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Doktor Zufall

Doktor ZufallDie Geschichte der Medizin ist voll von Zufällen und Irrtümern In kaum einem Wissensgebiet wird mehr Forschungskapazität gebündelt wie in der Medizin. Und doch haben bei entscheidenden Entdeckungen immer wieder Zufall und glückliche Fügung Pate gestanden. Ob bei der Entdeckung des Penicillins, des Röntgens oder der Entwicklung der modernen Krankenhaushygiene. Andererseits ist die Medizin auch besonders anfällig für Irrtümer und Aberglauben.

 

Es war im Spätsommer des Jahres 1928 in London. Der Bakteriologe Dr. Alexander Fleming fährt in den Urlaub und lässt eine Bakterienkultur offen in seinem Labor stehen. Aus den Ferien zurückgekehrt sieht er, dass sich in der Probe ein dicker Schimmel-Belag gebildet hat. Es fällt ihm auf, dass die Bakterien rund um den Pilz ihr Wachstum eingestellt haben. „That´s funny!“ soll der Bakteriologe in einer ersten Reaktion ausgerufen haben. Bei weiteren Versuchen findet Fleming heraus, dass der Schimmelpilz eine Substanz erzeugt, die für eine Reihe von Bakterienarten tödlich, aber für den Menschen ungefährlich ist. Die Erfolgsgeschichte von Penicillin konnte beginnen.

 

Millionen Menschen verdanken dieser Entdeckung ihr Leben. Alexander Fleming erhielt dafür den Nobelpreis für Medizin. Mit dem Nobelpreis für Physik wurde im Jahr 1901 ebenfalls eine eher zufällige Entdeckung ausgezeichnet, die die Medizin grundlegend verändern sollte. Der Würzburger Physiker Wilhelm Conrad Röntgen hatte beim Experimentieren mit einer Kathodenstrahlröhre die später nach ihm benannte Strahlung entdeckt – und vor allem deren Eigenschaft, Körper durchdringen und fotografische Platten belichten zu können. Berühmt wurde die Röntgenaufnahme der Hand seiner Frau, die er gemeinsam mit dem wissenschaftlichen Aufsatz „Eine neue Art von Strahlen“ im Dezember 1895 veröffentlichte. Das Nobelpreiskomitee hob besonders die praktische Bedeutung der Erfindung hervor.

Tod im Wochenbett

Wenig Ruhm und Erfolg brachte ihrem Schöpfer eine andere bahnbrechende Entdeckung. Durch Zufall war dem Mediziner Ignaz Philipp Semmelweis um 1840 am Wiener Allgemeinen Krankenhaus ein Zusammenhang zwischen dem gefürchteten Kindbettfieber und der mangelnden Hygiene aufgefallen. Als ein befreundeter Gerichtsmediziner qualvoll starb, nachdem er sich beim Sezieren geschnitten hatte, war für Semmelweis klar: Die Wöchnerinnen mussten auch mit „Leichenteilen, die in das Blut gelangen“ in Berührung gekommen sein. Dafür kamen nur Medizinstudenten und Ärzte in Betracht, die häufig direkt vom Pathologiesaal in die geburtshilfliche Abteilung kamen. Um das „Mordgift“ zu verhindern, führte Semmelweis ein, was heute als Hygiene in der Medizin selbstverständlich ist: regelmäßiges Händewaschen und Desinfektion für Ärzte, Studenten und Pflegepersonal.

Obwohl die Todesfälle im Wochenbett drastisch zurückgingen, wurde der Mediziner von seinen Kollegen massiv angefeindet. Mancher Vertreter der Zunft hatte wohl ein Problem damit, dass die Wöchnerinnen nicht an einer schicksalhaften Seuche, sondern an der mangelnden Hygiene der Mediziner gestorben waren. Enttäuscht zog sich Semmelweis nach Ungarn zurück, wo er starb, ohne den Durchbruch seiner Entdeckung noch miterlebt zu haben.

Obwohl die Todesfälle im Wochenbett drastisch zurückgingen, wurde der Mediziner von seinen Kollegen massiv angefeindet. Mancher Vertreter der Zunft hatte wohl ein Problem damit, dass die Wöchnerinnen nicht an einer schicksalhaften Seuche, sondern an der mangelnden Hygiene der Mediziner gestorben waren. Enttäuscht zog sich Semmelweis nach Ungarn zurück, wo er starb, ohne den Durchbruch seiner Entdeckung noch miterlebt zu haben.

