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Das Kraftpaket: Hüftgelenk hält Extrembelastungen stand

Hüftgelenk hält Extrembelastungen standEin Hüftgelenk trägt auf wenigen Quadratzentimetern praktisch das halbe Körpergewicht. Bei jedem Schritt, beim Bücken und beim Radfahren – bei jeder Alltagstätigkeit wirkt ein Vielfaches dieser Last als Druck und Zugspannung auf das Gelenk ein. Seine besondere Konstruktion erlaubt dem gesunden Gelenk seine große Bewegungsfreiheit und hohe Tragfähigkeit.

Der knöcherne Anteil des Hüftgelenks besteht aus der Pfanne, die Teil des Beckenknochens ist, und dem kugelförmigen Hüftkopf am oberen Ende des Oberschenkelknochens. Der Hüftkopf wird vom Sockel der Hüftpfanne nur halb umschlossen. Die Gelenkskapsel sowie zahlreiche kräftige Muskeln und Bänder umhüllen und stabilisieren die knöchernen Bauteile. Mehrere Schleimbeutel ermöglichen es den Gewebsschichten von Knochen und Weichteilen, sich bei jeder Bewegung reibungslos gegeneinander zu verschieben. Eine druckelastische, vier bis sechs Millimeter dicke Knorpelschicht auf den Gelenksflächen wirkt als Stoßdämpfer und verleiht dem gesunden Gelenk seine Gleitfähigkeit. Der Knorpel besitzt keine Blutgefäße, sondern wird von der Gelenksschmiere ernährt. Das ist eine zähe, klare Flüssigkeit, die ebenfalls Stöße auffängt. Abwechselnde Be- und Entlastung des Gelenks sichern die Nährstoffversorgung des Knorpels. Eine längere Ruhigstellung, aber auch ständige Überbeanspruchung führen zu Ernährungsstörungen der Knorpelzellen und damit zu Knorpelschäden.

Hüftdysplasie

Die Hüftdysplasie ist die häufigste angeborene Erkrankung am Stütz- und Bewegungsapparat. Die Hüftpfanne ist zu flach, der Hüftkopf rutscht aus dem Sockel. Diese Fehlstellung würde zu einem vorzeitigen Gelenkverschleiß führen, berichtet Dr. Josef Hochreiter, Leiter der Abteilung für Orthopädie am Krankenhaus der Barmherzigen Schwestern in Linz. Mit der routinemäßigen Ultraschalluntersuchung schon am Tag nach der Geburt kann die Hüftdysplasie sofort entdeckt und darum frühzeitig korrigiert werden. Beim Neugeborenen besteht das Hüftgelenk noch aus Knorpelmasse, die während der ersten neun Lebensmonate laufend durch Knochensubstanz ersetzt wird. Danach wäre die Hüftdysplasie nur mehr auf chirurgischem Weg und nur mit bleibenden Defekten zu beseitigen. Eine in den ersten Lebenswochen beginnende Abspreiztherapie ist wenig belastend: Sie hält etwa durch eine Spreizhose den Hüftkopf in der richtigen Position, bis die Verknöcherung des Gelenks abgeschlossen ist. Eine Lösung des Hüftkopfes entlang der Wachstumsfuge bei Jugendlichen wird wahrscheinlich durch hormonelle Veränderungen in der Pubertät verursacht, die den Knochenstoffwechsel stören. Im verrutschten Hüftkopf kommt es zu Durchblutungsstörungen. Wenn nicht rechtzeitig operiert wird, kann das zum Absterben des Knochens führen. Im Gegensatz dazu tritt die Hüftkopfnekrose eher im mittleren Erwachsenenalter auf. Dabei geht wegen einer Durchblutungsstörung der Knochen unter der Knorpelschicht zugrunde, bis der Hüftkopf einbricht und auch die Knorpelschicht zerstört. Unter anderem gelten bestimmte Arzneiwirkstoffe und Stoffwechselstörungen als Risikofaktoren. Physikalische und medikamentöse Therapien und chirurgische Kniffe, welche die Knochenneubildung anregen oder eine Fehlstellung beseitigen, werden zur Behandlung der Hüftkopfnekrose eingesetzt.

Seitlich an der Hüfte liegt jener Schleimbeutel des Hüftgelenks, der am häufigsten zu Entzündungen und Verkalkungen neigt. Mechanische Dauerreize, Überbeanspruchung, entzündlich-rheumatische Prozesse – sie können eine Schleimbeutelentzündung auslösen. Sportler und Menschen mit anderen Fehlbelastungen des Bewegungsapparats sind am häufigsten geplagt. Typisch ist die Schmerzempfindlichkeit der Hüfte in Seitenlage. Gegen Schleimbeutelentzündungen werden je nach Beschwerdebild physikalische Therapien mit Kälteanwendungen, Stoßwellenbehandlungen und Injektionstherapien empfohlen. Eine Operation ist hier nur das letzte Mittel der Wahl. An Arthrose leidet die Hälfte aller über 65-Jährigen. Familiäre Veranlagung, Übergewicht, Bewegungsmangel und Fehlbelastungen tragen dazu bei, dass die Knorpelschicht nach und nach angegriffen und verschlissen, rau, rissig und ausgedünnt wird. Schlimmstenfalls geht die Zerstörung so weit, dass an den Gelenksflächen nur mehr Knochen an Knochen reibt. Wenn eine konservative Behandlung keine Erleichterung bringt, bleibt nur der Hüftgelenksersatz.

