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Rheuma bei Kindern: Heilungschancen gestiegen

Rheuma bei Kindern - Heilungschancen gestiegenRheuma bei Kindern ist keine Seltenheit. Bei früher Diagnose und ausreichender Behandlung bestehen jedoch gute Chancen, ohne Schäden ins Erwachsenenalter zu kommen.

Ein geschwollnes Knie, ein gerötetes, überwärmtes Sprunggelenk, ein Knie oder ein Fuß schmerzt. Kommt ein Kind mit diesen Beschwerden zu den Eltern, denkt man vorerst an eine Verletzung, eine Verstauchung oder Prellung. Wenn aber in manchen Fällen die Symptome auch nach Wochen nicht verschwinden, sollte man an die Möglichkeit von Kinderrheuma denken und eine Kinder-Rheuma- Ambulanz aufsuchen.
„Bis zu 20 Prozent aller Kinder haben zumindest einen Arztkontakt wegen Gelenksbeschwerden. Ein Teil von ihnen leidet an Rheuma und diesen Teil gilt es zu erkennen und heraus zu filtern“, so OA Dr. Rudolf Schwarz, Leiter der Spezialambulanz für Rheumatologie an der Landes- Frauen- und Kinderklinik Linz.
Genaue Zahlen gibt es keine, aber geschätzte 1.000 österreichische Kinder unter 16 Jahren leiden an einer chronischen rheumatischen Erkrankung. Pro Jahr gibt es 150 bis 200 neue Erkrankungen, in gut zehn Prozent der Fälle verlaufen die rheumatischen Beschwerden chronisch.

Symptome und Krankheitsverlauf

Bei Kindern zeigt sich Rheuma als entzündliche Gelenkserkrankung. Am weitesten verbreitet ist die Arthritis (Entzündung der Gelenke), wobei sich die Gelenksinnenhaut entzündet und anschwillt. Das Gelenk wird dick, warm und schmerzt. Hält die Entzündung länger an, werden Knorpel, Knochen, Sehnen und Bänder beeinträchtigt. Die betroffenen Gelenke können schlechter bewegt werden – auch das Gehen oder Greifen ist beeinträchtigt.

Betroffene Kinder versuchen den Schmerzen zu entgehen, indem sie das jeweilige Gelenk nicht belasten. Sie beginnen sich anders als üblich zu bewegen, oder vermeiden bestimmte Tätigkeiten (z.B. schreiben, laufen). Häufig betroffen sind bei Kindern auch die Augen. Augenentzündungen sind ein Alarmsignal und sollten an eine mögliche Rheumaerkrankung denken lassen.

Frühe Diagnose steigert Behandlungserfolg

Ein zu langes Zuwarten bedeutet unnötiges Leid und schmälert die Heilungschancen. Je früher die Diagnose gestellt wird, desto besser sind die Chancen, die Erkrankung in den Griff zu bekommen. „Weil Rheuma im Kindesalter ganz anders als bei Erwachsenen verläuft. Der Körper ist im Wachstum und reagiert sehr sensibel und intensiv auf eine Störung, aber auch auf eine richtige Behandlung. Die Krankheit nimmt bei Kindern einen sehr raschen und intensiven Verlauf. Innerhalb von wenigen Wochen können, wenn keine Behandlung erfolgt, große Folgeschäden entstehen“, erklärt Schwarz.

Diagnose

Eine Diagnose basiert auf einer Erhebung der Symptome, der Beschwerden und der Behandlungserfolge. Die übliche Blutuntersuchung ist bei Kindern nicht genügend aussagekräftig. „Eine Laboruntersuchung des Blutes ist kein verlässlicher Indikator, ob ein Kind an Rheuma leidet oder nicht. Selbst wenn der Befund keine Rheumafaktoren anzeigt, kann beim Kind doch Rheuma vorliegen“, erklärt Schwarz.

