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Schmerzbehandlung durch Kältetherapie

Schmerzbehandlung durch KältetherapieDer Aufenthalt in einer Kältekammer verspricht Schmerzpatienten Linderung ihrer Leiden. Bei Minus 110 Grad wird in Badehose oder Bikini dem Schmerz der Kampf angesagt.

Kälte ist ein altbekanntes Heilmittel zur Abschwellung bei Verletzungen und zur Schmerzlinderung. Es gibt verschiedene Möglichkeiten der Anwendung, etwa Kühlspray, Kältepackungen, maschinelle Kälteanwendungen durch tiefgekühlte Luft oder Stickstoff, kalte Wickel und Kneippsche Anwendungen. Bei chronischen Schmerzen werden oft Kuren mit einer Mindestdauer von drei Wochen empfohlen, bei denen Kälteanwendungen einen Teil des Behandlungsplanes ausmachen. Die Erkenntnis, dass Kälte gegen Schmerzen wirkt, findet in der Kältekammer ihre Weiterentwicklung. Die Ganzkörper-Kältetherapie (Kryotherapie) ist ein relativ neues Verfahren und wird bisher vor allem in Kur- und Reha-Zentren eingesetzt, um chronische Schmerzen oder Gelenkserkrankungen zu behandeln.

Ärztlicher Check

In die Kältekammer sollte man nur dann gehen, wenn man sich weitgehend gesund und wohl fühlt. „Wer Angst oder Panik vor der bevorstehenden Kälte verspürt, darf nicht hinein, immerhin können drei Minuten bei Minus 110 Grad eine lange Zeit sein“, so Dr. Maria Holzmann, ärztliche Leiterin im Lebensquell Bad Zell.

Ausschließungsgründe

Bevor man eine Kältekammer betreten darf, wird man vom Arzt untersucht und bezüglich Kontraindikationen befragt.
Keine Kälteanwendungen dürfen zum Einsatz kommen bei:

  • Blutdruck über 160/90 mm Hg (Dieser Wert stellt die absolute Einlassgrenze für den Eintritt in die Kältekammer dar.)
  • akute Herz-Kreislauf-Erkrankungen (koronare Herzerkrankung sowie schwere Formen von Herz-Rhythmus-Störungen)
  • Herzschrittmacher
  • Arteriellen Durchblutungsstörungen
  • Asthma, wenn bei Kälte Verschlechterung eintritt
  • trophischen Gewebsstörungen
  • Kälteallergien
  • Sensibilitätsstörungen (Polyneuropathien)
  • Epilepsie
  • Platzangst, Panikattacken
  • Zuckerkrankheit (Diabetes mellitus), wenn Neigung zu Unterzucker besteht
  • Weißfingerkrankheit (Morbus Raynaud)

Vorbereitung

Nach dem ärztlichen Check und der Freigabe geht es direkt in die Kältekammer. Vor dem Eintritt ist zu beachten: Der ganze Körper, also Haut und Haare müssen trocken sein, man darf nicht schwitzen oder feuchte Badekleidung tragen. Zwei Stunden vor dem Besuch der Kältekammer sollte man also weder in der Sauna oder der Therme gewesen sein und auch nicht gesportelt haben. Der Blutdruck wird unmittelbar vor dem Einlass nochmals kontrolliert.
Trotz der Kälte heißt es nicht „warm anziehen“, im Gegenteil, Badekleidung ist angesagt. Zum Schutz empfindlicher Körperstellen trägt man jedoch Haube oder Stirnband, Mundschutz, Handschuhe, dicken Socken und Turnschuhe. Schmuck und vorhandener Hörapparat müssen entfernt werden.

In der Kammer

Um sich an die tiefen Temperaturen zu gewöhnen, geht es vorerst für eine halbe Minute in eine minus 60 Grad kalte Vorkammer. Man durchschreitet diese und gelangt in die minus 110 Grad kalte Hauptkammer. Hier bleibt der Patient dann zweieinhalb Minuten. Man setzt sich nicht nieder, sondern bewegt sich, indem man langsam umher geht. Geatmet wird durch die Nase. Während dieser drei Minuten hat eine Diplomkrankenschwester mit dem Patienten Sicht- und Sprechkontakt. Fühlt man sich nicht wohl, kann man die Kammer jederzeit verlassen. Eine Kältekammer besitzt zudem eine Video-Überwachung.
Trotz der spärlichen Bekleidung spürt man keine Schmerzen auf der Haut. „110 Grad Minus hält man in der Kammer deshalb gut aus, weil es sich um eine extrem trockene Kälte handelt“, erklärt Holzmann. Nach dem Besuch der Kältekammer kribbelt die Haut, bedingt durch die Gefäßerweiterung und damit verbesserter Durchblutung. „Die Patienten kommen gut gelaunt, heiter und meist eine Portion glücklicher wieder heraus, als sie hinein gegangen sind. Denn die Kälte bewirkt über die Hormone zumeist einen positiven Stimmungsumschwung“, berichtet die ärztliche Leiterin.

