissen, ist ein generelles Ernährungs-Screening beziehungsweise Montoring in Österreich bei der Aufnahme im Spital noch nicht Gang und Gäbe“, sagt Bräutigam.

Screening

Seit dem Jahr 2009 wird bei den Barmherzigen Schwestern Linz ein elektronisches Ernährungs-Screening durchgeführt. Insgesamt wird damit derzeit etwa die Hälfte aller stationären Patienten, also etwa 25.000 Aufnahmen pro Jahr, erfasst. „Das Screening wird mit genau definierten Parametern in die Erhebung der Pflegeanamnese integriert, welche vollständig in elektronischer Form durchgeführt wird“, erklärt Bräutigam.
Das Ergebnis liegt damit sehr rasch, spätestens jedoch 24 Stunden nach Aufnahme vor. Die Parameter werden in ein Risikoprofil mittels Ampelsystem umgewandelt. Bräutigam: „Risikopatienten führen selbst oder unterstützt von der Pflege drei bis fünf Tage ein ‚Tellerprotokoll’. Damit wird die Nahrungszufuhr kontrolliert. Es dient zudem als Basis für die Adaptierung der Ernährungstherapie.“ Bei der Visite sehen die Ärzte die Screening-Ergebnisse und legen gemeinsam mit der Pflege das weitere Vorgehen fest. Alle acht Tage wird das Screening als Kontrolle erneut durchgeführt.

Rekonvaleszenz verkürzen

„Wird Mangelernährung bei Patienten rechtzeitig erkannt und daraufhin fachgerecht interveniert, wird auch der Spitalsaufenthalt kürzer, weil die Rekonvaleszenz viel besser verläuft. Insbesondere bei älteren Patienten kann sogar manchmal eine Einweisung in ein Pflegeheim vermieden werden“, betont Bräutigam. „Für Betroffene bedeutet dies den Erhalt ihrer Selbstbestimmung und Selbstständigkeit.“

900 Millionen Euro

Diese Vorteile machen sich natürlich auch volkswirtschaftlich bemerkbar, wie Univ.-Prof. Dr. Michael Kunze vom Institut für Sozialmedizin vermerkt: „Mangelernährung und die daraus resultierenden Folgen belasten das österreichische Gesundheitssystem mit schätzungsweise 900 Millionen Euro jährlich.“

Elisabeth Dietz-Buchner
November 2011


Foto: Bilderbox

Zuletzt aktualisiert am 11. Mai 2020