Der Bruch des Schenkelhalses zwischen Hüftkopf und Oberschenkelschaft ist eine gefürchtete Sturzfolge. Besonders gefährdet sind Osteoporose-Patienten, weil die krankhaft verminderte Knochendichte den Knochen äußerst bruchanfällig macht. Auch eine Pfannenfraktur und eine verletzungsbedingte Hüftgelenksluxation, also das Ausklinken des Hüftkopfes aus der Pfanne, sind wichtige Gründe für einen Gelenksersatz.

Enorme Haltbarkeit

Fast jeder Hüftgelenksempfänger erhält eine vierteilige Prothese – mit dem Schaft, der im Oberschenkelknochen verankert wird, einer künstlichen Gelenkpfanne mit Pfanneneinsatz und dem Kugelkopf, berichtet Primar Hochreiter. Die Kopfprothese, wo die körpereigene Gelenkpfanne erhalten bleibt und nur Schaft und Hüftkopfprothese implantiert werden, wird eher selten bei Patienten angewandt, denen nur ein möglichst kleiner Eingriff zumutbar ist. Als dritte Prothesentechnik steht der sogenannte Oberflächenersatz zur Verfügung, wo eine neue Pfanne implantiert und dem schadhaften Hüftkopf nur eine Kappe übergestülpt wird. Es werden nur Implantate verwendet, deren Zuverlässigkeit zweifelsfrei nachgewiesen ist. Orthopäde Josef Hochreiter: „Dann darf eine Haltbarkeit von mindestens 25 bis 30 Jahren erwartet werden.“

Künstliche Hüftgelenke werden seit rund 50 Jahren implantiert. Mit modernen chirurgischen Techniken und optimalen Implantaten sind Operationen nach Hüftgelenks- und Oberschenkelfrakturen für die Patienten aber wesentlich weniger belastend als früher. Immer öfter werden sogar beide Hüftgelenke gleichzeitig ausgetauscht. Die Zugangswege zum Operationsfeld werden möglichst muskelschonend angelegt. Fremdblutkonserven sind äußerst selten notwendig. Der Patient erhält eigenes Blut, das er während der Operation verliert, zurück. Schon am Tag nach der OP kann er das Gelenk belasten, nach acht bis zehn Tagen das Spital verlassen.

Sechs Wochen nach dem Eingriff sind die Kunstgelenke einigermaßen eingeheilt. Die Komplikationsrate ist in der Altersgruppe der 80-Jährigen trotz ihrem höheren Grad an Begleiterkrankungen genauso niedrig wie bei den 60-Jährigen, berichtet Primar Hochreiter. Was Schmerzlinderung, Funktionsverbesserung und wiedergewonnene Selbständigkeit betrifft, so profitieren beide Altersgruppen gleich gut.

Richtige Beinstellung

Gut informiert zu sein ist entscheidend für den Patienten vor der Operation und auch während der Genesung. Die häusliche Umgebung soll genug Bewegungsfreiheit bieten für die anfangs benötigten Gehhilfen. Um eine Luxation, also ein Austreten des Hüftkopfes aus dem Kunstgelenk, zu vermeiden, muss gerade für die ersten Wochen der Rehabilitation die richtige Beinstellung erlernt werden. Die richtige Höhe von Toilettensitz und Bett, Hüftprotektoren, Anziehhilfen für Socken, Greifhilfen für zu Boden gefallene Gegenstände und viele andere Erleichterungen können rechtzeitig vorbereitet werden. Sturzfallen wie Türschwellen, Kabel oder Fußmatten können rechtzeitig entfernt werden.

Nach einem halben bis einem Jahr ist sogar wieder Sport erlaubt. Abrupte Stoßbewegungen wie bei Fußball, Squash und Tennis sind schlecht für ein gesundes Hüftgelenk und erst recht für den künstlichen Ersatz. Dr. Josef Hochreiter rät zum Schwimmen und Radfahren und anderen Sportarten mit runden Bewegungsabläufen wie Langlaufen oder Nordic Walking – und Gehen. Gehen. Gehen. Und irgendwann ist sicher wieder ein geschmeidiger Hüftschwung bei Tanzen drin.

Das Hüftgelenk

Hüftgelenk mit geöffneter Gelenkkapsel. Das innere Hüftgelenk aus Gelenkpfanne und Oberschenkelhalskopf ist hier angeschnitten. Blau gefärbt ist die Knorpelschicht der Gelenkfläche zu sehen. Der Oberschenkelhalskopf gleitet in der Gelenkpfanne.


Hüftgelenk hält Extrembelastungen stand


Links die intakte Knorpelschicht im gesunden Gelenk, rechts eine fortgeschrittene Arthrose, bei der die Knorpelschicht geschädigt ist.

Klaus Stecher

Feburar 2012
Foto: © Daniel Rennen / pixelio.de, Geisler MediDesign
, privat

Kommentar

Kommentarbild Hüftgelenk: Dr. Hochreiter„Wir raten davon ab, einen Gelenksersatz unnötig lange hinauszuschieben. Für den richtigen Zeitpunkt ist das Ausmaß der Beschwerden entscheidend und weniger das Alter. Grundsätzlich geht es darum, Lebensqualität und Mobilität zu erhalten oder wiederherzustellen.“
Dr. Josef Hochreiter
Vorstand der Abteilung für Orthopädie, KH Barmherzige Schwestern Linz

Zuletzt aktualisiert am 11. Mai 2020