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Stammzell-Transplantation: Neue Chance

Stammzell-Transplantation, EprouvettenEin wesentlicher Therapiebaustein, oft die einzige Chance bei schwersten Krebserkrankungen, ist die Stammzell-Transplantation. In Oberösterreich hat das Krankenhaus der Elisabethinen seit 1992 ein Kompetenzzentrum mit Spezialisten aufgebaut. 500 Behandlungen wurden seither durchgeführt.


Immer mehr Patienten mit Krebs-Erkrankungen haben durch die Stammzell-Transplantation eine reale Heilungschance. Bei 388 Patienten im Alter zwischen 17 und 72 Jahren wurden im Transplantationszentrum der Elisabethinen bisher 500 Stammzell-Therapien durchgeführt. 405 Mal wurden autologe Stammzell-Transplantationen (mit eigenen Stammzellen) gemacht. Diese Methode ist relativ komplikationsarm, auch Mehrfachtransplantationen werden in ein Behandlungskonzept integriert. Dabei werden dem Patienten selbst gesunde Stammzellen entnommen und nach einer hochdosierten Chemo- und bzw. oder Strahlen-Therapie zur Neubildung des Knochenmarkes wieder transplantiert. 73 Prozent dieser Patienten leben heute, die meisten krankheitsfrei. Früher mussten zeitaufwendig in Vollnarkose die Knochen punktiert werden. „Durch eine neue Separationsmethode ist die Stammzell-Gewinnung einfacher geworden“, erklärt Oberärztin Dr. Hedwig Kasparu. Über 90 Prozent der autologen Stammzellen werden jetzt aus dem Blut, und nicht mehr wie früher aus dem Knochenmark, gewonnen.  

Fremdspender - Allogene Transplantationen

Patienten mit Leukämien oder Knochenmarkversagen benötigen ein gesundes Knochenmark von einem geeigneten Spender. Damit werden blutbildende Stammzellen und Immunzellen, das sind Abwehrzellen, übertragen. Im Krankenhaus der Elisabethinen, das auch Entnahmezentrum für Spender aus Oberösterreich ist, begann man 1994, Patienten Stammzellen von Familienspendern (Geschwistern) zu transplantieren — so genannte allogene Stammzell-Transplantationen. Auch hier hilft die neue Gewinnungs-Methode: Spender brauchen keine Vollnarkose mehr, können nach einer Nacht im Krankenhaus wieder nach Hause. Insgesamt wurden bisher in Linz 95 allogene Stammzell-Transplantationen durchgeführt, über 60 Prozent bei Patienten mit akuter Leukämie. Ist kein geeigneter Spender in der Familie vorhanden, dauert es circa zwei bis vier Monate bis sich ein Fremdspender findet — leider nur in 80 Prozent der Fälle. Weltweit stehen rund zehn Millionen Spender bereit. Das Komplikationsrisiko ist bei einer allogenen Stammzell-Transplantation relativ hoch, zum Teil auch lebensbedrohlich. Die Abstoßungsreaktion durch die transplantierten Stammzellen kann in den ersten Wochen den Patienten schwer zu schaffen machen. Sie benötigen oft mehrere Medikamente und eine langdauernde Nachbehandlung, um die Reaktion in den Griff zu kriegen. Bereits im Jänner 2005 wurde bei den Elisabethinen die Transplantationskapazität erhöht. Sieben Betten stehen jetzt zur Verfügung, eine eigene Nachsorgestation wurde geschaffen.

Rasanter Fortschritt

Nach vielen Jahren der Forschung begann man Ende der 50er Jahre mit der Übertragung von Knochenmark bei Patienten mit lebensbedrohlichen Blutbildungsstörungen. Es wurde Knochenmark von blutgruppenidenten Spendern verwendet. Zunächst waren die Ergebnisse sehr entmutigend, erst als die Bedeutung der Histokompatibilitäts-Testung erkannt wurde, begann in den 1970er Jahren die moderne Ära der Knochenmarktransplantationen. Dem späteren Nobelpreisträger E. D. Thomas gelang 1968 in Seattle die erste erfolgreiche Knochenmarkübertragung. Derzeit werden jährlich in Europa 25.000 Stammzell-Transplantationen durchgeführt, 400 davon in Österreich. Österreichische Zentren für allogene und autologe Stammzell-Transplantationen sind die Universitätskliniken in Wien, Graz und Innsbruck und das Krankenhaus der Elisabethinen in Linz.

Heilungsrate verdoppelt

„Die Stammzell-Transplantation ist 2006 eine etablierte Behandlung. Sie bleibt aber weiterhin in vielen Bereichen experimentell. Wir arbeiten weiter an der Verbesserung der Nebenwirkungen und der Effektivität“, erklärt Univ. Prof. Primar Dr. Dieter Lutz, Präsident der Gesellschaft für Hämatoonkologie und Leiter der Internen Abteilung bei den Elisabethinen. Prinzipiell kann man davon ausgehen, dass die Heilungsrate unter konventionellen Behandlungsmethoden durch eine Stammzell-Transplantation verdoppelt wird. Aber auch Patienten mit bisher nicht heilbaren Erkrankungen kann durch eine Stammzell-Transplantation eine, wenn auch geringere, Überlebenschance angeboten werden. Tritt nach einer Stammzell-Transplantation ein Rückfall ein, werden neue Behandlungsansätze wie Retransplantation oder Immuntherapie aber auch neue Medikamente eingesetzt.

„50 Prozent der Patienten haben eine Chance geheilt zu werden“, so Lutz. Die meisten sind sogar wieder arbeitsfähig. Nur 20 Prozent der allogenen Stammzell-Transplantations-Patienten benötigen eine Langzeitbehandlung.


Mag. Ulrike Bauer

August 2006


Foto: Bilderbox

Zuletzt aktualisiert am 11. Mai 2020