Wirkungsweise – Kälte nimmt den Schmerz

Die Kältekammer wirkt schmerzlindernd und entzündungshemmend. Ziel einer solchen Behandlung ist zudem die Beschleunigung von Regenerations- und Heilprozessen. Spannungszustand, Durchblutung und Stoffwechsel der Skelettmuskulatur werden beeinflusst.
Stark vereinfacht lassen sich die physiologischen Vorgänge so beschreiben: Bei Kälte verengen sich die Blutgefäße, die Blutversorgung im äußeren Körperbereich wird reduziert. Bei der anschließenden Erwärmung weiten sich die Gefäße wieder und Abfallstoffe werden vermehrt abtransportiert und ein vermehrter Zustrom an Sauerstoff sorgt für eine bessere Durchblutung und eine Leistungssteigerung. „Durch den kräftigen, kurzen Kältereiz auf nahezu die gesamte Körperoberfläche werden auch die Reflexbahnen beeinflusst und Einwirkungen auf zentrale Steuerungsfunktionen sowie das Hormon- und Immunsystem ausgelöst. Dies erklärt die schmerzlindernde Wirkung“, so Holzmann.
Der Einfluss von Kälte auf das Nervensystem hat nicht nur eine schmerzlindernde Wirkung, sondern ist auch für den muskelentspannenden Effekt verantwortlich. Die tonische Aktivität der Muskulatur wird gesenkt (die Muskulatur wird weicher) und der Reflexbogen, der zwischen Schmerz und erhöhter Muskelspannung besteht, kann so unterbrochen und wieder in normale Bahnen gelenkt werden. Das Ergebnis: Der Muskeltonus wird reguliert, Verspannungen lösen sich und damit mindern sich auch die Schmerzen.

Dauer der Wirkung

„Die Erfahrung zeigt, dass bereits ein einmaliger Eintritt in die Kältekammer einige Stunden Schmerzlinderung oder Schmerzfreiheit mit sich bringt. Bei manchen Patienten kommt die Besserung erst später, etwa nach fünf oder zehn Anwendungen, dafür bleibt der lindernde Effekt bei wiederholter Anwendung meist länger“, sagt Holzmann.
Die ärztliche Leiterin über den Einsatz der Kryotherapie im Rahmen einer Kur: „Diese durch die Kältekammer erwirkte Zeit der Schmerzfreiheit kann für medizinisches Bewegungstraining genützt werden, um den Bewegungsradius einzelner Gelenke wieder zu verbessern. Kur-Patienten können die Kältekammer drei Wochen in Anspruch nehmen, maximal zweimal am Tag. Je nach dem individuellen Ansprechen auf die Kälte wird die Therapie abgestimmt. Bei regelmäßiger Durchführung der Therapie haben Patienten mit chronisch entzündlichem Rheuma oder Arthrose eine gute Chance, kranke Gelenke wieder einigermaßen schmerzfrei beweglich zu machen. Viele Patienten berichten von lang anhaltenden Effekten bis zu mehreren Jahren.“

Anwendungsgebiete

„Die Ganzkörperkältetherapie lindert die Schmerzen und zwar egal welche Ursache sie haben“, so Holzmann. Besonders geeignet sei sie bei:

  • chronischen Schmerzen
  • entzündlichen oder degenerativen Gelenks- und Wirbelsäulenerkrankungen
  • Rheumabeschwerden (z.B. bei primär chronischer Polyarthritis oder Morbus Bechterew)
  • Muskelschmerzen
  • weichteilrheumatische Erkrankungen, z.B. Fibromyalgie
  • Schmerzen nach Operationen und Verletzungen
  • akuten Sportverletzungen
  • akuten Schmerzen


„Neben der Schmerzlinderung steigert eine Serie von Kältekammergängen auch das allgemeine Wohlbefinden. Die Kältekammer bringt aber auch Linderung bei Schuppenflechte oder Neurodermitis durch ihren juckreizlindernden Effekt. Auch bei Migräne und depressiven Verstimmungen berichten Patienten von Verbesserungen. Sportler gehen vor Wettkämpfen gerne in die Kältekammer, weil dadurch die Leistungsfähigkeit gesteigert wird und nach Wettkämpfen, um die Regenerationsphase zu unterstützen“, so die Ärztin.

Dr. Thomas Hartl

Dezember 2012

Foto: Lebensquell Bad Zell

Zuletzt aktualisiert am 11. Mai 2020