Therapie

Mit Hilfe entzündungshemmender Medikamente, Physiotherapie (zur Förderung der Gelenkigkeit, Linderung von Schmerzen, Lösung von Verspannungen und Kräftigung der Muskulatur) und Ergotherapie (man erlernt, wie man alltägliche Aktivitäten möglichst gelenkschonend ausführt) bestehen gute Chancen, schwere Schäden des Gelenks- und Muskelapparates zu verhindern oder aufzuhalten. „Neue Medikamente, vor allem die so genannten Biologika bringen gute Erfolge. Die Wahl der Therapie erfolgt jeweils individuell in der Kinder-Rheumaambulanz“, sagt Schwarz. Weiters werden die jungen Patienten mit diversen Hilfsmitteln (Unterarmstützen, Handfunktionsschienen, Lagerungsschienen, die die Gelenke entlasten) versorgt.
Zusätzlich muss man die Augen regelmäßig kontrollieren. „Ein häufig unterschätztes Problem bei rheumatischen Erkrankungen im Kindesalter stellt eine Entzündung der Augen dar. Sie ist ein häufiges Begleitphänomen, obwohl oft keine oder nur schwache Symptome vorliegen. Zumindest alle drei Monate sollten betroffene Kinder daher zur Augenfacharztkontrolle“, rät Schwarz.

Bewusstsein für Erkrankung geschärft

Da Rheuma nach wie vor als Krankheit gilt, die alte Menschen betrifft, werden Kinder und Jugendliche mit dieser Erkrankung manchmal zu spät oder falsch diagnostiziert. Eltern warten bisweilen lange zu, ob die Schwellung nicht von selbst abklingt. „Grundsätzlich hat sich die Situation aber stark verbessert. Die Diagnose erfolgt heute meist früher als in vergangenen Jahren, weil sich ein Bewusstsein für die Krankheit sowohl in der Bevölkerung als auch bei Ärzten entwickelt hat. Beides zusammen hat dazu geführt, dass wirklich schwere Dauerschäden heute schon fast eine Seltenheit sind“, so Schwarz.

Gute Heilungsprognosen

Rheuma im Kindesalter ist im Gegensatz zum Erwachsenen-Rheuma heilbar. War die Therapie erfolgreich, dann sind laut Schwarz 75 Prozent der Betroffenen völlig wiederhergestellt. „Es ist so, als hätten sie Rheuma nie gehabt“, so der Mediziner. Beim Rest bleibt vor allem eine gewisse Einschränkung der Beweglichkeit der Gelenke und Augenprobleme bestehen. „Die Heilungserfolge sind stetig im Steigen. Bei 60 bis 70 Prozent kommt die Krankheit zum Stillstand und die Patienten werden wieder ganz gesund“ freut sich Schwarz. Rund drei Viertel der kleinen Patienten sind bis zur Pubertät wieder völlig beschwerdefrei. Die Behandlung erfolgt heute auch intensiver und konsequenter als früher. Es gibt weniger Langzeitschäden, da die Behandlung heute im Durchschnitt früher einsetzt als noch vor einigen Jahren und weil neue Medikamente besser wirken als die alten.

Ursachen weiterhin unklar

Noch weiß man relativ wenig über die Ursachen, die Rheuma bei Kindern und Jugendlichen auslösen. In vielen Fällen findet man in der Vorgeschichte einen Infekt beim Kind. „Der Körper wehrt sich bei einem solchen Infekt im Normalfall mit seinen Abwehrkräften gegen diese fremde Viren oder Bakterien. Es kann jedoch auch zu einem Fehler im Immunsystem kommen. Dann bekämpft das Immunsystem nicht nur die Eindringlinge, sondern auch körpereigenes Gewebe oder Gelenke. Durch diesen so genannten Autoimmunprozess entstehen schließlich rheumatische Entzündungen“, erklärt der Rheumatologe.

Dr. Thomas Hartl
November 2011


Foto: Bilderbox

Zuletzt aktualisiert am 11. Mai 2020