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Die Schilddrüse: Klein, aber wichtig

Klein, aber wichtig – die SchilddrüseDie Schilddrüse beeinflusst Körper und Geist. Sie wiegt um die 20 Gramm, hat die Form eines Schmetterlings, produziert Hormone und hat großen Einfluss auf die Entwicklung und den Stoffwechsel des menschlichen Körpers. Die Schilddrüse ist zwar ein kleines Organ, ist ihre Funktion aber gestört, kann das große Folgen haben.

Die Glandula thyreoidea – so nennen Mediziner die Schilddrüse – sitzt im Hals direkt vor der Luftröhre. Ihr Gewicht beträgt bei Frauen bis zu 18, bei Männern bis zu 25 Gramm. „Die Schilddrüse produziert unter anderem die Hormone Thyroxin und Calcitonin sowie in geringem Ausmaß Trijodthyronin. Der Hauptteil dieses Hormons wird außerhalb der Schilddrüse produziert. Der gewichtsmäßig größte Bestandteil von Thyroxin und Trijodthyronin ist das Spurenelement Jod“, erklärt Primarärztin Wilhelmine Maschek, Leiterin des Instituts für Nuklearmedizin und Endokrinologie am Allgemeinen Krankenhaus in Linz. Bei ihrer Bildung sind die Schilddrüsenhormone auf Jod angewiesen, das über die Nahrung aufgenommen wird. Deshalb ist es ganz wichtig, dieses Spurenelement dem Körper zuzuführen. Enthalten ist es unter anderem in Meeresfischen, Kochsalz und bestimmten Mineralwässern.

Von Anfang an Jod

Vor allem Schwangere und Frauen im gebärfähigen Alter sollten genügend Jod zu sich nehmen. Denn die Schilddrüse des Embryos entwickelt sich schon sehr bald: „Etwa in der siebten Schwangerschaftswoche hat sie ihre Position eingenommen. Drei Wochen später kann sie Jod aufnehmen und kurz darauf Hormone herstellen“, so Maschek.

Die Schilddrüse unterliegt den Regelkreisen der Hirnanhangdrüse und des Hypothalamus, der das vegetative Nervensystem steuert. Die Schilddrüsenhormone sind enorm wichtig für die körperliche und geistige Entwicklung. Sie beeinflussen den Kohlenhydrat-, Fett-, Eiweiß- und Knochenstoffwechsel sowie das zentrale Nervensystem und die Muskulatur. „Deshalb wird bei Babys ein Neugeborenen-Screening der Schilddrüse durchgeführt. Bei Bedarf werden medikamentös Schilddrüsenhormone gegeben“, sagt die Expertin.

Wie bedeutsam die Glandula thyreoidea ist, zeigt sich, wenn ihre Funktion als Hormondrüse gestört ist. Zwar ist sie nicht immer schuld, wenn jemand an Gewicht zulegt oder unausstehliche Charakterzüge annimmt, doch sie kann es sein. Denn das eine kennzeichnet eine Unter-, das andere eine Überfunktion.

„Bei einer Schilddrüsenunterfunktion, der Hypothyreose, werden die Körperzellen unzureichend mit Schilddrüsenhormonen versorgt“, erläutert Primaria Maschek. „Charakteristisch dafür ist, dass sie wegen des lang anhaltenden schleichenden Verlaufs und der anfangs nur geringen Symptome erst spät erkannt wird.“ Gewichtszunahme, Frieren, Müdigkeit, Desinteresse, depressive Verstimmung, kühle trockene Haut, stumpfe Haare, brüchige Nägel, Verstopfung, Zyklusstörungen sind nur einige Anzeichen, die auf eine Unterfunktion hindeuten können. Behandelt wird die Erkrankung mit der Gabe von Schilddrüsenhormonen“, so die Primarärztin.

Unter- und Überfunktion

Spricht man von einer primären Hypothyreose, ist die verminderte Produktion von Schilddrüsenhormonen in der Schilddrüse gemeint. Zu den häufigsten Ursachen dafür zählen Autoimmunerkrankungen der Schilddrüse oder extremer Jodmangel. Sehr selten ist eine Unterfunktion angeboren, etwa weil die Schilddrüse fehlt oder sie falsch sitzt. Zu den Ursachen der extrem seltenen sekundären und tertiären Form zählt etwa eine Funktionsstörung in der Hirnanhangsdrüse oder im Hypothalamus.