Für das zufällige Entdecken bedeutender Neuerungen und Errungenschaften gibt es im Englischen den Ausdruck „serendipity“, der auf ein persisches Märchen zurückgeht. „Serendipity“ geht über den reinen Zufall hinaus und setzt – wie bei fast allen derartigen Beispielen aus der Medizin – einen offenen Geist und eine eingehende Beschäftigung mit der Materie voraus. Oder wie der große Forscher Louis Pasteur anmerkte: „Der Zufall begünstigt nur einen vorbereiteten Geist.“

Hustenmittel Heroin

Das Thema Glücksfälle und Irrtümer in der Medizin hat in letzter Zeit auch auf wissenschaftlicher Ebene Einzug gehalten. So veranstaltete heuer im Frühling das Institut für Geschichte der Medizin der Stuttgarter Robert Bosch Stiftung ein dreitägiges Symposion zum Thema. Dabei wurden nicht nur die tollen Errungenschaften der Medizingeschichte diskutiert, sondern auch manch eine Schattenseite ausgeleuchtet. So etwa kam es im Zuge der Seuchenangst im ausgehenden Mittelalter zu heute sehr sonderbar anmutenden Therapien. Eine empfahl eine 24-stündige „Schwitzkur“, eingenäht in Betttücher. Überliefert ist, dass der Autor eines entsprechenden Pamphlets nach dem Verdacht auf „englischen Schweiß“ sich selbst sehr genau an die Anweisungen hielt – und noch am ersten Tag starb. Dass um 1900 Heroin als probates Hustenmittel für Kinder gepriesen wurde, hat sich  mittlerweile auch als Irrtum herausgestellt.

 

Beim Stuttgarter Symposion wurde auch an den unrühmlichen medizinischen Diskurs erinnert, der in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts Gebärmutterkrebs und „sexuelle Ausschweifungen“ in einen engen Zusammenhang gestellt hat. Als definitiv krankheitserregend wurde nicht nur der außereheliche Geschlechtsverkehr eingestuft, sondern unter anderem auch die Lektüre von Schriften, die „die Phantasie erhitzten“.

Solch extreme Lehrmeinungen gibt es im 21. Jahrhundert Gott sei Dank nicht mehr. Manches medizinische Ammenmärchen hat aber trotzdem ein langes Leben. Der Freiburger Arzt, Historiker und Publizist Dr. Werner Bartens hat mehrere Dutzend davon in seinem im Eichborn-Verlag erschienenen Buch „Lexikon der Medizin-Irrtümer“ aufgelistet. So sei es ein Irrtum, dass Kälte zu Erkältungen führe. Es sei mittlerweile ausreichend erforscht, dass weder Zugluft nach einem Bad noch nasse Haare oder Kleidung oder Schwimmen in eiskaltem Wasser zu Grippe oder grippalen Infekten führen. Bartens: „Erkältungen sind immer das Ergebnis einer Infektion. Die Häufung der Erkältungskrankheiten im Winter ist auf die erhöhte Keimzahl in geschlossenen und schlecht gelüfteten Räumen zurückzuführen.“

 

Ein klassischer Irrtum ist die Sache mit dem Spinat. Generationen von Kindern wurden mit dem grünen Brei gequält, weil sich ein amerikanischer Wissenschaftler um eine Kommastelle geirrt hat. Der Eisengehalt des Blattgemüses wurde deshalb zehnmal so hoch angesetzt. Die Folge waren Popeye und millionenfache „Zwangsernährung“ von Kindern. Tatsächlich enthält gekochter Spinat rund 2,2 Milligramm Eisen pro 100 Gramm. Viele andere Gemüse und Lebensmittel – darunter auch Schokolade – enthalten wesentlich mehr. Spinat ist wegen seines hohen Nitratgehalts für Kinder eigentlich nicht besonders empfehlenswert.

Sehr beständig hält sich die Mär, dass ein üppiges Mahl am Abend besonders dick macht. Völlig falsch, weiß die Wissenschaft: Es ist egal, zu welcher Tageszeit man die Kalorien zu sich nimmt. Es zählt allein die Gesamtmenge. Dr. Bartens: „Wer tagsüber normal isst und dann am Abend nochmals kräftig zulangt, darf sich über zusätzliche Kilos nicht wundern.“ Die falsche Vorstellung vom stärkeren „Anlegen“ der Abendmahlzeit rührt vom Irrtum her, dass auch die Verdauung und der Stoffwechsel auf Sparflamme arbeiten, während der Mensch schläft. Das Gegenteil ist jedoch der Fall.

 

Einen langen Bart hat auch die verbreitete Meinung, durch Rasieren würde das Wachstum von Haaren beschleunigt. Falsch, sagt Dr. Bartens. Man kann sich rasieren, wo und sooft man will – der Haarwuchs wird dadurch weder angeregt noch stärker. Der Eindruck, dass die Körperhaare nach einer Rasur schneller wachsen, hat einen simplen Grund: Der Rasierer schneidet die Haare an der dicksten Stelle ab. Deshalb wirkt das nachwachsende Haar fester und ist rasch wieder zu spüren.

 

Heinz Macher

Juli 2008


Foto: Bilderbox, privat


Kommentar

Kommentarbild von Dr. Werner Bartens zum Printartikel „Nicht nur sogenannte Laien, auch Ärzte sitzen verblüffend oft Irrtümern und Vorurteilen auf. Vielleicht ist das ein Grund, warum in vielen ärztlichen Fachbüchern gleich am Anfang steht: Medizin als Wissenschaft ist ständig im Fluss.“
Dr. Werner Bartens

Mediziner, Historiker und Publizist, Freiburg

Zuletzt aktualisiert am 13. November 2020