Bildet der Körper mehr Schilddrüsenhormone, als er braucht, ist von einer Überfunktion oder Hyperthyreose die Rede. Häufig sind Autoimmunerkrankungen der Schilddrüse wie zum Beispiel Morbus Basedow daran schuld. Zeichen einer Überfunktion können Aggressivität, Reizbarkeit, Ungeduld, erhöhte Herzfrequenz, Gewichtsabnahme, Zittern, vermehrtes Schwitzen oder Muskelschwäche sein. Wilhelmine Maschek: „Bei einer länger dauernden Überfunktion kommt es zu einem beschleunigten Knochenabbau.“ Die Therapie startet mit Medikamenten, welche die Schilddrüsenfunktion einbremsen. „Ist diese Funktion wieder normal, sollte eine definitive Lösung angestrebt werden, etwa durch eine Operation oder eine Radiojodtherapie. „Außer einer geringen Strahlenbelastung hat diese üblicherweise keine Nebenwirkungen“, sagt die Medizinerin.

Früherkennung wichtig

Ein Kropf – medizinisch Struma – kann auch unabhängig von einer Störung der Schilddrüsenfunktion entstehen. In den meisten Fällen ist aber die kleine Drüse die Ursache. Oft wird der Kropf zufällig entdeckt, etwa bei einer Halsuntersuchung. Als Kropf bezeichnet man eine knotig umgewandelte und (oder) vergrößerte Schilddrüse. Verursacht wird der Kropf unter anderem durch extremen Jodmangel. „Zur Bekämpfung des Jodmangels wurde in Österreich die gesetzliche Speisesalzjodierung eingeführt. In den vergangenen Jahrzehnten ist die Zahl der großen, sichtbaren Kröpfe deutlich rückläufig.“ Der Kropf kann in vielen Fällen medikamentös behandelt werden. Eine Operation ist nur dann notwendig, wenn er zu groß ist, trotz einer Therapie wächst, bei Beschwerden oder wenn der Verdacht auf einen bösartigen Tumor der Schilddrüse besteht.

„Bösartige Erkrankungen der Schilddrüse sind sehr selten. In den vergangenen Jahren ist die Zahl an Tumoren zwar geringfügig gestiegen, die Sterblichkeit jedoch gesunken“, so Maschek. „In den meisten Fällen ist eine totale Entfernung der Schilddrüse und der Halslymphknoten erforderlich. Anschließend ist je nach Tumorart eine Therapie mit radioaktivem Jod und in allen Fällen eine lebenslängliche Gabe von Schilddrüsenhormonen erforderlich. Wichtig ist die Früherkennung, denn sogenannte kalte Knoten in der Schilddrüse entarten häufiger als andere Knoten.“ Kalte Knoten können kein Jod aufnehmen und produzieren wenig oder keine Schilddrüsenhormone.

Zwar kommen Erkrankungen der Schilddrüse in jeder Altersgruppe vor, allerdings: „Es sind mehr Frauen als Männer betroffen“, berichtet Maschek aus der Praxis. Verhindern lassen sie sich zumeist nicht. Man sollte aber auf Alarmzeichen achten und rechtzeitig einen Arzt aufsuchen. Bei einer Blutuntersuchung wird der TSH-Wert bestimmt. TSH steht für Thyreoidea-stimulierendes Hormon, das vermehrt freigesetzt wird, wenn im Körper zu wenig Schilddrüsenhormone zirkulieren. Produziert die Schilddrüse eigenmächtig vermehrt Hormone, wird die Freisetzung von TSH unterdrückt. Die endgültige Abklärung erfolgt mit Ultraschall oder einer Szintigrafie. Mit dieser nuklearmedizinischen bildgebenden Methode wird festgestellt, wie das Schilddrüsengewebe arbeitet. In kalten Knoten kommt es zu keiner Aktivitätsanreicherung, bei hyperthyreotem Schilddrüsengewebe wird eine erhöhte Aktivität dargestellt.

Cornelia Schobesberger

April 2010

Foto: Bilderbox, privat

Hoher Jodgehalt


Jodgehalt μg Jod/100 g
Tunfisch in Öl 72
Seelachs 40
Sardinen in Öl 25
Schafkäse (50 % Fett) 114
Parmesan 67
Camembert (30 % Fett) 63
1 Prise Salz 10
Das Spurenelement ist auch in verschiedenen Mineralwässern enthalten.

Tagesbedarf an Jod 150 μg
Referenzwert der Österreichischen Gesellschaft für Nuklearmedizin

Kommentar

Kommentarbild von Dr. Wilhelmine Maschek zum Printartikel „Vor allem Frauen im gebärfähigen Alter sollten auf eine funktionstüchtige Schilddrüse achten. Durch die Bestimmung der TSH-Basalwerte können Störungen frühzeitig erkannt und behandelt werden. Auch sollte man umgehend einen Arzt aufsuchen, wenn im Hals irgendein Knoten auftritt.“
Dr. Wilhelmine Maschek
Leiterin des Instituts für Nuklearmedizin und Endokrinologie am AKH Linz

Zuletzt aktualisiert am 13. November 2020